ARBEITSGEMEINSCHAFT SPURENSUCHE IN DER SÜDHARZREGION

IN KOOPERATION MIT

SAMTGEMEINDE BAD GRUND, KVHS OSTERODE, SPURENSUCHE GOSLAR E.V.

MIT FREUNDLICHER FINANZIELLER UNTERSTÜTZUNG DURCH DIE
NIEDERSÄCHSISCHE LANDESZENTRALE FÜR POLITISCHE BILDUNG


TAG DES GEDENKENS AN DIE OPFER DES NATIONALSOZIALISMUS


"BAD GRUND UND UMGEGEND 1933 - 1945"

Sonntag, 27. Januar 2002, 14.15 Uhr

Bad Grund, Haus des Gastes

14:15 Uhr          PROGRAMM           17:00 Uhr

Im Haus des Gastes wird eine begleitende Wandtafel-Ausstellung mit historischen Fotos und Dokumenten präsentiert

Regionale Infos zum Thema im Internet
www.dora.de     www.f-jacobs.de     www.spurensuche-harz.de



stellvertretende Landrätin G. Menzel
Für den Landkreis sprach die stellvertretende Landrätin Menzel.


Jörg Kulbe

Gedenken an die Opfer der nationalsozialistischen Gewaltherrschaft

Sehr geehrte Damen und Herren,

zunächst möchte ich der Stellvertreterin des Landrates, Frau Menzel, und dem stellvertr. Bürgermeister der Samtgemeinde Bad Grund, Herrn Lohrberg, für die Grußworte danken. Im Namen der Arbeitsgemeinschaft Spurensuche in der Südharzregion begrüße ich Sie alle herzlich zu der heutigen Veranstaltung. Sie findet anlässlich des Tages zu Ehren und zum Gedenken an die Opfer der nationalsozialistischen Gewaltherrschaft statt.

   "Wer die Augen vor der Vergangenheit verschließt, der wird blind vor der Gegenwart" - Dieses Zitat stammt aus der Erklärung von Alt-Bundespräsident Richard von Weizsäcker zum 50. Jahrestag des Aufstandes im Warschauer Ghetto.
Sein Amtsnachfolger Roman Herzog hat konsequent den Gedankengang seines Vorgängers fortgesetzt und im Jahr 1996 den 27. Januar zum jährlichen Gedenktag an die Opfer des Nationalsozialismus proklamiert.
Der 27. Januar 1945 ist der Tag, an dem im Konzentrationslager Auschwitz, dem wohl größten und furchtbarsten Vernichtungslager der Nationalsozialisten 5000 von der SS zurückgelassene entkräftete Häftlinge durch sowjetische Truppen befreit wurden und damit erstmals ein unmittelbarer Eindruck des ganzen Ausmaßes der nationalsozialistischen Menschenverbrechen gewonnen werden konnte.

   Wenn ich von den Vernichtungslagern der SS spreche, dann nicht um so zu tun, als ginge uns das nichts an und es seien einige wenige verantwortlich zu machen - Hitler und Goebbels, Göring, Himmler, Eichmann und wie die anderen Haupttäter hießen.
Wenn wir diesen Gedenktag in wirklicher Verantwortung begehen, insbesondere auch in Verantwortung vor den Opfern, dann muss als erstes das Eingeständnis gemacht werden, es geschah durch Angehörige des deutschen Volkes.
Es geschah durch aktive Mithilfe.
Es geschah nicht nur erzwungenermaßen. Es geschah auch unter mehr oder minder starker Duldung breiter deutscher Bevölkerungskreise - und es geschah auch unter mehr oder minder starkem Wegschauen und Verdrängen. Nur wenige waren bereit, den Zwangsarbeitern oder KZ-Häftlingen zu helfen.
Gewiss viele Deutsche wussten von Gaskammern und KZ`s, ohne davon wissen zu wollen. Und so manche - aber nicht alle - waren willfährige Vollstrecker Hitlers bei all den Wahnsinnstaten des NS-Regimes.

   Es gibt aber keine Kollektivschuld , wohl aber eine Kollektivscham der Deutschen, wie es der erste Bundespräsident Theodor Heuss genannt hat, Wie empfinden Scham für die, die sich im deutschen Namen an ihren Mitmenschen versündigt haben.
Wir wollen den heutigen Tag nutzen der Opfer nationalsozialistischer Gewaltherrschaft hier im Südwestharz, vor allen der Zwangsarbeiter und KZ-Häftlinge, zu gedenken.

   Hier in Bad Grund wurden Zwangsarbeiter aus Belgien, Frankreich, den Niederlanden und der Sowjetunion und britische Kriegsgefangene im Kalksteintagebau und im Erzbergbau eingesetzt. Der Einsatz von KZ-Häftlingen ist in Bad Grund nicht belegt. Herr Rotman, überlebender niederländischer Zwangsarbeiter, wird später über seine Erinnerungen berichten.

   Doch lassen Sie mich zunächst skizzieren, was sich in der Zeit von 1939 bis 1945 im Harz zutrug. Mit dem deutschen Überfall auf Polen im September 1939, dem Angriff auf Frankreich und die Beneluxstaaten im Mai/Juni 1940 und den anfänglichen Erfolgen im Krieg gegen die Sowjetunion wurden zahlreiche Kriegsgefangene und zwangsverpflichtete Arbeitskräfte aus Polen, Frankreich, den Niederlanden, Belgien und der Sowjetunion ins Deutsche Reich zur Arbeit deportiert. Spätestens seit Mitte 1942 , als immer mehr Menschen aus den besetzten Gebieten der Sowjetunion in das Reichsgebiet verschleppt wurden, war der Harz von einem dichten Netz von "Fremdarbeiter"-Lagern überzogen.

   Das Leben der ausländischen Zwangsarbeiter war häufig gekennzeichnet durch schlechte Ernährung, unzureichende Kleidung, schlechtes Schuhwerk, Ausgehbeschränkungen, geringe Entlohnung sowie mangelhafte sanitäre und hygienische Bedingungen in den Massenquartieren.
Über die Zwangsarbeit in der Harzer Rohstoffwirtschaft werden im Anschluss Friedhart Knolle und Claudia Kuepper-Eichas referieren.

   Ende 1943 war auf Grund des Zurückweichens der Front im Osten kaum noch mit russischen Kriegsgefangenen zu rechnen und auch der Nachschub ausländischer Arbeitskräfte aus Ost- und Westeuropa versiegte mehr und mehr. Als letztes Arbeitskräftepotential wurden ab 1944 verstärkt Häftlinge aus Konzentrationslagern in der deutschen Rüstungsindustrie eingesetzt. Dies führte zu einem starken Anstieg der Häftlingszahlen und zur Gründung zahlreicher neuer Außenkommandos in der Nähe oder sogar auf dem Gelände der Unternehmen. In der Harzregion wurden im Laufe des letzten Kriegsjahres zahlreiche KZ-Außenlager eingerichtet, deren Insassen in der Rüstungsindustrie oder bei den Untertageverlagerungen Zwangsarbeit leisten mussten.
Zu diesen Lagern gehörte das KZ Mittelbau-Dora, ein Komplex von 40 Lagern, die besonders den Südharz mit einem dichten KZ-Netz überzogen, aber auch Buchenwalder Außenlager wie das berüchtigte KZ Langenstein-Zwieberge bei Halberstadt im Nordharz oder das KZ-Außenlager Bad Gandersheim. Tausende von Häftlingen starben in diesen Lagern, von denen manche nur wenige Monate existierten.

   Am Beispiel dieser Lager zeigt sich, dass sich das KZ-System nicht mehr auf die im diffusen "Osten" gelegenen Vernichtungslager oder die bekannten scheinbar isolierten großen Konzentrationslager wie Dachau oder Buchenwald beschränkte, sondern es bestand aus einem dichten Netz von Haupt- und Außenlagern, das bis in den letzten Winkel Deutschlands reichte und der Bevölkerung täglich die Schrecken der NS-Verbrechen vor Augen führte. Damit gehörten die Lager zum Kriegsalltag der deutschen Zivilgesellschaft, die in der Auflösungsphase des "Dritten Reiches" vom KZ-Terror durchdrungen war.

Diese KZ-Lager bildeten den grausamen Kern eines Zehntausende von Arbeitskräften umfassenden Lagerkosmos in der Harzregion. Weder in ihrer Funktion noch in der gesellschaftlichen Einbettung waren die KZ-Lager isolierte Erscheinungen. Sie waren von einer Vielzahl von Lagern anderer Kategorien umgeben, also etwa Kriegsgefangenenlagern, "Fremdarbeiter"-Lagern und Internierungslagern der Gestapo oder der Organisation Todt. Vielfach arbeiteten deutsche Zivilbeschäftigte, ausländische Zwangsarbeiter und KZ-Häftlinge nebeneinander in den Betrieben und auf den Baustellen, bisweilen waren sie sogar - nur durch Zäune getrennt - im selben Lager untergebracht.

   In Südniedersachsen arbeiteten im Winter 1944 insgesamt ca. 4750 KZ-Häftlinge bei den Heinkelwerken Bad Gandersheim, dem Polte-Werk, Duderstadt, der Munitionsanstalt Volpriehausen, den Firmen Heber, Osterode, und Piller, Moringen, wurden beim Bau von Untertageverlagerungsprojekten wie Dachs IV, Osterode, oder der sogenannten Helmetalbahn eingesetzt. Ende 1944 waren etwa 50 Prozent der Arbeitskräfte Fremdarbeiter, Kriegsgefangene und KZ-Häftlinge.

   Der 27. Januar - der heutige Gedenktag an die Opfer des Nationalsozialismus - war 1945 für die Südharzer Lager noch nicht der Tag der Befreiung. Das Martyrium von Gewalt, Brutalität, Entwürdigung und Tod hatten die Gefangenen dieser Lager noch nicht überstanden.

   Als sich die sowjetische Armee im Januar 1945 dem KZ Auschwitz näherte, hatten die SS-Wachmannschaften begonnen, die verbliebenen 60 000 Lagerinsassen neuerlich zu deportieren. Sie wurden in Todesmärschen zu den benachbarten Bahnhöfen im oberschlesischen Industriegebiet getrieben. Wer auf diesen Märschen vor Erschöpfung und Kälte zusammenbrach, wurde auf der Stelle von der SS erschossen. In Oberschlesien verluden die SS-Wachmannschaften die überlebenden Häftlinge in Eisenbahnzüge, um sie nach Westen in die Konzentrationslager zu bringen. Auch im Konzentrationslager Mittelbau-Dora trafen Ende Januar 1945 unablässig Evakuierungstransporte aus Auschwitz und anderen Konzentrationslagern ein.

   Während der Eisenbahnfahrt in offenen Güterwaggons waren die Häftlinge der winterlichen Witterung eine ganze Woche lang ungeschützt ausgesetzt. Die meisten Neuankömmlinge wurden im KZ "Dora", sofern sie überhaupt noch zu irgendeiner Arbeit fähig waren, baldmöglichst auf die Außenlager, zumeist die Bau-KZ´s verteilt. Schwerkranke schob man vor allem in das Nordhäuser Außenlager Boelcke-Kaserne ab, das sich dadurch zum Massenquartier von Kranken und Sterbenden verwandelte.

   Als sich im März vom Westen her die amerikanischen Streitkräfte dem Harz näherten, hofften die bislang Überlebenden, nun von den Alliierten befreit zu werden. Doch es kam anders. Die SS wiederholte nun, was sie bereits ein Vierteljahr zuvor in Auschwitz und Groß-Rosen praktiziert hatte, als sich die Rote Armee diesen Konzentrationslagern genähert hatte: Sie räumte die Lager und trieb ihre Insassen in tage-, manchmal wochenlangen Fußmärschen und Eisenbahn-Transporten quer durch den immer schmaler werdenden Korridor zwischen der Ostfront und den zügig vorankommenden Westalliierten. Tausende von Häftlingen starben auf diesen Todesmärschen an Erschöpfung, Hunger und Durst. Viele wurden auch von ihren Bewachern hinterrücks erschossen.

   Einer dieser Todesmärsche zog auch durch Bad Grund. Er stammte aus dem KZ Bad Gandersheim, wo die SS am frühen Morgen des 4. April 1945 40 Revierkranke in dem Wäldchen bei Clus in der Nähe des Lagers erschossen hatte. Die Überlebenden, etwa 450 Häftlinge, hatte sie anschließend in Richtung Bad Grund getrieben, wo sie die erste Nacht ihres Todesmarsches verbrachten. Firouz Vladi und Nathan Schmidtchen werden später über die Opfer der Todesmärsche im Raum Bad Grund berichten.
Deshalb ist der Januar für die Südharzer Konzentrationslager nicht der Monat, in dem man an die Befreiung der Häftlinge denken kann, man muss an ihre Qualen und ihren schrecklichen Tod denken.

   Nach dem Ende des Krieges wurden die Südharzer Lager von der deutschen Nachkriegsgesellschaft schnell "vergessen". Heute gehören Begriffe wie Auschwitz oder Buchenwald zum kollektiven Erinnerungshaushalt. Von den vielen Lagern in unserer Heimatregion weiß man dagegen kaum etwas. Das hat natürlich seinen Grund: Von den Morden im diffusen "Osten" oder den vermeintlich hinter Wäldern versteckten großen Konzentrationslagern nichts gewusst zu haben, konnte man sich leicht einreden. Die Erinnerung daran wurde verdrängt, hätte sie doch eine Auseinandersetzung mit der eigenen Schuld bedeutet.

   Mit dem Generationswechsel ist jedoch in den vergangenen Jahren ein Perspektivwechsel eingetreten. Den Erben der Tätergeneration wird nun langsam bewusst, was die NS-Verfolgten schon lange wissen: Die NS-Verbrechen fielen nicht vom Himmel, und sie befanden sich auch nicht im isolierten, gesellschaftslosen Raum. Sie gehörten spätestens im Krieg mit der Präsenz von Zwangsarbeitern, Kriegsgefangenen und den Insassen von Hunderten von KZ-Außenlagern zum Kriegsalltag der deutschen Bevölkerung.

   Die Erinnerung an die NS-Verbrechen und ihre Opfer wachzurufen und zur Auseinandersetzung mit diesen lange verdrängten Teil der Lokalgeschichte beizutragen ist das Ziel der Arbeitsgemeinschaft Spurensuche in der Südharzregion.
Über die Förderung der Gedenkarbeit wird später der niedersächsische Landtagsabgeordnete Dr. Domröse referieren.

   Wenn wir heute an die wohl dunkelsten Zeiten unserer Geschichte erinnern, dann ist dieses bewusste Vergegenwärtigen von Vergangenem, die Verpflichtung gegen das Vergessen unsere moralische Pflicht.
Besonders für die Nachkriegsgeneration muss dieser 27. Januar ein Anlass zum Nachdenken darüber sein, wie gefährlich extremistisches Gedankengut für die Demokratie ist.
Verdrängen der Vergangenheit, Wegschauen von dem, was geschehen ist, könnte den Boden bereiten, neues Unrecht geschehen zu lassen.        zum Programm



Grußwort des stellvertretenden Bürgermeisters der ehemalige niederländische Zwangsarbeiter Gerrit Rotman
Der stellvertretende Samtgemeindebürgermeister Herbert Lohrberg begrüßte die Anwesenden. Gerrit Rotman aus den Niederlanden wurde von der Samtgemeinde Bad Grund eingeladen und berichtete von den Arbeits- und Lebensbedingungen seiner Zeit in Bad Grund.

Gerrit Rotman

Wie es damals war

Meine Damen und Herren.

Ich bin Gerrit Rotman aus den Niederlanden und habe wie Zwangsarbeiter von Mai 1943 bis Ma1 1945 in der Grube "Hilfe Gottes" in der Bergstadt Bad Grund arbeiten müssen. Mein Beruf in den Niederlanden war Büroangestellter und Sie können sich also vorstellen, dass die Arbeit in der Grube für mich überhaupt im Anfang sehr schwer war. Unsere Gruppe aus den Niederlanden war 30 Männer groß.

   Urlaub bekamen wir nicht, also konnten wir nimmer für einige Tage nach Hause. das Verlangen nach Hause war für mich aber so groß, dass ich Anfang Dezember 1943 geflüchtigt bin, aber leider hat die Polizei mich in einem Zug van Hannover nach Utrecht geschnappt, die Polizei hat mich dann ins Gefängnis in Bielefeld abgeführt. Nach vielen Gesprächen mit immer anderen Polizeimenschen und Militären ist es mir gelungen, dass man mir nach einigen Tagen die Genehmigung gab um zurück zu reisen nach Bad Grund und meine Arbeit dort in der Grube wieder anfing.

   Ende Dezember am ersten Weihnachtstag flüchtete sich ein zweiter Niederländer, leider ist auch er durch die Polizei geschnappt und schon nach einigen Tagen kam unser Lagerführer uns mitteilen, dass er im Konzentrationslager an Lungenentzündung gestorben war. Er war verheiratet und hatte zwei kinder. seine Frau und die Kinder haben Mann und Vater nie wieder gesehen! Ich hatte also viel Glück gehabt lebendig in Bad Grund zurückgekommen zu sein.

   Ein kleines Jahr später habe ich zum zweiten Mal Glück gehabt. Die genaue Zeit weiß ich nicht, aber es muss das letzte Trimester 1944 gewesen sein. Ich arbeitete damals zusammen mit Herrn Römermann aus Bad Grund. Als wir an einem Morgen unsere Arbeit anfingen, kam ein sehr grosses und schweres Stück Gestein herunter gestürzt und fiel auf meinen linke Schulter. Ich stürzte herunter und als ich wieder aufgestanden war, sah ich meinen Mitarbeiter gar nicht. aber sofort danach sah ich, dass er mit seinem Kopf zwischen seinen Beinen zwiefach gefaltet unter dem Gestein lag. Herr Römermann hat es nicht überlebt. Ein trauriges Unfall.

   Als endlich die Alliierten im April 1945 Bad Grund näherten, war das Ende für uns noch nicht da. Wir wurden nämlich damals noch abgeführt nach Magdendurg und östlich der Elbe mussten wir Schützengraben graben. Man glaubte noch immer den Krieg gewinnen zu können und meinte durch die Schützengraben die Russen, die vom Osten näherten, zu stehen bringen zu können. Wir wurden aber schon nach einigen Tagen durch die Amerikaner befreit und die haben dann dafür gesorgt, dass wir nach Hause zurückkehren konnten. Anfang Juni 1945 war ich dann wieder zu Hause. Das war also kurz gesagt meine Erlebnisse als Zwangsarbeiter in der Zeit Mai 1943 / Mai 1945.

   Einmal zu Hause mit den Gedanken nun darf ich ein wenig ausruhen und mich dem Leben zu erfreuen. den Krieg vergessen und weiter mit meinem Leben. Aber dann kamen die traumatischen Gedanken; schlecht schlafen und immer wieder traumatische Träume, dass man wieder gezwungen wurde in die Grube arbeiten zu müssen, und das ist mein ganzes Leben bis heute so geblieben. Wir können und mögen dann auch diese erschreckliche Zeit nie vergessen. Die Vorfälle in Amerika am 11.September voriges jahr habe ich erfahren, als ob die Welt zusammenstürzte und meine erste Gedanken war wach werden, schau herum, es droht Gefahr, aber wir müssen weiter.

   Noch immer wird auf der Welt auf viele Plätze Krieg geführt. Werden wir jemals noch mitmachen, dass auf unsere Planet nur Frieden ist und alle Menschen wie Freunde neben einander leben? Wer das Antwort auf diese Frage weiß, darf ich sagen, ich glaube nicht daran.

   Nun muss ich noch Herrn Vladi und all diejenigen, die mich und meine Frau diesen Tag in Bad Grund mitzumachen, ermöglicht haben, herzlichen Dank sagen. Und auch herzlichen Dank an der Bergstadt Bad Grund und seinem Bürgermeister Rennhofer, der uns einige Tage als Gast Obdach geboten haben.

Ich danke Ihnen.



 Dr. Claudia Kuepper-Eichas Friedhart Knolle vom Verein Spurensuche Goslar
Dr. Kuepper-Eichas berichtete über Zwangsarbeit im Harzer Bergbau. F. Knolle vom Verein Spurensuche Goslar e. V. ging auf die Situation in der Rohstoffwirtschaft ein.

Dr. Kuepper-Eichas

Zwangsarbeiter in Bergwerk und Steinbruch

Begriffskonkretisierung: Zwangsarbeiter

   Wenn man sich mit dem Problem der Zwangsarbeiter zu beschäftigen beginnt, fällt zunächst auf, dass unter diesem Oberbegriff eine Vielzahl von Personengruppen mit zum Teil sehr unterschiedlichen Arbeitsverhältnissen zusammengefasst werden. Es lassen sich grob vier verschiedene Gruppen unterscheiden:
ausländische Zivilarbeiter (die größte Gruppe der Zwangsarbeiter),
ausländische Kriegsgefangene,
Häftlinge aus den Konzentrationslagern der SS im Reichsgebiet
und die europäischen Juden, die in ihren Heimatländern, vor allem aber nach ihrer Deportation, Zwangsarbeit verrichten mussten.

   Je nach Nationalität und Status existierte ein vielfach gestaffeltes System der Hierarchisierung mit jeweils besonderen Vorschriften für Behandlung, Lohn, Unterkunft etc. In dieser fein differenzierten Stufenleiter standen Russen (Ostarbeiter) ganz unten, gefolgt von polnischen Arbeitern. Sie waren z.B. verpflichtet an ihrer Kleidung ein Kennzeichen zu tragen. Die polnischen Arbeiter hatten entsprechend das sogenannte Polen "P" an ihrer Kleidung anzubringen. Ganz oben rangierten die Gastarbeitnehmer aus dem verbündeten Italien und Arbeiter aus Nord- und Westeuropa. Am aller untersten Ende der rassistischen Hierarchie standen die Juden.

   Aus den im Krieg eroberten Gebieten wurden Tausende von Arbeitskräften in besonderen Transporten zum Reichseinsatz nach Deutschland gebracht. (September 1944: 7,6 Millionen auslädische Arbeitskräfte) Wirklich freiwillig kam kaum jemand. Mit der im Laufe des Krieges immer angespannteren Lage am Arbeitsmarkt im Reich wurden die Rekrutierungsmethoden immer rigider, glichen mitunter regelrechten Menschenjagden.
Die Ströme der Arbeitskräfte wurden von zentralen Stellen über Durchgangslager zu ihren Bestimmungsorten in der Industrie geschleust. Eine zentrale Rolle und Funktion hatten bei der regionalen Verteilung der Arbeitskräfte die Arbeitsämter. Es waren daneben allerdings noch eine ganze Reihe von Behörden und Institutionen beteiligt.
1940 machten die Harzer Werke einen Vorstoß, um Arbeitskräfte zugeteilt zu bekommen. Sie verhandelten in diesem Zusammenhang u.a. mit: dem Arbeitsamt Goslar, dem Sonderbearbeiter für den Kräftebedarf der Reichsstelle für Metalle, dem Kräftebedarfsreferenten bei der IHK in Hildesheim, dem Heereswaffenamt, der Rüstungsinspektion beim Generalkommando Hannover und dem Reichsamt für Wirtschaftsaufbau, wo den Vertretern der Harzer Werke dann schließlich geraten wurde, dem Beispiel der Hermann-Göring-Werke zu folgen, die sich Leute durch eigene Anwerbung in Ostoberschlesien und in der Slowakei beschafften. Das war zwar nicht ganz legal, aber auch die Harzer Werke wären bei einem entsprechenden Vorgehen vom Reichsamt für Wirtschaftsaufbau unterstützt worden.

Zwangsarbeiter im Oberharzer Bergbau

   Im Bereich des Oberharzer Bergbaus wurden ebenso wie in allen Industriezweigen des Reiches Zwangsarbeiter eingesetzt. War bereits vor dem Krieg ein Mangel an Arbeitskräften (v.a. Facharbeiter) spürbar, verschlechterte der Kriegsausbruch die Situation der Werke durch die erfolgten Einberufungen erst recht. Die eingezogenen Berg- und Hüttenarbeiter wurden im Herbst 1939 durch sog. "volksdeutsche Flüchtlinge" notdürftig ersetzt, denen einige Zeit später "Arbeiter aus dem ehemals polnischen Teil von Oberschlesien" folgten. Im Jahr 1940 wurden diese Arbeiter durch Elsässer abgelöst. Außerdem setzten die Harzer Werke 1940 / 41 im Oberharz Polen, Tschechen, Ukrainer, Slowaken, Ungarn, Kroaten, Italiener, Franzosen, Belgier, Holländer und Staatenlose ein.

   Bei der Zuteilung von Arbeitskräften konkurrierten verschiedene Wirtschaftszweige miteinander. Saisonale Arbeiten in Land- oder Forstwirtschaft schufen Engpässe für die Montanindustrie, ebenso wie sich die Nachbarschaft der Reichswerke Hermann-Göring für den Oberharz nachteilig auswirkte. In den ersten Kriegsjahren lag der Anteil der ausländischen Arbeitskräfte im Oberharzer Bergbau mit ca. 6 -7 Prozent vergleichsweise niedrig.
Im gesamten Bezirk des OBA Clausthal betrug der Ausländeranteil in den Kriegsjahren 1941/42 durchschnittlich etwas über 20%, bei den Reichswerken lag der Anteil an ausländischen Arbeitern zur gleichen Zeit immerhin bei durchschnittlich etwa gut 50 %. 1943/44 stieg der Ausländeranteil auch bei den Oberharzer Werken an.


   Der Einsatz der ausländischen Arbeitskräfte wurde von den Werksleitungen als durchaus problematisch geschildert. Mangelnde Qualifikation und vor allem Sprachschwierigkeiten waren es zum einen, die sich dann auch in einem Anstieg der Unfallziffer bemerkbar machten.
Es wurden die vom Bergamt Dortmund erstellten zweisprachigen Verhaltensregeln für verschiedene Sprachen auch an die Harzer Werke verteilt. 1940 erhielten das Erzbergwerk Grund und die Betriebsabteilung Clausthal-Lautenthal: 20 Stück in polnischer, 9 Stück in bosnischer, 4 in slowakischer, 4 in tschechischer, 4 in slowenischer, 4 in italienischer Sprache.

   Ein weiteres Problem war die große Fluktuation. Zum einen konnten die Arbeitskräfte von Seiten der Behörden wieder abgezogen werden. Zusätzlich beendete eine große Zahl der Zwangsarbeiter das Arbeitsverhältnis vorzeitig, denn auch im Harz waren die Bedingungen so schlecht, dass viele Arbeiter lieber "ausrückten" als zu bleiben. Wer eine Gelegenheit zur Flucht hatte, der setzte sich in die Heimat ab oder kehrte vom Heimaturlaub nicht zurück.

   Die Polizei konnte von den "Fremdarbeitern" (als vorbeugende Maßnahme) vorrübergehend die Pässe einziehen. Wurde die Flucht vereitelt und die Geheime Staatspolizei eingeschaltet, hatte das für die Betroffenen schlimme Folgen. Drei Wochen im Arbeitserziehungslager der Gestapo oder sogenannte Hungerkuren waren furchtbar genug, um die Arbeiter durch Terror und Folter gefügig zu machen.

   Im Januar 1943 stellten die Harzer Werke einen Antrag zur "Einrichtung eines Zivil-Russenlagers in einem vorhandenen Aufbereitungsgebäude auf dem Grundstück der Grube Hilfe Gottes in Bad Grund". Gleichzeitig wurde beim Arbeitsamt Goslar ein Auftrag auf Überweisung von 40 jugendlichen und 40 erwachsenen Ostarbeitern eingereicht.
Doch im März 1943 berichtete das Erzbergwerk Grund, dass nun statt der erwarteten Ostarbeiter durch Vermittlung des Arbeitsamtes zunächst 31 französische und etwas später noch 32 belgische Zivilarbeiter in Grund eingetroffen seien. Da die Werksleitung noch mit der Zuweisung weiterer Franzosen und Belgier rechnete, musste nun das "Umbauprojekt im Werk I den veränderten Verhältnissen" angepasst und erweitert werden. Für die Unterbringung westeuropäischer Arbeiter waren andere Standards vorgeschrieben als für Ostarbeiter.

Zwangsarbeiter im Steinbruch Winterberg der Reichswerke Hermann-Göring

Die Reichswerke AG für Erzbergbau und Eisenhütten "Hermann Göring" mit Verwaltungssitz in Salzgitter-Drütte waren 1937 gegründet worden. Die Reichswerke betrieben auch den Steinbruch Winterberg am Iberg bei Bad Grund. Hier gewannen sie seit 1939 den für die Hüttenprozesse und die Stahlherstellung notwendigen Kalkstein. In diesem Tagebau wurden ebenfalls Zwangsarbeiter beschäftigt (Polen, Tschechen und ukrainische Fremdarbeiter).

Ich werde Ihnen einige Auszüge aus den Quellen vorlesen, denn sie erlauben es, einen kleinen Eindruck davon zu bekommen, was Unterbringung im Lager wirklich bedeutete. Sie tun dies in eindringlicherer Weise als es jede noch so gute historische Analyse zu tun vermöchte.
Aus einem Bericht des Gesundheitsamtes des Kreises Zellerfeld, Januar 1940:
"Ich habe am 6. 1. 1940 noch einmal die Unterbringung der [aus] über 400 Mann bestehenden Gefolgschaft der Hermann Göring-Werke, Steinbruch Winterberg besichtigt, da schon wiederholt erhebliche Klagen über die Unterbringung hervorgebracht worden sind, und da z.Zt. eine Verlausung der gesamten Gefolgschaft eingetreten ist. Die Arbeiter sind zum großen Teil in drei Lagern untergebracht, und zwar im Saal des Kaffeehauses Iberg, im Gefolgschaftshaus des Werkes und in einer Steinbaracke."
(Ich überspringe den Teil über die Unterbringung der 40 Arbeiter im großen Saal des Kaffeehauses Iberg, die als die beste geschildert wurde, und der 80 Arbeiter im Dachstuhl des Gefolgschaftsgebäudes.)
"Am unhygienischsten und unsozialsten war die Unterbringung von ungefähr 100 Gefolgschaftsmitgliedern in dem Lager II und II a. Es handelt sich um eine Steinbaracke, die in drei Räume aufgeteilt ist, zwei Schlafräume und ein Aufenthaltsraum. Man kommt zunächst in den Aufenthaltsraum, der war kalt, Stühle waren nicht vorhanden, wohl stand an der Seite ein Tisch, das war die ganze Einrichtung. Durch den Aufenthaltsraum kam man in den Schlafraum. Es handelt sich um einen kleinen Raum mit 40 Betten, in welchem je zwei Betten übereinander angeordnet waren. Die Fenster sind klein und liegen ziemlich tief, so daß die Gefolgschaftsmitglieder, die in den oberen Betten schlafen, überhaupt keine frische Luft bekommen können. Der Raum war so dunkel, daß man sich erst an das Licht gewöhnen musste, um sehen zu können. (...) Der zweite Schlafraum ist von dem Aufenthaltsraum völlig getrennt. (...) Hier war die Unterbringung eigentlich noch schlechter. Es schlafen 50 bis 60 Gefolgschaftsmitglieder in diesem Raum, der nicht wesentlich größer ist, als der erste. Man kann sich gerade durch die schmalen Gänge hindurchquetschen, um zu den Betten zu gelangen. Auch hier war kein Tisch vorhanden. Die Leute mussten um einen kleinen Ofen mit Hockern herumsitzen, oder sich auf die Betten setzen. Dieser Raum war außerdem feucht. Ich habe mir die Matratzen angesehen. Die Unterseite der Matratzen war feucht schimmelig und mit einer leichten Eisdecke bedeckt. Ebenso zeigten die Bettgestelle Anzeichen von beginnender Fäulnis, infolge Feuchtigkeit. Die Ausgangstür war an der Innenseite mit Schimmel bedeckt.
Noch schlechter als der Aufenthaltsraum ist der Waschraum dieses Lagers. Man geht durch den Aufenthaltsraum eine Treppe in den Keller. Dort befindet sich ein Raum ungefähr 2x2 m in der Größe, der aber nur von Mensche mit normaler Größe (170 cm) in gebückter Stellung zu betreten ist, da man sonst an die Querbalken der Decke stößt. In dem Waschraum waren ungefähr in Höhe von 75 cm zwei Waschbecken angebracht, die aber keinen Wasserzufluß hatten. Auf der anderen Seite dieses Waschraumes waren an der Wand zwei Kräne in Kniehöhe angebracht, die nach Mitteilung zur Wasserentnahme für das Waschwasser dienten. Damit ist der Waschgelegenheit für ungefähr 100 Mann der Belegschaft Genüge getan.
Die Abortverhältnisse waren in diesem Lager keinesfalls besser.(...) Tatsächlich waren für 100 Mann zwei Aborte vorhanden. (...)"

   Das Gewerbeaufsichtsamt machte den Hermann-Göring-Werken daraufhin einige Auflagen, musste aber die Unterkünfte vorübergehend weiter zulassen, bis andere Möglichkeiten beschafft worden seien. Die Einstellung zur Frage der Unterbringung der Ausländer erhellt die Äußerung eines Ingenieurs der Hermann-Göring-Werke anlässlich einer Besichtigung der Unterkünfte am 28. 3. 1940:
"In den Baracken wohne heute nur eine stark verminderte Zahl, und zwar ausser Ukrainern nur Tschechen und Polen. Für diese beiden kulturlosen Gruppen sei die Unterkunft eher zu gut als zu schlecht."
Die Reichswerke besserten notdürftig nach. Doch das Gewerbeaufsichtsamt musste auch im August 1943 wieder einen Vermerk über Beanstandungen anlegen.

   "Aktenvermerk über die Besichtigung des Kalksteinbruches Winterberg der Reichswerke Hermann-Göring am 23. 8. 1943.
Es sind 570 Personen beschäftigt, davon im Lager untergebracht 350.
(...) Hin und wieder tritt eine Läuseplage auf. Bisher hat die Entlausung in Osterode stattgefunden. Künftig aber wird ein eigenes Entlausungsgebäude mit Bad und Blausäure-Zelle eingerichtet. (...) Die Arbeitslager sind zum Teil zu stark belegt. (...) Die Russenaborte machen einen sehr ungünstigen Eindruck. Die Sitzbrillen sind abschüssig und ohne Zwischenwand angebracht, so daß sie sich mit dem Schlauch leicht abspritzen lassen. Benutzbar aber sind die Sitzbrillen doch nicht, weil sie ständig naß sind und Würmer darauf herumkriechen. Sie werden grundsätzlich stehend benutzt. Toilettenpapier steht nicht zur Verfügung, ist aber unbedingt nötig.
Eine neue Grubenabortanlage ist im Bau begriffen. Die Firma will sie gänzlich ohne Sitze, sondern mit Löchern im Fußboden einrichten, damit sie besser sauber gehalten werden kann. Ich habe von dieser Anordnung abgeraten.(...)"

Schlussbemerkung:

   Es bleibt festzuhalten, dass ab Ende 1939 Tausende zwangsverpflichteter "Fremdarbeiter" ins Reich geholt wurden, um hier an verschiedensten Stellen in der Landwirtschaft, der Rüstungsindustrie und anderen Wirtschaftszweigen vom Staatsunternehmen bis hin zu mittelständischen Handwerksbetrieben, zu arbeiten.
Die Bandbreite des Daseins als Zwangsarbeiter war sehr groß. Das Spektrum reichte von englischen Kriegsgefangenen in Grund, die zur Verbesserung ihrer Motivation Tabak erhalten sollten, bis hin zu den meist jüdischen KZ-Häftlingen, die sich gegen Kriegsende z.B. bei den großen unterirdischen Rüstungsprojekten zu Tode schufteten.

   Die Werke selbst waren meist bemüht, die Versorgung der Zwangsarbeiter zumindest soweit sicherzustellen, dass ihre Arbeitsleistung nicht zu sehr zu wünschen übrig ließ. Auch von offizieller Seite waren entsprechende Verlautbarungen zu vernehmen wie vom Generalbevollmächtigten für den Arbeitseinsatz, Sauckel am 24. 9. 1942:
"Verprügelte, halbverhungerte und tote Russen fördern uns keine Kohlen, sind für die Stahl- und Eisenerzeugung vollständig nutzlos, erzeugen weder Waffen noch sonstiges Gerät und bedeuten letzten Endes eine ungeheure Belastung unseres Volkslebens und vor der Welt einen Skandal."

   Allerdings gab es auch ganz anders lautende Schreiben wie z.B. an die DAF Gauwaltung, Gaubeauftragter für die Lagerbetreuung, 1. 10. 1942:
(...) "Das oft schlechte äussere Aussehen des Ostarbeiters und des Arbeiters slawischen Volkstums darf nicht aus Gründen falsch verstandener Humanität zu irgendwelchen Massnahmen führen, die den Ostarbeiter und den Arbeiter slawischen Volkstums in der Behandlung dem deutschen Arbeiter gleich stellen. Solche Massnahmen versteht der Ostarbeiter und der Arbeiter slawischen Volkstums nicht und würde sie nur als Schwäche auslegen."
Oder: Geheime Staatspolizei, Staatspolizeileitstelle Hannover an die Landräte des Stapobezirks, 3. 9. 1942, betr.: Behandlung arbeitsunfähiger Ostarbeiter:
(...)"Ostarbeiter, die nicht mit Krankheiten behaftet sind, bei denen aber infolge vollkommener Unterernährung und Entkräftung nach menschlicher Voraussicht anzunehmen ist, dass sie den Rücktransport in die Heimat nicht überleben werden, können aus Gründen der Arbeits- und Kostenersparnis der Geheimen Staatspolizei überstellt werden."
Waren die Arbeitskräfte verbraucht, konnten sie von der Gestapo "arbeits- und kostensparend" entsorgt werden. In solchen menschenverachtenden, zynischen Sätzen tritt das Entsetzliche der Lage der "Fremdarbeiter", das sich häufig hinter Zahlen und abstraktem Vokabular versteckt, sehr deutlich hervor.       zum Programm



Zwangsarbeit in der Harzer Forst-, Montan- und Wasserwirtschaft




Firouz Vladi Dr. Schmidtchen, Braunschweig
F. Vladi sprach über die Todesmärsche und ihre Opfer im Raum Bad Grund. Dr. Schmidtchen aus Braunschweig ging auf Eindrücke des französischen Deportierten Antelme ein, die dieser aus seinen Begegnungen mit B. Döllinger bis zu dessen Tod bei Bad Grund gewonnen hatte.

Referat von Dr. Nathan Schmidtchen (Braunschweig)

Meine sehr geehrten Damen und Herren,

   Zunächst möchte ich mich bei den Veranstaltern ganz herzlich bedanken, im Rahmen dieser Veranstaltung hier referieren zu können.

   Unter dem Stichwort "Todesmärsche" findet sich in der "Enzyklopädie des Nationalsozialismus", herausgegeben von Wolfgang Benz/Hermann Graml/Hermann Weiß, folgender Eintrag:
"Phänomen im Dritten Reich, v. a. gegen Ende des Krieges, als die Häftlinge etlicher KZ evakuiert, d. h. in großer Zahl gezwungen wurden, unter unerträglichen Bedingungen und brutalen Misshandlungen über weite Entfernungen zu marschieren, wobei ein großer Teil von ihnen von den Begleitmannschaften ermordet wurde."
Das ist die wissenschaftliche, sachlich-nüchterne Beschreibung einer Sache, die an sich wohl kaum fassbar, auch sprachlich kaum fassbar ist.

   Was ein "Todesmarsch" beinhaltet / beinhalten kann, wird deutlicher - ich zögere zu sagen: "..wird mit mehr Leben erfüllt", wenn man z. B. die poetische Autobiographie "Das Menschengeschlecht" ("L´espèce humaine") des französischen Autors Robert Antelme, insbesondere den zweiten Teil, liest. Antelme war selbst im Lager Gandersheim, einer Außenstelle des KZ Buchenwald. Der in diesem Text dargestellte Zeitraum umfasst die Monate Oktober 1944 - Ende April 1945; u. a. beschreibt er die Evakuierung ab dem 04.04.1945.

   Am 6. Tag des Todesmarsches kommt Antelme auf eine Person namens Francis zu sprechen, der nicht mehr weitergehen will und kann:
"Vielleicht ist auch seine Stunde gekommen, die Stunde, da er sich weigert, sich das alles noch länger anzuhören, so wie auch die Stunde des Bibelforschers gekommen war, die Stunde Cazenaves. Wenn Francis beschließt, hierzubleiben, weiß er, daß er umgebracht wird." (S. 342).
Damit wird, wie schon vorher als auch nachher, die Erinnerung an den Zeugen Jehovas/Bibelforscher wach, den er im Lager kennengelernt hat und der als erster auf dem Todesmarsch erschossen worden ist.

   Diese Begegnung zwischen Antelme und dem Bibelforscher ist die dritte, die er in seinem literarischen Text beschreibt.

   Die Szene spielt sich "auf der Straße" ab. Natürlich ist dieser als Rahmen dienende Ort zunächst einmal ein durch die SS erzwungener, insofern die Gefangenen hier genötigt werden, einen bestimmten Weg in vorgegebener Richtung zu beschreiten. Aber "Straße" ist mit zusätzlicher Bedeutung "aufgeladen"; für Antelme bedeutet sie noch mehr: sie steht für ein Stück Freiheit / Entscheidungsfreiheit.
So schreibt der Autor an einer Stelle über die Menschen, die nicht inhaftiert sind und die auf der Straße am KZ vorbeigehen:

"Wer auf der Straße am Stacheldraht entlanggeht, eine kleine schwarze Silhouette auf dem Schnee, ist eine Macht auf Erden." (S. 104).

Und kurz darauf vergleicht Antelme die Macht, die die unterschiedlichen Personengruppen besitzen: die SS, die Nichtinhaftierten und die scheinbar ohnmächtigen Gefangenen. Er schreibt:

"Sie (= die SS, N. S.)besitzen eine Macht wie der Mann, der auf der Straße geht, eine besitzt. Und wie wir, denn selbst jetzt können sie uns nicht daran hindern, unsere Macht auszuüben." (S. 105).

   Nun zurück zur dritten Begegnung Antelmes mit dem Bibelforscher. Handlungsort ist - wie gesagt -, die Straße:

   "Der deutsche Bibelforscher ist auf der Straße stehengeblieben; über seine Wangen laufen zwei tiefe Falten. Er hat mir ein Zeichen gemacht. Er steht mit hängenden Armen etwas abseits von der Kolonne. Er rührt sich nicht, er schaut einfach nur auf die Berge und das Tal ringsum. Er ist ein alter Mann; er macht einen abwesenden und gleichzeitig entschlossenen, einen endgültigen und unerschütterlichen Eindruck. Niemand spricht mit ihm. Wenn wir ein paar Worte zu ihm sagen würden, würden seine Augen glänzen, er würde mit seiner langsamen Stimme so etwas antworten wie: Gott ist über allem. Ich habe im Vorbeigehen seine schönen Augen wieder gesehen und sein violettes Dreieck als "Kriegsdienstverweigerer"; Fritz war bei ihm. Der Bibelforscher war als Kriegsdienstverweigerer gekennzeichnet worden. Er stand auf der Straße, allein, abseits. Wir haben langsamer gemacht, ich weiß nicht warum. Wir sind weitergegangen; ich habe mich umgedreht, ich habe sein Gesicht in der Kolonne gesehen. Ich glaube fast, daß er beschlossen hat, sich nicht mehr zu rühren." (S. 314).

Der Trupp marschiert weiter; nach einer Weile sind zwei Schüsse zu hören; später wird es zur Gewissheit: der Bibelforscher ist von Fritz, dem Kapo, erschossen worden.

   Eine - wie ich finde -, bald existentialistische Grundsituation Camus-Sartre´scher Provenienz: Ein Mensch bleibt auf der Straße stehen, er verweigert sich; isoliert/allein und auf sich zurückgeworfen hat er zuvor eine Entscheidung getroffen; es ist der bewusste Akt eines freien Individuums. Seine physische Existenz ist zwar zerstört worden, aber er ist sich treu geblieben. Seine Liqudierung stellt erst die Vollendung und Selbstverwirklichung dar: Insofern ist der Bibelforscher ihr Prototyp und Paradigma.

   Die zweite Begegnung zwischen Antelme und dem Bibelforscher hatte sich in der Küche abgespielt. Häftlinge sind abkommandiert worden, um Erbsen auszulesen; u. a. auch der Bibelforscher. Man sortiert die Erbsen und isst davon, sobald man sich von den Wachen unbeobachtet fühlt. Über den Bibelforscher heißt es:
"Der Bibelforscher kaute nicht." (S. 229).

   Ich möchte noch kurz auf die erste Begegnung eingehen; zu dieser war es gekommen, als Antelme sich eine Scheinarbeit gesucht hat. "Scheinarbeit" steht für Antelme in Opposition zur von der SS verordneten Zwangsarbeit.
Die von Antelme gesuchte "Scheinarbeit" bestand darin, auf dem Boden herumliegende Abfälle aufzusammeln oder so zu tun, als sammelte er solche auf. Dabei begegnete er einem anderen Häftling, der Ähnliches tat:

   "Ein anderer Häftling tat es wie ich. Es war ein etwa fünfzigjähriger Deutscher. Er war ziemlich groß, blond, leicht vornübergebeugt. Er war als "Kriegsdienstverweigerer" verhaftet worden, er war Bibelforscher. Er trug ein lila Dreieck. Die Nazis hatten jene Deutschen, die aus religiösen Gründen im Lager waren, durch die Farbe des Dreiecks unterschieden. Ihre Behandlung war die gleiche, aber das lila Dreieck bedeutete "Kriegsdienstverweigerer". Der Kriegsdienstverweigerer war einer, der Gott Hitler entgegengestellt hat. Bei dem Verweigerer erkannte man ein Gewissen. Durch dieses Gewissen, das sich widersetzte, und von dem sie sich nicht lösen konnten, waren sie Feinde." (S. 97).

   Das Gewissen ist für Antelme eine ganz wesentliche Kategorie; an anderer Stelle des Buches sagt er dazu, dass derjenige zum "vollendetsten Menschen", "der stärker ist als die anderen", wird, "der sich seiner Macht und der Möglichkeiten seines Gewissens, der Tragweite seiner Handlungen voll bewußt ist" (S. 124). Genau dies scheint er bei dem Bibelforscher beobachtet zu haben.

   Bewegend, wie ich finde, Antelmes Beschreibung der Kommunikationsversuche zwischen beiden:

"Der Bibelforscher sprach nicht, doch wenn wir haltmachten, sah er mich an, und dieses Gesicht mir gegenüber, ganz nahe vor mir, strahlte (...). Aber er konnte sich darüber hinaus nicht verständlich machen. Ich versuchte mit ihm deutsch zu reden, (...). Er antwortete. Ich ließ den gleichen Satz mehrmals wiederholen und manchmal begriff ich ihn dann: "Deutschland hat den Gottesbegriff verloren", "Die Freude, die ich morgens empfinde, das ist Gott, der in mir ist". Ich begriff kaum die Sprache, von der die SS-Leute jedes Wort verstanden hätten, die Sprache des Kriegsdienstverweigerers, der sagte, daß er glücklich sei.
Der Bibelforscher sprach allein weiter. Seine Augen waren blau und sanft. Ich verstand zwar nichts mehr, doch das Wort, das ich begriffen hatte, erleuchtete den ganzen Satz. (...). Die Sonne schien ganz blaß auf den Schnee; der Wind war kalt. Wir gingen langsam und gleichmäßig. Wir verstanden uns zwar nicht, aber was hätten wir auch zu erklären gehabt? Wir spürten weder die Kälte, noch den Hunger, noch die SS. Wir waren noch fähig uns anzusehen, nur um uns anzusehen und uns die Hand zu drücken. Ich durfte diesen Mann nicht verlieren."
(S. 98 f.).

   "Ich durfte diesen Mann nicht verlieren". Dieser imperativische Satz gilt.
Durch die Hinrichtung während des Todesmarsches hat Antelme den Bibelforscher zwar verloren; geblieben ist jedoch etwas: die Erinnerung an ihn, die aus dem Text in eindringlicher Weise spricht.
Ein Denkmal für den Bibelforscher findet sich also in der poetischen Autobiographie Robert Antelmes; ein weiteres befindet sich an der Landstraße bei Bad Grund.



Gedenkstein Werner Döllinger

   Abschließen möchte ich mit einer bedenkenswerten Reflexion Antelmes zum Gattungswesen "Mensch", egal ob man ihn als Täter oder Opfer sieht. Dies stellt in keinster Weise eine Legitimierung faschistischen Terrors dar, sondern zeigt vielmehr, dass der Nazi und SS-Scherge auch als Mensch gesehen werden muss. In ähnliche Richtung zielen ja auch literarische Versuche wie die von B. Schlink ("Der Vorleser") oder A.Tisma ("Kapo"). Antelme schreibt also:

   "(...) wenn wir dann das denken, was hier sicherlich das Beachtlichste ist, was man denken kann: "Die SS-Leute sind Menschen wie wir"; wenn wir zwischen den SS-Leuten und uns [den Opfern, N. S.] - das heißt im Augenblick der größten Distanz zwischen den Menschen (...) - im Angesicht der Natur und im Angesicht des Todes keinen wesentlichen Unterschied sehen können, müssen wir sagen, daß es nur eine menschliche Gattung gibt. Daß alles, was diese Einheit in der Welt verstellt, alles das, was die Menschen in die Situation von Ausgebeuteten, von Unterjochten bringt und gerade dadurch das Vorhandensein verschiedener Gattungen implizieren würde, falsch und wahnsinnig ist; (...); die Macht des Henkers selbst bei seinem schlimmsten Tun (kann) immer nur die eines Menschen sein (..): die Mordmacht. Er kann zwar einen Menschen töten, aber er kann ihn nicht in etwas anderes verwandeln." (S. 309).

Ich darf mich ganz herzlich bei Ihnen für die Aufmerksamkeit bedanken, die Sie mir und dem Thema entgegengebracht haben.      zum Programm


Firouz Vladi, Osterode

Todesmärsche und ihre Opfer im Raum Bad Grund

   In diesem Beitrag werden die anderen Ereignisse im Kontext der Todesmärsche und KZ-Evakuierungen im Hinblick auf die Samtgemeinde Bad Grund behandelt. Zu grundlegenden Fragen im Hinblick auf die Evakuierungen der KZ und die Todesmärsche, die letzten der in Deutschland begangenen Massenverbrechen, sei an dieser Stelle auf die Broschüre der Arbeitsgemeinschaft Spurensuche in der Südharzregion zum Wegzeichenprojekt verwiesen, die gegen eine Spende von 2 € bei der ArGe bzw. dem Verf. erhältlich ist;dort auch Ursachen, Methoden und Grundlagen der Evakuierungen.

Im Harzvorland
   Den Westrand des Harzes begleiten die Bahnlinie Osterode Seesen und die B 243, beide waren im April 1945 die Hauptausweichrouten vor den herannahenden alliierten Linien und zuvor schon wichtige Transportwege. So schilderte bereits der verstorbene Kreisheimatpfleger Wilhelm Reißner im Badenhäuser Heimatblatt 2/97 die Menschenbewegungen auf der Harzrandstraße in den letzten Kriegsjahren: Volkssturmleute (alte und jugendliche) auf dem Weg zur Musterung nach Seesen, ausgebombte Städter auf Zufluchtsuche in den Südharz, alliierte Kriegsgefangene auf dem Weg nach Norden, rückflutende deutsche Einheiten, vorrückende alliierte, deutsche Kriegsgefangene, Heimatlose, Flüchtlinge, Rückkehrer, rachedürstige, freigelassene Fremdarbeiter, kurzum, es sah damals nicht anders aus als heute auf der Straße zwischen Kabul und Kandahar!

Aber eine Gruppe soll hier betont werden: Die Häftlinge der KZs vom Harzrand. Sie waren die Entrechtetsten und Gepeinigsten von allen. Sie waren keine Rechtssubjekte, sie waren - wie die SS sie oft bezeichnete - "Stücke".

   Auf "Transport" entlang des Westharzes gelangten:

4.4.45 - Lager Heber, Osterode, 300 - 500 Mann zu Fuß in mehreren Blöcken samt 50 Fußkranken auf Ackerwagen, der Marsch führte - noch nicht ausreichend dokumentiert - letztlich bis nach Arendsee bei Wittenberge

4.4.45 - KZ Gandersheim, 450 Mann zu Fuß über den Harz bis Wernigerode und dann mit der Bahn bis nach Dachau (Einzelheiten s. Beitrag Schmidtchen)

5.4.45 - 1. Transport von Dora, KZ Mittelbau-Dora per Bahn, 3000 Häftlinge

6.4.45 - Taifun-Express, 70 Rungenwagen mit Ausrüstung, mehr als 1.000 Häftlinge, ergänzt in Herzberg um 35 zu Fuß aus dem Lager Großwerther nach Herzberg marschierten Jüdinnen, Fahrtende war Bayern

7.4.45 - 500 Jugendliche des KZ Moringen zu Fuß über Düderode und Wolfshagen

8.4.45 - Letzter Transport von Dora mit 4.000 Mann in ca. 60 Waggons, von denen 3.500 Mann ab Osterode, dessen Bahnhof am 7.4. bombardiert worden war, zu Fuß über den Harz ("Große Harzüberquerung") marschierten, ca. 100 von ihnen wurden unterwegs ermordet. Schon in Tettenborn wurden 26 Ermordete am Bahnhof verscharrt, ca. 31 noch in Osterode am Kaiserteich. 416 Fußkranke dieses Bahntransports fuhren nach einer Gleisreparatur am nächsten Tage weiter per Bahn. Wegen Beschuss kam es zur Fahrtunterbrechung in Lasfelde, welche als Gelegenheit zur Flucht genommen werden konnte. Einige wurden von Hitlerjungen in der Feldflur mit Karabinern ermordet. Das Ende der Fahrt war am 9. April auf einem Nebengleis Güterbahnhof Münchehof, wo die Häftlinge von Alliierten am 10.4. befreit werden konnten. Die Münchehöfer Chronik von Bauerdorf beschreibt dieses Ereignis. Noch 23 verstarben in den Folgetagen an der erlittenen Auszehrung. Auf dem Grabstein auf dem Münchehöfer Friedhof erinnert dieser Text: In memory of our 23 former prisoners / from Dora Nordhausen / concentration-camp victims / of nazi germany the committee.

   Es liegen einige Zeugenaussagen zu den Fußmärschen durch Gittelde und Badenhausen vor, auch für Windhausen. Weitere Einzelberichte verweisen auf Todesmärsche, die durch den Raum Hahausen und Langelsheim und bis Schladen führten. Hier ist die Forschung noch nicht zum Abschluss gelangt.

   Für Gittelde wird wiederholt eine durchziehende Kolonne von Häftlingen berichtet; ein Zeitzeuge hat sie für ca. eine Stunde über den Schützenplatz ziehen sehen, etwa 1.000 Mann, sie hätten nach Aqua gerufen. Also waren sicherlich Italiener darunter. Ein erschossener Franzose war auf dem Gittelder Friedhof bestattet worden, sein Leichnam wurde später nach Frankreich überführt.

   Alfred Brinkmann berichtet in den Badenhäuser Heimatblättern 1/97 von zwei Sträflingen, die er um den 7. oder 8. April am Söseufer unter der Hindenburg antraf. Sie waren, wie er erfuhr, von einem Zug entwichen, der unweit der Landwehr beschossen worden war. Einige Häftlinge seien von den Wachmannschaften erschossen worden und irgendwo in der Badenhäuser Feldmark eingescharrt. Wohl auf diese verweist ein Grabstein auf dem dortigen Friedhof mit dem Vermerk, sie seien bei einem Luftangriff ums Leben gekommen: indirekt ja!

Auch bei Windhausen sind zwei Häftlinge erschossen worden. Die Berichte bzw. Zeugenaussagen sprechen von der SS als Mörder oder von Wehrmachtsangehörigen, die die beiden Häftlinge in einem frischen Bombentrichter am Ortsrand erschossen hatten. Ihr Grabstein auf dem Windhäuser Friedhof ist verschwunden, ein Foto aber findet sich in der Wandtafelausstellung. Auf den Friedhöfen der Samtgemeinde finden sich daneben auch etliche Grabstätten gefallener Soldaten, bekannte oder unbekannte, Deutsche und Fremde.


Bad Grund
   Auf dem Friedhof in Bad Grund finden sich einige Gräber von Kriegsgefangenen: Ukrainer etwa oder Russen. Die erste Reihe, gleich hinter dem Eingang von unten, weist links und rechts zwei gepflegte Ehrengräber auf. Links, Grabstelle 433, liegt ein Unbekannter, bestattet am 9.7.45. Es handelt sich voraussichtlich um den im Beitrag von Nathan Schmidtchen schon genannten, aber namentlich nicht bekannten Bibelforscher aus dem Gandersheimer Todesmarsch. Sein Leichnam wurde am 17. Juni 45 vom Grundner Kuhhirten an der Markau, unterhalb des Winterberges flüchtig verscharrt und von Tieren teilweise wieder freigelegt entdeckt. Aus den Prozessakten gegen Sohl und Jokussies ergeben sich die Hinweise auf diesen Fall.

   "Otto Münch, der bergstädtische Hirte berichtete: <Am 15. oder 16. Mai 1945 war ich mit meinen Kühen weit draußen, in der Nähe des Winterbergs. Als ich an diesem genannten Tage wieder draußen war, fiel mir auf, daß die Kühe alle auf einen Punkt zusammenliefen und brüllten. Ich ging zu diesem Punkt, um festzustellen, was dort los war, und fand mit etwa 5-6 cm Erde zugedeckt, eine Leiche. Zum Teil war die Leiche durch Witterungseinflüsse freigelegt, so daß der linke Arm und die Fußspitzen freigelegt waren.> Am 17. Juni 1945 wurde die Leiche exhumiert. Der Arzt Dr. med. Fritz Wiese aus Bad Grund stellte fest, daß es sich um einen KZ-Häftling gehandelt hatte, der durch Genickschuss getötet worden war. Der Tote wurde danach auf dem städtischen Friedhof von Bad Grund beigesetzt." (zitiert nach J. Neander: Die Ermordung der "Bibelforscher" auf dem Todesmarsch des KZ Gandersheim.- Südniedersachsen, 1/1999, S. 13).

   Ebendort auf dem Grundner Friedhof, auf der rechten Seite der ersten Reihe befindet sich unter der Grabnummer 438 ein Sammelgrab für 7 Tote. Hierzu schreibt J. Neander am 9.4.01 aus Krakau brieflich:
"(Zählung vermutlich vom Wege aus:) Nr. 1-3, als erste begraben: Die drei am "Roland" Ermordeten, die sich in der Höhle am Iberg versteckt hatten, vermutlich "Russen" und mit Sicherheit Häftlinge des KZ Mittelbau, höchstwahrscheinlich aus dem Letzten Transport von Dora am 8.4.45 entflohen. Nr. 4: Bernhard Döllinger (eindeutig). Nr. 5: Robert Rozier, Franzose aus dem KZ Gandersheim, ermordet 5.4.45 im Steinbruch an der Pferdetränke, exhumiert und nach Frankreich überführt 5.5.1945. Nr. 6: Jean Cazenave, w.o., exhumiert 17.9.1951 und nach Iserlohn überführt. Nr. 7: Der "Tote vom Gewitterplatz", ebenfalls ein Mittelbau-Häftling, vermutlich beim Luftangriff auf den Transport Brauny am 7.4.45 entflohen, bei Bad Grund gefangen genommen, verbrachte eine Nacht dort im Polizeigewahrsam, wurde vom Polizeimeister Hoeveler zum Gewitterplatz gebracht und mit drei Pistolenschüssen ermordet."
Die geschilderten Sachverhalte ergeben sich aus den Aktenbeständen des Kreissonderhilfsausschusses Zellerfeld und Gerichtsakten des Hauptstaatsarchives in Hannover (Bad Grund Case, Az.: Nds 721 Göttingen Acc 36/62 Nr. 3)."


Verrat und Mord
   Zu den drei unter oben Nr. 1-3 genannten Unbekannten, evtl. Russen, sei hier noch aus der Arbeit von J. Neander im Harz-Berg-Kalender 1998, S. 28, zitiert:
"Zwischen Heiligenstock und Clausthal müssen drei Häftlinge, von denen weder Namen noch Nationalität bekannt geworden sind, eine Gelegenheit gefunden haben zu fliehen. Ihre Fluchtrichtung war Westen, den alliierten Truppen entgegen. Sie kamen bis zum Iberg oberhalb des Städtchens Bad Grund und versteckten sich dort in einer der zahlreichen Höhlen. Am frühen Morgen des 10. April 1945 entdeckte sie ein Grundner Einwohner und machte telefonisch dem Ortsgendarmen Meldung. Von diesem aufgefordert, die - noch schlafenden - Häftlinge zu erschießen, weigerte sich jener, worauf der Polizist den örtlichen Volkssturmführer mit zwei weiteren Volkssturmmännern losschickte. Diese nahmen die Häftlinge gefangen und führten sie zu einer Stelle im Wald dicht oberhalb des Ortes "am Roland", wo sie aus allernächster Nähe erschossen wurden. Ermittlungen des britischen First War Crimes Investigation Teams, Bad Oeynhausen, in den Jahren 1945/46 und der Oberstaatsanwaltschaft Göttingen 1947/48 führten zu keiner Anklageerhebung. Die Beschuldigten entlasteten sich gegenseitig und gaben an, die Erschießung sei durch drei Angehörige einer in Bad Grund stationierten SS-Einheit erfolgt, die sie zur Unterstützung mitgenommen hätten. Die SS-Männer konnten nicht ermittelt werden, das Verfahren wurde eingestellt."
Die vollen Namen der Beschuldigten, Beteiligten und Zeugen sind bekannt und in den Akten aufgeführt. Sie sollen heute hier nicht genannt werden.


Eine wohl vergebliche Bitte?
   Als Studenten hatten einige der heutigen Referenten in den 70er und 80er Jahren Höhlenforschung betrieben und sämtliche Höhlen des Iberges erkundet und im Auftrag des Landkreises Osterode am Harz vermessen. Mit Sicherheit war darunter auch diejenige, in der am Abend des 9. April 1945 drei Häftlinge Schutz suchten und die alsbaldige Befreiung durch die Alliierten erhofften. In dieser Höhle wurde von dem Bergmann U. aus Bad Grund schmählicher Verrat begangen. Wir wissen von vielen vergleichbaren Situationen, Situationen der Flucht und des sich angstvoll Verbergens, etwa auf den Todesmärschen durch die Altmark, die im Inferno des Massakers von Gardelegen endeten. Hier sind etliche Beispiele anständiger Deutscher überliefert, die Geflüchtete bis zur Befreiung durch die Alliierten verbargen und ernährten; aber noch mehr Beispiele deutscher Wohnbevölkerung, die diese Häftlinge den Häschern und damit dem Tode überlieferten, soweit sie nicht selbst Hand anlegten.

   Man kann sich vielleicht ein wenig in die entsetzliche Angst und Not dieser in die Iberg-Höhle Geflüchteten hineinversetzen. Sie sind in Bad Grund ermordet worden. Wir haben aber den Wunsch, an der Höhle eine kleine Tafel zum Gedenken an diese Opfer zu befestigen. Aber wir wissen nicht, welche Höhle es war. Aus den Prozessakten ergibt sich nur die Stelle, an der die drei ermordet wurden, nämlich am Roland; heute bebautes Gelände unterhalb des Forstamtes im Ort.

   Ob wir - gern auch anonym - einen Hinweis, auf die Höhle erhalten dürften, eine Lageskizze? Wer uns helfen und zum Gedenken an diese armen Opfer beitragen möchte: Am Ende des Textes ist ein Planauszug vom Iberg abgedruckt. Er kann kopiert, mit einer Kennzeichnung versehen und zurückgemailt oder ausgedruckt und der ArGe Spurensuche postalisch zugesandt werden.

   Vielleicht könnte unter Auswertung so vieler Unterlagen auch eines Tages auf dem Friedhof eine Tafel zum Gedenken an die dort ruhenden Opfer dieser schrecklichen Zeit errichtet werden. Ob sich jemand in Bad Grund dieser Aufgabe annehmen wollte? Es wäre ein schöner Erfolg der heutigen Gedenkveranstaltung.

topographische Karte des Ibergs

Lernen aus der Vergangenheit
   Terror, Krieg, Vertreibung, Fußtritte gegen das Menschen- und Völkerrecht, Lagerhaft im rechtsfreien Raum, Hass, Angst, Not, Hunger, Heimatlosigkeit, Ausgeliefertsein, Folter, Fremdbestimmung, Diktatur: Nein, ich beschreibe damit nicht die Situation in Deutschland am 27. Januar 1945! Ich beschreibe damit unsere Gegenwart, in Afghanistan, in Palästina, auf Guantanamo, im Irak, in Belfast, in Tschetschenien, Kurdistan und anderen Plätzen dieser Welt, in vielen Ländern Afrikas, Mittel- und Südamerikas.

   Wozu gibt es Gedenken und Gedenktage? Nur für Historiker? Uneingeschränkte Solidarität mit Amerika!? Und die Wachen und Methoden in Guantanamo: "Wieweit sind diese von der Waffen-SS noch entfernt?", fragte vor drei Tagen ein Schweizer Fernsehjournalist. Wir haben eine Aufgabe, aus der Vergangenheit für die Zukunft zu lernen. Genau dafür begehen wir auch heute und hier diesen Gedenktag; und wir wollen mit wachen Augen in die Gegenwart schauen!

zum Programm

links Dr. Domröse, sitzend ehem. Zwangsarbeiter (NL) Ausstellung
      Dr. Domröse während der Diskussion,
      am Tisch rechts Herr Rotman
    die begleitende Wandtafelausstellung (zum Teil)


Dr. Wolfgang Domröse, MdL

Gedanken zur Gedenkstättenarbeit in Niedersachsen

Meine sehr verehrten Damen und Herren,

   ich nehme den Faden von Herrn Vladi gern auf, und zwar unmittelbar mit dem, was er am Schluss gesagt hat. Ich war ja auch 20 Jahre Bürgermeister dieses Ortes; ich werde darauf vielleicht noch kommen. Und er hat eben einen Appell ausgesprochen an die Einwohnerinnen und Einwohner der Stadt. Ich bin gespannt, ob das eine Wirkung erzeugt. Ich selbst habe die Menschen in diesem Ort seit 1972 teilweise sehr intensiv erlebt: bei vielen Geburtstagen älterer Menschen, wo es eigentlich gang und gäbe wäre, über Themen der Vergangenheit zu reden. Es ist deutlich geworden, dass es auch so etwas wie ein gemeinsames Schweigen gibt. Da war etwas, viele wissen etwas, viele ahnen etwas, viele kennen die Zusammenhänge, aber viele wollen auch nicht reden. Ich will übrigens niemanden verurteilen, der da schweigt oder bisher geschwiegen hat. Aber ich will darauf hinweisen, dass wir alle, die wir uns mit dem Thema Gedenkstättenarbeit befassen, auch anerkennen müssen, dass es eine ungeheuer schwierige, eine sensible Aufgabe ist, Gedenkstättenarbeit zu leisten.

   Der niedersächsische Landtag hat sich 1990 zum ersten und ich denke auch bisher zum einzigen Male umfassend mit dieser Frage beschäftigt und hat seinerzeit die Gedenkstättenarbeit neu organisiert. Oder sollte ich besser sagen umorganisiert, neu gestaltet. Bis dahin war es nämlich so, dass wir im Wesentlichen die großen niedersächsischen Gedenkstätten gepflegt, erhalten, ausgebaut und mit entsprechenden Veranstaltungen betreut haben wie etwa Bergen-Belsen; ich will auf andere gar nicht eingehen. Und seit 1991 fördern wir im Wesentlichen regionale Gedenkstättenarbeit.
Das ist ehrenamtliche Arbeit, wie sie hier geleistet wird, Arbeit vor Ort, Arbeit im Detail, Arbeit, die sich im Schwerpunkt mir der Geschichte der Juden in Deutschland oder - besser gesagt - in der niedersächsischen Heimat befasst und ehrenamtliche Arbeit, die sich mit dem Schicksal der Zwangsarbeiterinnen und Zwangsarbeiter befasst. Es gibt seit dieser Zeit, seit 1991, imposante Beispiele, was ehrenamtliches Engagement in diesem Zusammenhang geleistet hat, es gibt insbesondere beeindruckende Projekte von Schülerinnen und Schülern, die alle aufzuzählen es wert wäre, das will ich uns aber ersparen. Wer ein Interesse daran hat, dem empfehle ich die entsprechende Broschüre des Landes Niedersachsen. Ich lege diese eine hier aus; es liegen auch einige weitere Exemplare aus.

   In dieser Zeit ist 1997 die Arbeitsgemeinschaft Spurensuche in der Südharzregion entstanden, die uns ja heute beeindruckend über ihre Arbeitsergebnisse berichtet hat. Man muss oder man kann zumindest fragen, warum eigentlich erst jetzt, warum erst nach 1990? Warum gab es bis dato, wie die Arbeitsgemeinschaft Spurensuche in der Südharzregion schreibt, bis 1985 praktisch keine Bereitschaft in den kleinen Gemeinden unserer Heimat, über das Aufstellen von Gedenktafeln nachzudenken?

   Warum das Schicksal von Bernhard Döllinger erst jetzt interessiert, warum haben wir uns vorher darum nicht gekümmert? Ich frage, ist es denn richtig, dass wir uns um ein Einzelschicksal kümmern, oder geht damit nicht vielleicht der große Zusammenhang verloren? Ist es richtiger, das Schicksal der Menschen nur in der großen Gesamtheit in diesen Riesenzahlen, in Dimensionen der Millionen von Toten, von Opfern, von Vertriebenen, von Flüchtlingen darzustellen, ist das eindrucksvoller? Ist es nicht sinnvoll, so muss man fragen, die Erinnerung nur an den großen Gedenkstätten aufrechtzuerhalten?

   Wer Antwort auf diese Fragen sucht, und das sollten wir, die wir uns mit Gedenkstättenarbeit befassen, ja tun, der findet keine Antwort auf all diese Fragen, aber eine Antwort, die für alle Gedenkstättenarbeit gilt. Gedenkstättenarbeit ist etwas, was sich zeitlich-dynamisch entwickelt mit der Entwicklung unserer Gesellschaft, es ist nichts Statisches, es ist nicht etwas wie Museumsarbeit, dass man etwas, was man einmal an Erkenntnissen gewonnen hat, pflegt und bewahrt und zeigt, um Aufmerksamkeit zu erregen, um Erinnerungen wachzuhalten, sondern Gedenkstättenarbeit heißt, nicht nur Erinnerungen wachzuhalten, sondern Betroffenheit zu erzeugen, damit Lehren daraus gezogen werden. Und diese Betroffenheit zu erzeugen und zu erreichen, dass Lehren aus dem Erinnern gezogen werden, das ist ein ungeheuer schwerer Vorgang, der sich auch mit der Entwicklung der Gesellschaft verändert.

   Ich war ziemlich genau vor einem Jahr zum ersten Mal in Israel und hatte damit auch zum ersten Mal Gelegenheit in der zentralen Gedenkstätte Yad Vashem in Israel zu Besuch zu sein. Ich möchte Sie jetzt nicht mit den Eindrücken belasten, die ich damals gewonnen habe. Viele von Ihnen kennen ja vielleicht die Anlage wenigsten aus Berichten. Aber es war - darum geht es mir jetzt - auch sehr interessant gerade mit den Pädagogen dort zu sprechen, dass auch dort in Israel, wo die Betroffenheit ja noch viel, viel größer ist - jedenfalls sollte man das meinen - als hier bei uns, dass es zu den schwierigsten Aufgaben der Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler und der Pädagogen in Yad Vashem gehört, ständig zu hinterfragen, wie muss ich die Anlage verändern, wie muss ich sie weiterentwickeln, wie muss ich den jungen Menschen, die diese Anlage zu Tausenden und zu Abertausenden besuchen, das Grauen näherbringen, damit sie nicht nur betroffen sind, sondern damit sie wissen, dass aus dieser Betroffenheit für die Menschheit Lehren gezogen werden müssen. Und genau so ist das natürlich auch bei uns.

   Weil es bei Gedenkstättenarbeit immer um Betroffenheit geht, denke ich, ist es legitim, dass ich aus meiner eigenen Sicht meine eigene Vergangenheit kurz reflektiere und dabei ausmache, dass es nach meiner Beobachtung nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs drei Phasen von Gedenken und Gedenkstättenarbeit gegeben hat; ich habe sie jedenfalls so erlebt.
In meiner Schulzeit war es Pflicht, sich den Film "Die Brücke" anzuschauen. Ich glaube nicht, dass das heute noch so besonders wirkungsvoll wäre. Es war eine Zeit, da spielten wir noch in den Ruinen. Unsere Eltern, unsere Großeltern haben tagtäglich vom Krieg erzählt. Der Krieg und seine Folgen waren allgegenwärtig, wir haben das Elend gespürt, auch wenn wir Nachkriegsgeborenen es nicht erlebt haben. Es kamen die Kriegsverbrecherprozesse, also die juristische Aufarbeitung. Niemand konnte sich dem entziehen. Jeder war irgendwo unmittelbar betroffen und es gab, das will ich auch nicht vergessen, zu dieser Zeit, in dieser ersten Phase des Gedenkens nach dem Zweiten Weltkrieg auch noch nicht die großen Medien, die uns mit Bildern überschüttet haben. Fernsehen kam erst auf; die regionalen Beziehungen waren intakt.

   Es gab eine zweite Phase, die ich bezeichnen möchte als Phase des persönlichen Abschüttelns, des persönlichen Vergessens und des Hinwendens zu den großen Symbolen des Gedenkens. Darunter fällt die Kriegsgräberpflege und auch das Reisen vieler Jugendlicher, an dem ich auch selbst teilgenommen habe, zu den Kriegsgräbern, etwas was unbedingt sein musste und auch in Zukunft sein muss. Es wurden die großen Gedenkstätten und die Museen errichtet, es gab Gedenktage, der Volkstrauertag wurde wirklich noch gelebt und als solcher empfunden; aber die Menschen hatten das Gefühl, dass die persönliche Betroffenheit und das persönliche Erinnern jetzt, in der Phase des Wirtschaftswunders, jetzt wo die unmittelbaren Folgen des Krieges beseitigt waren, jetzt wo auch die Verbrecher verurteilt waren, abgeschüttelt werden konnten und mussten, jetzt wollte man ein bisschen Ruhe haben. In dieser Zeit - und das gilt, glaube ich, auch heute noch so - war jeder, ob er Mitwisser oder sogar Mittäter war, zugleich auch Opfer. Und das ist auch die Zeit, Herr Vladi, die wohl beschreibt, was Sie mit Ihrer Schlusseinlassung hier dargestellt haben, dass die Menschen die persönlichen Erinnerungen, die sie darüber hatten, verdrängen und nicht darüber erzählen wollten.

   In der Vorbereitung für die Aufstellung der Gedenktafel vor ca. zwei Jahren habe ich damals auch mit vielen Bad Grundnern gesprochen. Ich kenne ja sehr viele Ältere. Von vielen habe ich dann gehört: "Ja da war was, da liegen Tote, das waren Russen, das waren ... ", genau wissen sie es nicht, "und da war einer, der hat die verpfiffen... aber lass mich doch in Ruhe!" "Aber lass mich damit in Ruhe": Das ist das, was häufig gesagt worden ist. Und ich glaube, dass viele Bad Grundner, wenn sie denn heute hier wären, überrascht gewesen wären, was ihnen ein Nicht-Bad Grundner, nämlich Herr Vladi, dann heute zu ihrer eigenen Heimat erzählt hätte. Ich sage es noch einmal, ich sage das nicht um zu klagen, ich habe volles Verständnis dafür, aber ich sage auch, dass wir, diejenigen, die Gedenkstättenarbeit machen, dies berücksichtigen müssen.

   Und heute - ich glaube, wir sind in einer dritten Phase - auch das hat sich bei Herrn Vladi eben angedeutet, sieht die Welt noch anders aus. Die Schreckensbilder, die uns die Medien tagtäglich vor Augen führen, sind allgegenwärtig. Es ist kaum vorstellbar, wir erleben die Sekunde, in der Tausende von Menschen sterben, live oder in der Wiederholung im Fernsehen. Das alles ist so umfassend, so entsetzlich, so umgreifend, dass unsere eigenen Geschichte dabei droht, nur ein Rad aus diesem Ganzen zu werden, und dass der Faden der eigenen Betroffenheit verloren geht, aber auch der unbedingt notwendige Faden, aus der eigenen Geschichte ja nicht nur die Betroffenheit abzuleiten, Lehren zu ziehen, sondern ständig die Verantwortung in sich zu haben, dass wir die Wiederholung dieser eigenen Geschichte vermeiden müssen.

   Wie also hält man die Erinnerung wach? Heute muss man das genauso tun, wie das die Arbeitsgemeinschaft Spurensuche macht. Bei der Aufarbeitung der einzelnen Schicksale die Betroffenheit erzeugen, die auch Jugendliche noch betroffen macht, wie wir das hier und heute erlebt haben, um immer wieder deutlich zu machen: die Anonymität, die sich hinter den großen Zahlen, hinter den symbolträchtigen Gedenkstätten verbirgt, ist nichts, was weit von uns weg gewesen ist, es war an jeder Ecke in unserer eigenen Heimat. Der Tote am Iberg, die Erschossenen am Roland, sie lagen dort, sie starben dort, wo wir heute glücklich leben. Aber Gedenkstättenarbeit wird sich weiter verändern und das, was Sie heute machen, wird bei der nächsten Generation wieder Vergangenheit sein.

   Ich möchte zum Schluss Ihnen allen, die Sie heute aktiv oder passiv teilgenommen haben, aufrichtig dafür danken, dass Sie das getan haben, und würde mir wünschen, dass sie auch in Zukunft, auch unter veränderten gesellschaftlichen Rahmenbedingungen das Erinnern wach halten und damit Gedenkstättenarbeit in Niedersachsen leisten. Danke schön.

Abschrift nach Mitschnitt, F. Vladi, 13. 02. 2002. Vom Referenten korrigiert und zum Abdruck freigegeben, 20. 02. 2002


Teil der Wandtafelausstellung und Besucher
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