ARBEITSGEMEINSCHAFT SPURENSUCHE IN DER SÜDHARZREGION
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KZ-GEDENKSTÄTTE MITTELBAU-DORA
STADT BAD SACHSA



27. JANUAR 2000

TAG DES GEDENKENS AN DIE OPFER DES NATIONALSOZIALISMUS


BAD SACHSA IN DER ZEIT DES NATIONALSOZIALISMUS


19.00 UHR      -      STADTSPARKASSE BAD SACHSA


Programm

BürgerInnen und Gäste hatten Gelegenheit, ihre Erinnerungen aus dieser Zeit an die Ereignisse im Raum Bad Sachsa vorzustellen.

Die Veranstaltung wurde im Foyer der Stadtsparkasse begleitet von Schautafeln mit Darstellung von Ereignissen und Schicksalen im Raum Bad Sachsa und von einem Videofilm (ca. 20 Minuten) über das Schicksal der Familie Graf von Stauffenberg.








Markus JAEGER, Göttingen

Die Stadt Bad Sachsa im Nationalsozialismus (1924-1935)

Einleitung

   Ein Vergleich der Wahlergebnisse seit 1928 in Bad Sachsa mit denen auf der Reichsebene zeigt, dass die NSDAP in Bad Sachsa früher und stärker als in anderen Orten wahlpolitisch zum Durchbruch kam. Bereits bei den Reichstagswahlen im Mai 1928, also noch vor dem Einsetzen der Weltwirtschaftskrise, kamen die Nationalsozialisten in Bad Sachsa immerhin auf einen Stimmenanteil von 8,5%, während sie reichsweit nur 2,6% erreichten.
Auf dem Höhepunkt der Wirtschaftskrise im Jahr 1932 waren es dann mehr als 50% der wahlberechtigten Bad Sachsaer, die ihre Stimme der NSDAP bzw. Hitler gaben, während dies im Reichsdurchschnitt maximal 37% waren. Worin sind nun die Gründe für die frühzeitige und stärkere wahlpolitische Durchsetzung der Nationalsozialisten in Bad Sachsa zu sehen?

Voraussetzungen des Aufstiegs der NSDAP

Als wesentliche Voraussetzung für den Aufstieg der NSDAP sind vier Faktoren anzusehen, auf die im Folgenden kurz eingegangen werden soll.

   In Bad Sachsa, wie in vielen anderen Orten ähnlicher Größe und Struktur, war die politische und soziale Einstellung der Bevölkerung entscheidend durch einen übersteigerten, durch die Kriegsniederlage zusätzlich forcierten Nationalismus geprägt. Aus ihm resultierte zum erheblichen Teil ein fundamentaler Gegensatz zwischen dem Bürgertum auf der einen und der Sozialdemokratie auf der anderen Seite. Er fand seinen Ausdruck in einer politischen, sozialen und kulturellen Spaltung der städtischen Gesellschaft.
Das Bad Sachsaer Bürgertum zeigte sich nicht dazu bereit die in der SPD organisierte Arbeiterschaft, welche in der Weimarer Republik erstmals weitgehende politische Mitbestimmungsrechte erlangte, als politisch gleichberechtigte Kraft anzuerkennen. Die verschiedenen Gruppen des Bürgertums waren deshalb stets um politische Blockbildung in einer bürgerlichen Gemeinschaftsliste bemüht, um die SPD auf diese Weise von der politischen Macht fernzuhalten.

   Im Zusammenhang mit der ablehnenden Haltung gegenüber der Sozialdemokratie muss auch die zunehmende Nachgiebigkeit von Behörden und Justiz gegenüber den Nationalsozialisten gesehen werden, die besonders seit den Wahlerfolgen der NSDAP immer deutlicher wurde.

   Zu diesen politischen und gesellschaftlichen Voraussetzungen des wahlpolitischen Aufstiegs der NSDAP kam als auslösendes Moment die Wirtschaftskrise hinzu, mit der auch in Bad Sachsa eine Zunahme der Arbeitslosigkeit verbunden war. Obwohl Bad Sachsa als industrieloser Ort nicht mit voller Härte von ihr getroffen wurde, gab es im Ort 1932 immerhin mehr als 230 Arbeitslose. Die Arbeitslosigkeit in Bad Sachsa war jedoch in erster Linie ein strukturelles Problem, denn aufgrund fehlender Arbeitsmöglichkeiten gab es bereits 1927/28 bis zu 200 Arbeitslose im Ort.

   Doch war die Zunahme der Arbeitslosigkeit nicht die einzige und wesentlichste Folge der Wirtschaftskrise. Noch gravierender wirkte sie sich für den Hauptwirtschaftsfaktor Bad Sachsas, den Fremdenverkehr, aus. Zwischen 1929 und 1933 kam es zu einem drastischen Rückgang des Kurbetriebs in Bad Sachsa. Hatten 1929 noch 9266 Kurgäste den Ort besucht, so ging ihre Zahl bis 1933 auf nur 4336 zurück.
In politischer Hinsicht schließlich hatte die Wirtschaftskrise eine Radikalisierung der politischen Auseinandersetzung im Ort zur Folge, die 1932 ihren Höhepunkt erreichte.

Die Anfänge der NS-Bewegung in Bad Sachsa

   Für die Anfänge der NS-Bewegung sind drei Faktoren als konstitutiv anzusehen:
Sie waren einerseits gekennzeichnet durch ein enges Zusammengehen der NSDAP-Ortsgruppe mit dem nationalkonservativem Bürgertum (DNVP, Stahlhelm, Kriegervereine). Dementsprechend bestanden enge personelle Verflechtungen zwischen der NSDAP-Ortsgruppe und den nationalen Verbänden. Sie fanden ihren Ausdruck darin, dass die ersten NSDAP-Mitglieder aus den Reihen des "Stahlhelms" bzw. des "Wehrwolfs", zwei nationalkonservativen Wehrverbänden, kamen.
Abgesehen davon war die Frühphase der NSDAP-Ortsgruppe von einer engen Bindung an die NSDAP Nordhausen gekennzeichnet. Von ihr gingen entscheidende Impulse zur Gründung bzw. Neugründung der Bad Sachsaer Ortsgruppe aus. Nicht nur die Gründung der ersten Bad Sachsaer Ortsgruppe im Herbst 1924, sondern vor allem ihre Neugründung Ende Januar 1930 gingen wesentlich auf die Initiative der Nordhäuser NSDAP zurück.
Als drittes konstitutives Merkmal der Frühphase der Bad Sachsaer NS-Bewegung ist das Nebeneinander von organisatorischer Schwäche und gleichzeitigem wahlpolitischen Aufstieg zu nennen. So war die NSDAP-Ortsgruppe bis zu ihrer Neugründung 1930 aufgrund ihrer geringen Mitgliederzahl - bis 1930 zählte sie nur 6-8 Mitglieder - organisatorisch schwach und instabil und trat daher fast nur vor Wahlen und Abstimmungen in Erscheinung. Unabhängig von ihrer personellen Schwäche bzw. der Unscheinbarkeit ihrer lokalen Vertreter jedoch erzielte die NSDAP in Bad Sachsa erste Wahlerfolge. Nachdem die Nationalsozialisten bereits bei den Reichstagswahlen vom Mai 1928 immerhin einen Stimmenanteil von 8,5% erreicht hatten, gelang ihnen Ende 1929 der endgültige Durchbruch auf wahlpolitischer Ebene. Bei den Kreistags- und Provinziallandtagswahlen vom November 1929 erreichte die NSDAP 11% bzw. 10,5% der abgegebenen gültigen Stimmen und wurde damit zur drittstärksten politischen Kraft im Ort.

Zur Sozialstruktur der frühen NS-Bewegung in Bad Sachsa

   Die frühen Mitglieder der Partei kamen fast sämtlich aus dem gewerblichen Mittelstand. Erste führende Mitglieder waren ein Malermeister, ein Kaufmann sowie 1925/26 ein Studienassessor am Pädagogium. Seit 1925 gehörte auch der Kaufmann Heinrich Keiser zur Führungsspitze der Ortsgruppe, der dann ab 1930 als Ortsgruppenleiter zur dominierenden Figur der lokalen Parteiorganisation und über sie hinaus wurde.

   Ein anderes Bild bot dagegen die Sozialstruktur der SA, der wichtigsten Nebenorganisation der Partei in Bad Sachsa. Bei den namentlich bekannten SA-Mitgliedern handelte es sich zumeist um aus dem Kleinbürgertum stammende, sozial entwurzelte, jugendliche Arbeitslose im Alter von 18 bis 28 Jahren.

   Hieran wird zugleich ein weiteres wesentliches Charakteristikum der Bad Sachsaer NS-Bewegung deutlich und zwar ihr jugendlicher Charakter. So waren fast alle der bekannten Partei- und besonders SA-Mitglieder zwischen 20 und 40 Jahre alt. Dieser jugendliche Charakter fand seinen Ausdruck nicht zuletzt in einer größeren Dynamik der NS-Bewegung, die sich besonders in den politischen Auseinandersetzungen des Jahres 1932 in einer zunehmenden Militanz und Gewaltbereitschaft auswirkte.

Wahlen und NSDAP-Wählerschaft 1930-1932

   Nach ihren ersten Wahlerfolgen 1928 und 1929 stieg die NSDAP seit dem Herbst 1930 zur dominierenden politischen Kraft in Bad Sachsa auf. Bei den Reichstagswahlen am 14. September 1930 und 1. Juli 1932 erhielt die NSDAP im Ort 31,9% bzw. 50,8% der abgegebenen Stimmen. Sie lag damit deutlich über dem Reichsdurchschnitt von 18,3% bzw. 37,3%. Ihr Aufstieg vollzog sich in Bad Sachsa damit, wie bereits betont, nicht nur früher, sondern auch weit stärker als in vielen anderen Orten des damaligen Deutschen Reiches.

   Welche Gruppen der Bad Sachsaer Einwohnerschaft waren es nun, die diesen wahlpolitischen Aufstieg der NSDAP ermöglichten?
Eine Analyse der Wahlergebnisse seit 1930 lässt deutlich werden, dass die NSDAP in Bad Sachsa überwiegend von bisherigen Anhängern der liberalen Mittelparteien DVP und DDP, von bisherigen Wählern der mittelständisch und gewerblich orientierten Wirtschaftspartei sowie von bisherigen Nichtwählern gewählt wurde. Daraus ist zu schlussfolgern, dass sich die Wählerschaft der NSDAP, ähnlich wie auch wie das Gros ihrer Mitglieder, überwiegend aus Angehörigen des Mittelstandes bzw. des Kleinbürgertums (Kaufleute, Handwerker etc.) zusammensetzte.

Aktions- und Organisationsformen der NS-Bewegung in Bad Sachsa

   Weitgehend unabhängig vom Durchbruch der NSDAP zur stärksten politischen Kraft bei den Septemberwahlen 1930, hatte sich der Aufstieg der lokalen NS-Bewegung bereits einige Monate früher vollzogen. Hatte die Ortsgruppe bis 1930 nur etwa 6-8 Mitglieder gezählt und daher nur eine sehr eingeschränkte Aktionsfähigkeit besessen, so setzte mit der Neugründung der Ortsgruppe Ende Januar 1930 hier ein entscheidender Wandel ein. Dieser offenbarte sich in einer starken Mitgliederzunahme auf zunächst 20-30 Mitglieder Anfang 1930. Mit diesem Mitgliederwachstum einher ging der Auf- bzw. Ausbau des Organisationsgefüges der Bad Sachsaer NS-Bewegung:
1930/31 hatte sich als erste Nebenorganisation die Bad Sachsaer SA gegründet, die zunächst etwa 10-12 Mitglieder zählte. Ende 1931 bzw. Anfang 1932 erfolgte dann die Gründung der Bad Sachsaer HJ, gefolgt von der Gründung der Bad Sachsaer SS sowie einer "Propagandaschar der NSDAP Bad Sachsa" im Jahre 1932. Somit verfügte die NS-Bewegung in Bad Sachsa bis zum Jahre 1932 über einen beachtlichen organisatorischen Unterbau, welcher die wesentliche Grundlage bzw. Voraussetzung für einen zunehmenden Aktionismus bildete. Dieser fand seinen Ausdruck zunächst in einer erheblichen Zunahme der Versammlungs- und Propagandatätigkeit der Bad Sachsaer Nationalsozialisten. Die Zahl der nationalsozialistischen Veranstaltungen (Versammlungen, Kundgebungen usw.) stieg von 6 im Jahre 1930 auf immerhin 20 im Jahre 1932 an. Gleichzeitig resultierte aus dem Organisationsausbau auch eine größere Vielfalt der Aktionsformen, wobei Massenaufmärsche, Propagandafahrten und auch Filmvorführungen an Zahl und Bedeutung gewannen, während die Durchführung von politischen Versammlungen etwas an Bedeutung verlor.
Von besonderer Wichtigkeit im Zusammenhang mit dem wachsenden Aktionismus der NS-Bewegung in Bad Sachsa war die Einrichtung des SA-Heimes in der Uffestraße Ende Januar 1932, das zum Zentrum nationalsozialistischen Aktivitäten wurde. Es war vom Ortsgruppenleiter Keiser gemietet worden und diente nicht nur als Geschäftsstelle der NSDAP-Ortsgruppe sowie als Vertriebsstelle von Parteilektüre, sondern auch zur Durchführung von Schulungskursen für SA und HJ, als Sammel- und Ausgangspunkt von Aktionen und zur Aufnahme auswärtiger Nationalsozialisten.

   Die zunehmende Stärke und Dominanz der NS-Bewegung in Bad Sachsa fand ihren konkreten Ausdruck schließlich in einer, durch die vielen Wahlkämpfe des Jahres 1932 angeheizten, Eskalation des SA-Terrors.
Bereits im März 1932 kündigten die Nationalsozialisten erstmals offen ihre Bereitschaft zur physischen Gewaltanwendung in der Auseinandersetzung mit ihren politischen Gegnern, der "Eisernen Front" bzw. dem Reichsbanner, an.
Kurz darauf, am 21. März 1932, kam es dann bereits zu ersten gewalttätigen Übergriffen, als SA-Trupps die Stadt unsicher machten. Sie überfielen einen sozialdemokratischen Arbeiter, der erhebliche Verletzungen davontrug, und bedrohten weitere linksgerichtete Arbeiter mit Totschlag. Zwar hatten diese Übergriffe, welche die "öffentliche Sicherheit und Ordnung" im Ort erstmals empfindlich gestört hatten, ein juristisches Nachspiel, jedoch mit unerwartetem Ergebnis. Nicht die SA-Männer wurden vor Gericht gestellt, sondern ihr "Opfer", ein sozialdemokratischer Arbeiter, der in klarer Verkehrung der Tatsachen zu fünf Monaten Gefängnis verurteilt wurde. In diesem, wie späteren Fällen, offenbarte die Justiz eine einseitige bzw. sogar pronationalsozialistische Haltung und beförderte auf diese Weise die Durchsetzung der Nationalsozialisten in Bad Sachsa.
Auch die Bad Sachsaer Polizeiverwaltung mit Bürgermeister Dr. Griepentrog an der Spitze war daran nicht ganz unschuldig. Zwar stand sie mit ihren nur zwei Polizeibeamten dem SA-Terror hilflos gegenüber, doch reagierte auch sie nicht zuletzt angesichts der zunehmenden Wahlerfolge der NSDAP mit wachsender Nachgiebigkeit auf die Aktivitäten der NSDAP-Ortsgruppe. So kann es auch nicht verwundern, dass die politische Radikalisierung in Bad Sachsa im Vorfeld der Reichstagswahlen vom 31. Juli 1932 ihren Höhepunkt erreichte und in eine Eskalation des SA-Terrors einmündete.

   Seit Anfang Juli begannen die Nationalsozialisten das sozialdemokratische Vereinslokal im Blumenberg sowie die Führer von SPD und "Reichsbanner" zu überwachen. Gleichzeitig versuchte man die sozialdemokratische Plakatpropaganda gewaltsam zu unterbinden.
In der Nacht zum 28. Juli führte die Bad Sachsaer SA dann mit Unterstützung auswärtiger SA-Männer eine regelrechte "Razzia" in der weitgehend von linksgerichteten Arbeitern bewohnten Wiedaerstraße durch. Dabei wurden sozialdemokratische Arbeiter, nachdem der Bad Sachsaer SA-Führer zum Schusswaffengebrauch aufgefordert hatte, erstmals auch mit Schusswaffen bedroht. Auch diese Aktion blieb trotz der daraufhin erstatteten Anzeigen juristisch ohne Folgen, da die Staatsanwaltschaft die Täter nicht ermitteln konnte.

   Ihren Höhepunkt erreichte die Eskalation der Gewalt in Bad Sachsa dann in der Nacht zum 31. Juli 1932, als etwa 15-18 einheimische und auswärtige SA-Männer eine Gruppe von Arbeitersportlern und Reichsbannerangehörigen an der Kreuzung Walkenriederstraße / Bahnhofsstraße überfielen. Bei diesem von langer Hand geplanten Feuerüberfall erlitten vier sozialdemokratische Arbeiter zum Teil schwere Schussverletzungen, an deren Folgen einer von ihnen wenige Tage später verstarb. Einige der jugendlichen Täter konnten zwar verhaftet werden, doch wurden sie nur zu, gemessen am Tatbestand, geringfügigen Geld- bzw. Haftstrafen verurteilt. Der vermutliche Drahtzieher der Aktion, Ortsgruppenleiter Keiser, blieb dagegen vollkommen unbehelligt.

   Mit diesem Überfall war der Widerstandswille der sozialdemokratischen Arbeiterschaft endgültig gebrochen. Die politische Szenerie Bad Sachsas wurde nun vollkommen von den Nationalsozialisten beherrscht, auch wenn ihre Macht noch nicht institutionell verankert war, da sie in den städtischen Gremien noch keine Vertreter hatten. Dies sollte sich erst mit dem Kommunalwahlen im März 1933 ändern.

Machtergreifung und Gleichschaltung

   Aus den Gemeindewahlen am 12. März 1933 ging die nationalsozialistisch dominierte Liste "Nationale Volksgemeinschaft" mit absoluter Mehrheit (56,3%) hervor. Damit war der Weg zur absoluten politischen Macht für die Bad Sachsaer Nationalsozialisten frei.

   In einem ersten Schritt zur Machteroberung in den städtischen Gremien wurde der einzige von der KPD gewonnene Sitz in der Stadtverordnetenversammlung eingezogen. Die eigentliche Machtübernahme in den städtischen Kollegien setzte jedoch erst nach den Kommunalwahlen vom 12. März 1933 ein. Kurz vor der ersten Sitzung der städtischen Kollegien am 25. März 1933 erfolgte auf Anordnung des preußischen Innenministers, nach zusätzlicher Anweisung des Regierungspräsidenten in Erfurt, die Entlassung der beiden sozialdemokratischen Ratsherrn. In dem diesbezüglichen Funkspruch an den Bürgermeister Bad Sachsa hieß es, dass die
"sozialistischen Mitglieder der Gemeindevorstände und Deputationen, soweit dies noch nicht geschehen" sei, mit sofortiger Wirkung zu "beurlauben" seien.

   Eine wichtige Voraussetzung für den weiteren Machtausbau der Nationalsozialisten in Bad Sachsa war die wachsende Machtfülle des Anfang Oktober 1932 zum Kreisleiter aufgestiegenen Heinrich Keiser:
Keiser wurde in der ersten Ratssitzung zum 1. Beigeordneten und damit zum stellvertretenden Bürgermeister der Stadt Bad Sachsa gewählt. Ebenso bedeutsam in diesem Zusammenhang war die Wahl Keisers zum 1. Kreisdeputierten und damit zum stellvertretenden Landrat am 8. April 1933. In dieser Funktion überspielte er den amtierenden Landrat Stumme zunehmend und wurde damit zur politisch mächtigsten Persönlichkeit des Kreises Grafschaft Hohenstein. Wesentlich dazu bei trug auch das enge und freundschaftliche Verhältnis des Kreisleiters Keiser zum Gauleiter und Reichsstatthalter Thüringens, Fritz Sauckel, der ihn bei seinen politischen Aktivitäten des öfteren deckte.

   Die quasi uneingeschränkte Machtstellung Keisers wirkte sich schon bald nachdrücklich auf die Zusammensetzung der städtischen Gremien in Bad Sachsa aus. Die beiden letzten sozialdemokratischen Stadtverordneten gerieten derart unter Druck, dass sie der Stadtverordnetensitzung am 29. Mai 1933 fernblieben und endgültig aus der Stadtverordnetenversammlung ausschieden. Ihre Sitze fielen an zwei Vertreter der nationalsozialistischen Liste. Damit waren die Sozialdemokraten bereits Ende Mai 1933 aus dem politischen Leben der Stadt Bad Sachsa vollständig ausgeschaltet.

   In einem ersten Schritt zur politischen Ausschaltung der "bürgerlichen" Vertreter in den städtischen Gremien wurden im Juli 1933 Maßnahmen gegen den einzigen Ratsherrn der "Unpolitischen Bürgerliste", den Bäckermeister Paul Leimcke, ergriffen. Dabei ersuchte Kreisleiter Keiser Bürgermeister Dr. Griepentrog Anfang Juli 1933 zunächst darum, dem Regierungspräsidenten in Erfurt mitzuteilen,
"daß die hiesigen Magistratsmitglieder und Stadtverordneten, soweit sie der NSDAP angehörten, ihre Mandate niederlegen werden, wenn der Bäckermeister Leimcke...als Ratmann...die Bestätigung der Regierung findet."
Nur wenige Tage später, am 19. Juli 1933, beschloss der Magistrat, die Zahl der unbesoldeten Magistratsmitglieder außer dem Beigeordneten auf drei herabzusetzen. Damit fiel die vierte Ratsherrenstelle, welche der "Unpolitischen Bürgerliste" zugestanden hätte, ersatzlos fort.

   Den Abschluss der Machtübernahme bildete die Ausschaltung der drei noch verbliebenen Stadtverordneten der "Unpolitischen Bürgerliste": Bis Ende Juli 1933 hatte einer von ihnen sein Amt niedergelegt, während ein zweiter Stadtverordneter dieser Liste offenbar zu den Nationalsozialisten übergetreten war. Der letzte Stadtverordnete der "Unpolitischen Bürgerliste" schließlich schied aus, nachdem ihn Kreisleiter Keiser in der Stadtverordnetensitzung am 27. Juli 1933 dazu aufgefordert hatte, als Nicht-Parteimitglied den Sitzungen der Stadtverordnetenversammlung in Zukunft fernzubleiben.

   Damit lag die Macht in den städtischen Kollegien seit Spätsommer 1933 praktisch ohne jegliche Einschränkung in den Händen der Nationalsozialisten. Auch Bürgermeister Dr. Griepentrog als nomineller Leiter der städtischen Verwaltung hatte, da er kein NSDAP-Mitglied war, faktisch keinen nennenswerten Einfluss mehr auf die politischen Geschicke der Stadt. Er schied nach Ablauf seiner 12jährigen Dienstzeit am 12. April 1934 aus seinem Amt aus.

Die Verfolgung politischer Gegner

   Das Vorgehen gegen die politischen Gegner des Nationalsozialismus setzte in Bad Sachsa fast unmittelbar nach dem 30. Januar 1933 ein. Bereits am 2. Februar 1933 traf in Bad Sachsa ein Funkspruch des Innenministers in Berlin ein, in welchem angeordnet wurde:
"alle Versammlungen der KPD unter freiem Himmel" zu verbieten, "geschlossene Versammlungen polizeilich zu überprüfen und gegebenenfalls ebenso zu behandeln" sowie "planmäßige Durchsuchungen bei KPD-Leitung und verdächtigen Funktionären sofort und an nächsten Tagen" vorzunehmen.
Entsprechend dieser Anordnung wurden in Bad Sachsa zwischen dem 3. und 6. Februar 1933 Hausdurchsuchungen bei dem Ortsvorsitzenden der KPD, dem Arbeiter Ernst W., vorgenommen, welche jedoch weder Flugblätter noch sonstiges belastendes Material zutage förderten.

   Noch einschneidendere Verfolgungsmaßnahmen setzten nach den Reichstags- und Gemeindewahlen vom März 1933 ein. Am Abend des 21. April 1933 wurde der damalige Vorsitzende der SPD-Ortsgruppe und Kreistagsabgeordnete, der Arbeiter Albert S. ohne jede Begründung auf Anordnung des Landrats verhaftet und für mehrere Tage in Schutzhaft genommen.
Wenige Tage später folgte eine weitere gegen die SPD gerichtete Maßnahme. Am 5. Mai 1933 wurde auf Beschluss des Magistrats dem sozialdemokratischen Kämmereiarbeiter und Stadtverordneten Albert L. zum 20. des Monats gekündigt. Als Grund für die Entlassung Lehmanns, der bereits auf sein Stadtverordnetenmandat verzichtet hatte, vermerkte man in seiner Arbeitsbescheinigung "wegen Gleichschaltung". An seiner Stelle wurde dann ein Nationalsozialist eingestellt. Mit Wirkung vom 23. Juni 1933 erfolgten weitere Entlassungen bis dahin bei der Stadt beschäftigter sozialdemokratischer und kommunistischer Arbeiter, die sämtlich durch Nationalsozialisten ersetzt wurden.

   Im Zuge des reichsweiten Verbots der SPD am 22. Juni 1933 wurde Albert S. am 27. Juni 1933 auf Veranlassung des Landratsamtes Nordhausen erneut verhaftet und für mehrere Tage in Schutzhaft genommen. Während seiner Haft wurde er, obwohl er nach eigener Aussage der SPD nicht mehr angehörte, zu der Erklärung genötigt, sich für die SPD in Zukunft in keiner Weise mehr zu betätigen. Erst nachdem S. sich in entsprechender Weise erklärt hatte, wurde er am 1. Juli 1933 wieder aus der Haft entlassen.

   Auf diese Art bekamen jedoch nicht nur Angehörige der SPD den zunehmenden Unterdrückungs- und Gewaltcharakter des NS-Regimes zu spüren, sondern auch die Vertreter der eigentlich mit den Nationalsozialisten "verbündeten" nationalen Verbände. So wurde auch ein Angehöriger des Stahlhelms aus dem Nachbarort Clettenberg ohne Angaben von Gründen auf Anordnung des Landrats in der Nacht zum 13. Juli 1933 abgeholt und in Bad Sachsa inhaftiert.

   Das Hauptaugenmerk der Nationalsozialisten lag jedoch weiterhin auf der Überwachung bzw. Ausschaltung der KPD und vor allem der SPD. Am 15. Mai 1933 wurden wiederum auf Veranlassung des Landratsamtes Nordhausen bei zwei Bad Sachsaer Spediteuren Durchsuchungen nach verdächtigen Sendungen kommunistischer Herkunft durchgeführt - abermals ohne jeden Erfolg.

   Anfang Juli 1933 wurde dann nochmals verstärkt gegen die KPD vorgegangen. Entsprechend einer Verfügung des Landrats vom 5. Juli 1933 wurden von der Bad Sachsaer Polizei am 10. und 11. Juli 1933 bei "mehreren Personen..., welche der KPD angehören bzw. zu dieser Partei gestanden haben..." Hausdurchsuchungen auf Waffen und Schriftmaterial vorgenommen. Auch diese Aktion, von der insgesamt 6 KPD-Angehörige betroffen waren, blieb ohne nennenswertes Ergebnis.

   Obwohl es für die Nationalsozialisten damit als erwiesen gelten konnte, dass von der KPD keine nennenswerte Gefahr mehr ausging, standen ihre Mitglieder und Sympathisanten, wie von der Stadtverwaltung geführte "Listen der als Aufwiegler und Staatsfeinde in Frage kommenden Personen" zeigen, unter weiterer Beobachtung. So etwa hatten die örtlichen Polizeibeamten unterstützt von NSDAP-Mitgliedern im Spätsommer bzw. Herbst 1933 damit begonnen,
"Personen, die Verdacht stehen, früher kommunistisch organisiert und gesinnt gewesen zu sein..." daraufhin zu beobachten, "ob sie sich zusammenfinden, um vom Moskauer Sender Nachrichten zu empfangen"
und sich zu diesem Zweck abends mit Abhörgeräten auf die Suche nach solchen Rundfunkhörern gemacht.

   Einer noch konsequenteren Verfolgung durch die Nationalsozialisten waren die Sozialdemokraten und die ihnen nahestehenden Vereine und Organisationen ausgesetzt. Der Arbeitersportverein VFL etwa wurde bereits kurz nach den Stadtverordnetenwahlen am 15. März 1933 aufgelöst, konnte jedoch sein Vereinsvermögen vor dem Zugriff der Nationalsozialisten rechtzeitig in Sicherheit bringen.
Der "Reichsbund der Kriegsbeschädigten und Kriegshinterbliebenen" wurde im Sommer 1933 aufgelöst und das Inventar seines Büros, da sonstiges Vermögen nicht mehr vorhanden war, kurzerhand von Kreisleiter Keiser beschlagnahmt.

   Beispielhaft für die Praxis der Verfolgung politisch Andersdenkender unter dem NS-Regime ist der Fall des sozialdemokratischen Postbeamten Willi Müller. Müller, 1896 in Braunschweig geboren, war Kriegsfreiwilliger und Kriegsbeschädigter des 1. Weltkrieges. Seit 1923 trat er in Bad Sachsa aktiv für die Sozialdemokratie ein und war seit 1926 Stadtverordneter für die SPD sowie SPD-Ortsgruppenvorsitzender bis 1933.

Im Zuge der Durchführung des § 4 des "Gesetzes zur Wiederherstellung des Berufsbeamtentums" vom 7. April 1933 wurde Müller dann am 26. September 1933 aus dem Postdienst entlassen. Durch Manipulation seiner Arbeitszeitnachweise verhinderten die Nationalsozialisten, dass Müller den ihm zustehenden Pensionsanspruch geltend machen konnte. Müller musste seinen Lebensunterhalt daher allein mit seinen geringen Kriegsbeschädigtenbezügen bestreiten. Dadurch war er dazu gezwungen, sein Haus, auf dem noch hohe Hypotheken lasteten, 1934 aufzugeben und es zwangsversteigern zu lassen. Bis zum Sommer 1936 brachte Müller sich und seine Familie mit Gelegenheitsarbeiten, wie z. B. dem Austragen von Zeitungen durch, bevor er dann durch Vermittlung von Bekannten in einer Nordhäuser Firma eine Anstellung als Buchhalter fand. Nachdem er Anfang der 40er Jahre eine Stelle als Buchhalter bei der Dynamit-AG in Bad Sachsa gefunden hatte, wurde Müller am 22. Juli 1944 im Zuge der Verfolgungsmaßnahmen gegen die Verschwörer vom 20. Juli 1944 verhaftet und ins KZ Buchenwald überstellt. Da er sich jedoch in seiner Funktion als Buchhalter bei der Dynamit-AG unentbehrlich gemacht hatte, wurde er auf ihr Drängen hin nach sechs Wochen wieder aus dem KZ Buchenwald entlassen.
Nach dem Krieg war Müller zunächst Bürgermeister und dann langjähriger Stadtdirektor der Stadt Bad Sachsa.

   Ein ähnlich drastisches und zugleich typisches Beispiel dafür, wie das nationalsozialistische Regime in Bad Sachsa gegen missliebige Personen vorging, stellt der Fall des Fabrikbesitzers Emil Lohoff vom Juli 1935 dar. Lohoff hatte sich abfällig gegen "Formationen und Einrichtungen des neuen Deutschland" geäußert und wurde daraufhin, nachdem eine "aufgebrachte Menschenmenge" vor seinem Haus erschienen war und seine Herausgabe verlangt hatte, in Schutzhaft genommen und ins Polizeigefängnis Nordhausen überführt. Im Anschluss an seine Schutzhaft wurde gegen Lohoff
"bis auf weiteres...ein Aufenthaltsverbot für den Regierungsbezirk Erfurt verhängt", da durch sein "staatsfeindliches Verhalten...die öffentliche Ruhe Sicherheit und Ordnung in Tettenborn und Bad Sachsa gestört worden" sei.

   Im 2. Weltkrieg kam es dann zu einer weiteren Verschärfung der Verfolgungsmaßnahmen gegen politisch missliebige Personen. Extremstes Beispiel hierfür ist das Vorgehen gegen den kommunistischen Arbeiter Albert Vieth. Vieth wurde 1941 wegen Hören eines "Feindsenders" zu drei Jahren Haft verurteilt und kam 1944 in einem Arbeitslager ums Leben.

Antisemitismus - Der Fall Dr. Meyer

   Bis zur Machtübernahme 1933 nahm die antisemitische Agitation in der nationalsozialistischen Propaganda in Bad Sachsa eher eine Randstellung ein. Zwar waren die Veranstaltungsanzeigen der Bad Sachsaer Nationalsozialisten seit 1928 einige Male mit dem Zusatz "für Juden verboten" versehen, doch in ihren öffentlichen Versammlungen wurden stereotype antisemitische Feindbilder thematisch nur verhältnismäßig selten und kurz aufgegriffen. Stärker zum Tragen kam der Antisemitismus vor 1933 dagegen in der Agitation der Bad Sachsaer SA, für die das Skandieren antisemitischer Parolen wie "Juda verrecke" in die Versammlungen politischer Gegner hinein charakteristisch war.

   Dr. Meyer war 1933 der einzige Bürger Bad Sachsas jüdischer Herkunft: Er stammte aus einem jüdischen Elternhaus, war jedoch schon frühzeitig vom jüdischen zum evangelischen Glauben übergetreten. Geboren am 6. März 1865 in Berlin, war Meyer zunächst Stadtrat in Berlin gewesen, bevor er vermutlich 1918 nach Bad Sachsa übersiedelte. Dort wurde er im Jahre 1928 als Rechtsanwalt und Notar zugelassen und eröffnete eine eigene Praxis in der Marktstraße 8/9.
Von 1918 bis 1933 war Meyer Stadtverordneter einer seit 1924 von ihm geführten, der DVP nahestehenden Liste. Da er mit seiner regen politischen Aktivität aus der bürgerlichen "Einheitsfront" gegen die SPD ausscherte, machte Meyer sich trotz seiner nationalkonservativen Grundhaltung, die sich etwa in der Ablehnung der Schwarzrotgoldenen Flagge der Weimarer Republik äußerte, in der politischen Führungsschicht des Bürgertums zunehmend Feinde. Bereits frühzeitig sah er sich daher öffentlichen Angriffen ausgesetzt, erstmals im Jahre 1924 seitens der "Arbeitsgemeinschaft der wirtschaftlichen Vereinigung des Mittelstandes".
Im März 1926 kam es zu einer ersten gegen Dr. Meyer gerichteten Aktion. Eines Nachts wurden mehrere Fensterscheiben seiner Villa am Pfaffenberg durch Steinwürfe zertrümmert. Ob diese Aktion einen politischen Hintergrund hatte bzw. welcher Art dieser war blieb ungeklärt, da die Täter nicht ermittelt werden konnten.
Bis zum Jahre 1933 hatte sich Dr. Meyer noch weiterer Angriffe auf seine Person zu erwehren. Im Wahlkampf zu den Stadtverordnetenwahlen 1929 etwa war eine "Schmähschrift" gegen ihn und seine Liste verfasst worden, an der sich der bürgerliche Ratsherr Löhnis beteiligt hatte. Dies war die Ausgangsposition, als die Nationalsozialisten im Januar 1933 die Macht übernahmen.

   Mit dem reichsweiten Boykott jüdischer Geschäfte am 1. April 1933, von der vermutlich auch die Rechtsanwaltspraxis Dr. Meyers betroffen war, setzten die formellen Maßnahmen gegen die jüdische Bevölkerung ein. Nur kurze Zeit später wurde auf der Grundlage des "Gesetzes zur Wiederherstellung des Berufsbeamtentums" vom 7. April 1933 ein Berufsverbot gegen Meyer verhängt und seine Rechtsanwaltskanzlei vermutlich Anfang Juni 1933 geschlossen. Dr. Meyer nahm dieses jedoch nicht einfach widerspruchslos hin, sondern setzte sich in aller Öffentlichkeit gegen diese Maßnahme zur Wehr. Um seine Wiederzulassung als Rechtsanwalt zu erreichen und die Schließung seiner Kanzlei rückgängig zu machen führte er eine Unterschriftensammlung durch, bei der sich immerhin 74 Bad Sachsaer Bürger für den Erhalt seiner Kanzlei einsetzten.

   Diese Unterschriftenaktion rief bei der Führungsspitze der Bad Sachsaer Nationalsozialisten um den Kreisleiter Keiser eine heftige Reaktion hervor. In unmissverständlicher Weise wandte sich Keiser in den "Bad Sachsaer Nachrichten" vom 17. 6. 1933 gegen den
"lächerlichen Versuch Dr. Meyers" und erwartete "von allen Parteigängern und Anhängern Adolf Hitlers, daß sie diese Methode der Extra-Wurst nicht unterstützten."

Dr. Meyer hatte sich jedoch inzwischen mit einer Eingabe, welche die von ihm gesammelten Unterschriften enthielt, an den Preußischen Innenminister gewandt. Der Magistrat sah sich deshalb in seiner Sitzung vom 19. Juni 1933 dazu veranlasst, an den Preußischen Innenminister ein Schreiben zu richten. Darin ersuchte man ihn, der Eingabe nicht stattzugeben, womit man offensichtlich auch Erfolg hatte. Damit jedoch nicht zufrieden, forderte die Ortsgruppenleitung diejenigen Personen, welche die Eingabe Dr. Meyers unterschrieben hatten, in einem nochmaligen Aufruf in den "Bad Sachsaer Nachrichten" dazu auf, ihre
"Unterschrift durch mündliche oder schriftliche Erklärung bis zum 30. 07. im Adolf-Hitler-Haus (dem Sitz der Kreisleitung) zurückzuziehen."

   Damit war nun offensichtlich jeglicher "Widerstand" gegen die Dr. Meyer betreffenden Maßnahmen gebrochen: Die Praxis Dr. Meyers blieb geschlossen, das gegen ihn verhängte Berufsverbot blieb bestehen.
Mit dem Berufsverbot und dem Verlust seiner Praxis wurde Dr. Meyer die wirtschaftliche Grundlage seiner Existenz entzogen. Schon bald sah er sich deshalb dazu gezwungen, Einrichtungs- und andere Wertgegenstände aus seinem Besitz zu verkaufen.
Auf die Zerstörung der materiellen Existenzgrundlage Dr. Meyers folgte nach und nach auch seine gesellschaftliche Entrechtung und Isolierung. Seit 1935, als überall in der Stadt Zettel mit der Parole "Juden werden nicht bedient" zum Aushang kamen, wurde es auch für Dr. Meyer immer schwieriger sich mit den nötigsten Lebensmitteln zu versorgen. Dennoch erfuhr Dr. Meyer durch einzelne Bad Sachsaer Bürger weiterhin Zuwendungen.
In den folgenden Jahren, besonders seit Kriegsbeginn, spitzte sich die Situation für Dr. Meyer weiter zu, der 1942 in der Nacht vor seiner bevorstehenden Deportation in ein Konzentrationslager durch Freitod aus dem Leben schied.

   Wie sehr sich der anfänglich eher als Randphänomen anzusehende Antisemitismus der Nationalsozialisten inzwischen in Bad Sachsa etabliert hatte, zeigen mehrere Artikel in den "Bad Sachsaer Nachrichten" aus dem Jahre 1935. In ihnen rühmte man sich, ein von jüdischen Kurgästen gemiedener und freier Ort zu sein. Man verstieg sich dabei sogar zu der Feststellung, dass
"der Jude...der Henker der Menschheit...unter dem Deckmantel des Bolschewismus" sei.

   Eine zweite Verfolgungsmaßnahme mit antisemitischem Hintergrund aus der Kriegszeit betraf die Angestellte Golda-Maria Ebschütz. Golda-Maria Ebschütz, die aller Wahrscheinlichkeit nach keine Jüdin war, hatte als Angestellte in der Kreisschulungsstätte, im sogenannten "Fritz-Sauckel-Haus", einer Arbeitskollegin gegenüber Zweifel daran geäußert, dass Hitler den Krieg gewinnen könne. Daraufhin war sie denunziert und verhaftet worden. Ihre "staatsfeindlichen" Äußerungen hatte man zum Anlass genommen, sie aus reiner Willkür zur Halbjüdin zu machen. Nach ihrer Verhaftung wurde sie zunächst nach Nordhausen deportiert, wo sie bei Verladearbeiten am Bahnhof gesehen wurde. Golda-Maria Ebschütz kam 1943 unter nicht genau geklärten Umständen - vermutlich in einem Konzentrationslager - ums Leben.

Nationalsozialismus als etablierte Herrschaft: Willkür, Machtkämpfe, Machtmissbrauch

   Mit der Etablierung der NS-Herrschaft begann sich der antibürgerliche, von Willkür, Machtmissbrauch und Machtkämpfen gekennzeichnete Grundcharakter des NS-Regimes in Bad Sachsa zu offenbaren. Die Zeit seit Juli 1933 war gekennzeichnet durch Auseinandersetzungen zwischen der Partei bzw. ihren Gliederungen auf der einen Seite und staatlichen bzw. städtischen Behörden auf der anderen Seite.

   Im zweiten Halbjahr 1933 wurden gegen mehrere Bad Sachsaer SA-Männer polizeiliche Ermittlungen wegen Hausfriedensbruch, Nötigung, Sachbeschädigung, Beamtenbeleidigung und einigen anderen Delikten eingeleitet, die im Mai 1934 schließlich zu einem Prozess führten. Gleichzeitig waren im 2. Halbjahr 1933 mehrere, nicht der NSDAP angehörende Bürgermeister des Kreises durch Terroraktionen des Kreisleiters Keisers zum Rücktritt gezwungen worden. Daraufhin kam es im Mai 1934 zu einem Prozess gegen Keiser wegen Nötigung von Beamten in drei Fällen. Trotz ausreichenden Beweismaterials wurde Keiser jedoch freigesprochen. Im Verlauf dieses Prozesses hatte Keiser mit aller Deutlichkeit seine "antibürgerliche Einstellung" offenbart: So nahm er für die NSDAP und ihre Gliederungen in Anspruch, über Recht und Gesetz zu stehen bzw. sich gegebenenfalls einfach über diese hinwegsetzen zu können und distanzierte sich dabei eindeutig von der "reaktionären Kaiserzeit".
Nach weiteren Übergriffen und einem nochmaligen Prozess im Oktober und November 1934 wurde Keiser im Dezember 1935 nach Saalfeld in Thüringen versetzt.

   Die seit Mitte 1933 aufbrechenden machtpolitischen Konflikte zwischen Parteiführung und Stadtverwaltung offenbaren sich geradezu exemplarisch in einem Vorfall vom Dezember 1934. Dabei kam es zwischen NSDAP-Ortsgruppe bzw. Kreisleitung und dem Bad Sachsaer Bürgermeister bzw. der Stadtverwaltung zu einer Auseinandersetzung, in der es um die Verwendung von Teilen des städtischen Haushalts für die Errichtung der Kreisschulungsstätte (Fritz-Sauckel-Haus) ging. Die Ortsgruppenführung hatte auf Wunsch des Kreisleiters Keiser zu diesem Zweck eine größere Summe, die im Etat nicht vorgesehen war, ohne die Genehmigung des Bürgermeisters und ohne Rücksicht auf haushaltspolitische Konsequenzen, zur Verfügung gestellt. Der Bürgermeister, der einfach übergangen worden war, setzte sich zwar aus haushaltsrechtlichen Gründen gegen diesen widerrechtlichen Eingriff in den städtischen Haushalt entschieden zur Wehr, konnte sich mit seinem Einspruch jedoch nicht durchsetzen. Er wurde von der Ortsgruppenführung einfach überspielt, welche die von der Kreisleitung angeforderte Summe eigenmächtig aus dem Haushalt entnahm und dieser zur Verfügung stellte. Dies tat man jedoch nicht, ohne sich beim Kreisleiter Keiser für die dabei eingetretene Verzögerung zu entschuldigen. Dieser eher unbedeutende Vorgang machte damit deutlich, inwieweit sich mittlerweile die politischen Machtverhältnisse in der Stadt zugunsten der Partei verschoben hatten.

Zieht man ein Fazit der ersten Jahre nationalsozialistischer Herrschaft in Bad Sachsa, so kommt man zu dem Schluss, dass die von Willkür und Machtmissbrauch geprägte Herrschaft der Nationalsozialisten spätestens seit Mitte 1934 bei einer Mehrheit der Bevölkerung Bad Sachsas auf Ablehnung stieß. Gerade jene Mehrheit war es jedoch gewesen, welche die NSDAP bei den Wahlen der Jahre 1932 und 1933 gewählt und ihr damit zur Macht verholfen hatte.

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