Einweihung eines Gedenksteins am Herzberger Bahnhof

Gedenkstein vor dem Bahnhof Herzberg

Für die Ar Ge Spurensuche begrüßte F. Vladi die Teilnehmer der Gedenkveranstaltung, besonders die zahlreichen Gäste aus Belgien, die auf ihrem Weg nach Bergen-Belsen in Herzberg Halt gemacht hatten, um der Toten zu gedenken. Er dankte dem Herzberger Bürgermeister Walter und seinen Mitarbeitern dafür, mit dem Gedenkstein vor dem Bahnhof an die Deportationen im 2. Weltkrieg erinnern zu können.

Dazu führte er aus:
Der Bahnhof Herzberg und die Südharzstrecke hatten früher mehr als heute eine wichtige Funktion in der Verbindung bedeutender deutscher Wirtschaftszentren. [Eine Funktion, die wir alle uns heute wieder wünschen!]. In der Zeit von etwa 1939 bis 1945 waren Bahnhof und Strecke in die Ereignisse des Krieges, der Rüstungsproduktion, besonders der Südharzer Werke, der Zwangsarbeit, der KZ-Lager am ganzen Südharz und der "Überstellung" von zig-Tausenden von Häftlingen, ihrer leidensreichen Evakuierung und letztlich horribile dictu in den Holocaust involviert.
Insbesondere für Überlebende dieser Transporte, aber auch für Söhne und Töchter von Deportierten bedeuten das Erinnern an die Leiden in einem Unrechtsstaat und das Nichtvergessen der Toten sehr viel.

Die Arbeitsgemeinschaft Spurensuche hat sich gerade dies zur Aufgabe gemacht und konnte im Laufe weniger Jahre Plätze des Leidens und des Unrechts am Südharz dem Vergessen entreißen - oder besser dem fast erfolgreichen Verdrängen?
Wir sind glücklich, dass diese Gedenkarbeit, wie hier die Errichtung von Gedenksteinen, in der heutigen Öffentlichkeit offen angenommen wird. Wir freuen uns auch über die vielfältige Unterstützung aus der Kommunalpolitik, von Kommunen, Firmen, Schulen, Gewerkschaften, Einrichtungen des Landes und vielen Ehrenamtlichen bei dieser Arbeit. Ihnen allen an dieser Stelle ein herzlicher Dank!

Auch zivile Opfer an Bahnpersonal und Bevölkerung haben die Ereignisse den Herzbergern gebracht, ich denke an die Explosion der Muna am 4. April 1945 und an die Bombardierung des Bahnhofgeländes mit dem folgenreichen Treffer eines mit Sprengstoff beladenen Zug Ende März 45. Wir wollen auch diese Opfer nicht vergessen, auch hier ist noch Dokumentationsarbeit zu leisten.

Den wenigsten Herzbergern ist wohl bewusst, dass über diese Gleise nicht "nur" Zwangsarbeiter und KZ-Häftlinge fuhren. Für offenbar Tausende war es ihre letzte Fahrt, eine Bahnfahrt, die dazu bestimmt war, sie, Juden aus dem Westen Deutschlands direkt zur Vernichtung nach Osten ins besetzte Polen zu transportieren.
Diese Fahrpläne waren nicht geheim! Und ebenfalls Tausende Bahnbedienstete wirkten an diesem Geschehen mit, wussten davon oder ahnten von ihrer Fracht. War es nur der eine Zug am 22. April 1942, der abends um 20:00 Uhr mit 941 zur Tötung Bestimmten durch den Bahnhof fuhr? Waren es Dutzende Züge? Aber jetzt hierzu nicht mehr; heute um 18:00 wird sich mit diesem Geschehen ein Workshop in Walkenried befassen. Wer Interesse hat, sei gern eingeladen!

Soviel, meine Damen und Herren, an dieser Stelle.
Herr André Bertouille, früher Erziehungsminister in Belgien, nimmt heute an dieser "Pilgerfahrt" auf den Spuren der Deportationen teil, um herauszufinden, wo sein Vater den Tod gefunden hat und begraben liegt. Grabsteine zeigen uns einen Ort für die Trauer an und ermöglichen mit der Namensnennung die Erinnerung.
Wir wollen diesem näherkommen, als nächstem, auf dem Friedhof der Stadt Herzberg. Ihnen, sehr geehrter Herr Bürgermeister Walter, sei schon hier auch von unserer Seite, der Arbeitsgemeinschaft Spurensuche, besonders für die Neugestaltung der Grabsteine auf dem Friedhof gedankt. Und wir wollen uns jetzt dorthin begeben.
Vielen Dank.

Leopold Claessens aus Antwerpen

Auf dem Friedhof ergriff nach dem Bürgermeister Leopold Claessens aus Antwerpen das Wort und berichtete mit bewegenden Worten, wie er mit anderen Häftlingen des Lagers Harzungen evakuiert wurde und in einem Güterwaggon der Reichsbahn erstmals Herzberg auf dem Weg nach Bergen-Belsen durchquerte.




Öffentlicher Workshop:
Sonderzüge in den Tod - SS missbraucht die Südharzstrecke 1933 - 1945

Am Freitag, dem 14. Juni 2002 veranstaltete die KVHS Osterode in Kooperation mit der Arbeitsgemeinschaft Spurensuche in der Südharzregion und der Initiative "Höchste Eisenbahn für den Südharz" im Hotel "Goldener Löwe" in Walkenried einen offenen Workshop zur Geschichte der Südharzlinie in den Jahren 1933-45. Das historische Einführungsreferat hielt der bekannte Journalist und Publizist Heiner Lichtenstein aus Köln, das regionale Einführungsreferat hielt Paul Lauerwald, Bahnhistoriker aus Nordhausen.
Auch die Strecke Northeim-Herzberg-Nordhausen der Reichsbahn war, überwiegend im Auftrag der SS, in das NS-Unrecht eingebunden. So verkehrte hier am 22. April 1942 ein Deportationszug, mit dem die Gestapo 941 deutsche Juden von Düsseldorf ins SS-Sonderlager Trawniki bei Lublin im besetzten Polen verschleppte. Fast 30.000 Reichsmark berechnete die Reichsbahn für diese Fahrt in den Tod. In Trawniki wurden 22.000 Juden ermordet.
Bei der Räumung der Südharzer KZ am 4./5. April 1945 wurden 9.000 Häftlinge aus den KZ-Lagern Harzungen, Woffleben und Mittelbau-Dora u.a. durch Walkenried und Herzberg transportiert. In Viehwaggons gepfercht, ohne Verpflegung erreichten sie nach 6 Tagen das KZ Bergen-Belsen. Ihre Befreiung erlebten viele nicht mehr. Die Leichname von 9 am Gleis nach Scharzfeld gefundenen Deportierten ruhen auf dem Herzberger Friedhof.
Eisenbahnen sind unpolitisch. Das schützt sie nicht vor Missbrauch, machte Eisenbahner zu Mitwissern und Mitwirkenden bei den Verbrechen des NS-Staates. Der offene Workshop sollte zur Aufnahme regionaler Studien zu diesem Thema anregen.