Einweihung des Gedenkortes im Amtsgericht Osterode


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Teilnehmer an der Einweihung

Am 10. November 2003 wurde im ehemaligen Gerichtsgefängnis eine Dauerausstellung eröffnet, die in einer Zelle und auf dem Flur davor über die Geschichte des Amtsgerichtes, die Erosion des Rechtsstaates in den 30er Jahren und am Beispiel von Hannah Vogt über die Verfolgung von Oppositionellen 1933 informiert.
Sie war mehrere Monate in Osterode inhaftiert, bevor sie ins Konzentrationslager Moringen kam. 1948 bis 1954 sowie 1968 bis 1981 war sie Ratsmitglied in Göttingen, dort auch von 1968 bis 1981 Vorsitzende der Gesellschaft für christlich-jüdische Zusammenarbeit. Sie wurde mit dem Bundesverdienstkreuz 1. Klasse ausgezeichnet.
In Hannah Vogts ehemaliger Zelle wird exemplarisch durch ihre in dieser Haftzeit verfassten Briefe ein Einblick in ihre Situation und die psychischen Auswirkungen der Haft gegeben.

H.Vogts ehem. Zelle

Nach der Begrüßung durch den Direktor des Amtsgerichtes Osterode, Herrn Wolfgang Büermann, erklärte Firouz Vladi von der Arbeitsgemeinschaft Spurensuche die Entstehung des Gedenkortes, der in der Folgezeit während der Dienststunden des Amtsgerichtes öffentlich zugänglich sein wird.

F. Vladi: Zur Entstehung des Gedenkortes

1995 wurde der 27. Januar vom damaligen Bundespräsidenten Roman Herzog zum Tag des Gedenkens an die Opfer des Nationalsozialismus ausgerufen.

Die Arbeitsgemeinschaft Spurensuche in der Südharzregion entstand im Frühjahr 1997 als regionale Geschichtswerkstatt und Gedenkinitiative. Zu ihren selbstgestellten Aufgaben gehört die Dokumentation von Plätzen des NS-Unrechts im Südharz und insbesondere im Landkreis Osterode, wo es einen deutlichen Nachholbedarf gab. Es gehört auch die Ausgestaltung eben dieses Gedenktages dazu; denn wir meinten, er sei nicht nur für Festakte im Bundestag, sondern auch für die Gedenkarbeit in der (südhannoverschen) Provinz bestimmt.

Und so war 1998 unsere erste solche Veranstaltung hier im Flur des ehemaligen Gerichtsgefängnisses, am historischen, ja damals wohl noch authentischen Ort, um aus den nachgelassenen Briefen der ehemaligen Gefangenen Hannah Vogt zu lesen. Es ging um die Zeit,als das Unrecht entstand. Die Lesung besorgten Mitglieder des Vereins Jugend für Dora zusammen mit Hans Hesse. Ihm ist es besonders zu verdanken, die Briefe im historischen Kontext – nämlich der Erosion des Rechtsstaates – bearbeitet und herausgegeben zu haben, und damit hat Hans Hesse auch das Fundament für diese Ausstellung gelegt, ganz herzlichen Dank!

Umso erfreuter waren wir, als wir hörten, dass seitens der Justizverwaltung Interesse bestehe, an diesem historischen Ort, einem sorgfältig gepflegten und sinnvoll umgenutzten Baudenkmal, die Zelle zum Gedenken an früheres Unrecht zu bewahren.
(rechtes Bild: die ehemalige Zelle, in der Hannah Vogt 1933 inhaftiert war, vor der Umgestaltung, Bild unten: Entwurf des Gedenkortes durch die Graph. Werkstatt Hinz & Kunst)

ehemalige Zelle von Hannah Vogt

Entwurf der Gedenkstätte

Ich danke heute besonders der Niedersächsischen Landeszentrale für politische Bildung und der Stiftung der Stadtsparkasse Osterode für die freundliche Unterstützung bei der Verwirklichung des Gedenkortes, ich danke auch für die technische Unterstützung aus der BBS I, weiterhin Herrn Martin Chall von der Graphischen Werkstatt Hinz & Kunst aus Braunschweig, Frau Marianne Stolz vom Amtsgericht Osterode, Herrn Ekkehardt Eder vom Stadtarchiv und allen anderen, die mitgeholfen haben; vor allem aber Margret Klinger von der ArGe Spurensuche.

Stefan Vogt, der Sohn von Hannah Vogt, war sehr erfreut über die Schaffung dieses seine Mutter berührenden Gedenkortes. Er kann heute leider nicht dazu kommen und wünscht der Versammlung einen guten Verlauf.

Der Gedenkort ist ganz bewusst noch nicht fertig! Denn Adressaten sind auch Schüler und Schülerinnen (und ihre LehrerInnen). Wir wünschen uns, dass neben einem noch vorgesehenen Infoflyer zwei Tafeln, für die der Platz freigehalten ist, zusammen mit Osterode SchülerInnen entstehen, möglichst noch über den kommenden Winter (dies ist ein Appell an die Schulen!).
1. Eine Tafel zur Geschichte des Osteroder Gefängnisses und seiner Inhaftierten (oral history und Aktenauswertung),
2. eine Tafel zur Rechtsgeschichte nach 1945 und zu der Frage: Lohnt es sich, für unser Grundgesetz und unseren freiheitlich-demokratischen Rechtsstaat einzutreten und gegen welche Gefahren müssen wir ihn verteidigen?
Hierzu aber noch eine Anmerkung, denn die heutige Einweihung haben wir bewusst auf den Tag der Reichspogramnacht vom 9./10. November 1938 gelegt. 1999 schrieb Bundestagspräsident Wolfgang Thierse zur Einweihung einer Ausstellung in der KZ-Gedenkstätte Mittelbau-Dora bei Nordhausen:

"Es ist verlockend, sich auf den bequemen und sehr übersichtlichen Standpunkt zu stellen, dass »damals« besonders niederträchtige Menschen besonders verabscheuungswürdig gehandelt haben...

Ehrlicher ist es zu sehen, dass es Menschen waren,die von keiner Instanz gehindert wurden, das Niederträchtige, zu dem Menschen nun einmal zu allen Zeiten fähig sind, auch an ihren wehrlosen Mitmenschen auszuleben.

Wer wie hier begreift, wohin Diktaturen führen, fragt auch, wo sie beginnen, und muss sich fragen, was er tun kann, um dies zu verhindern."

In der Antisemitismusdebatte der taz dieses Sommers schrieb am 3. Sept. der Soziologe Prof. Y. Michal Bodemann aus Toronto: "Der gefährlichere Rassismus in Deutschland richtet sich nicht gegen Juden, sondern gegen Einwanderer vor allem anderer Hautfarbe. Man denke an die Pogrome von Mölln und Solingen, an Attacken gegen Afrikaner in den »national befreiten Zonen«, an Proteste gegen den Bau von Moscheen und die doppelte Staatsangehörigkeit, man denke an die massive Arbeitslosigkeit von Migranten, an Ghettoschulen schlechtester Qualität und schließlich die Kampagne gegen das Kopftuch. Können wir uns vorstellen, einem jüdischen Lehrer würde untersagt, in der Schule eine Kippa zu tragen? Der Rassismus in Deutschland trifft heutzutage andere."

Ich möchte hinzufügen: Überwiegend andere. Beide religiöse Minderheiten stehen unter Diskriminierungsdruck, wie die Auslassungen politischer "Hinterbänkler" der letzten Tage zeigen: Hohmann ("Juden als Tätervolk"), Nietzsche ("Eher wird einem Moslem die Hand abfaulen, als dass er bei der Christlich-Demokratischen Union sein Kreuz auf den Wahlzettel macht.") und ein anderer abstoßender Fall in NRW.

Nur, während sich gegen Antisemitismus in allen "Instanzen" (Thierse) der Gesellschaft massive Schranken finden - Gott sei Dank- , scheint sich heute der latente, dem Volke innewohnende Rassismus gegen muslimische Mitbürger in erschreckend zunehmendem Maße ausleben zu können. Die von Thierse damals als fehlend festgestellten Instanzen, die das Niederträchtige hindern, diese müssen wir hier heute vermissen. Rechtsstaat aber – und das ist auch die Botschaft eines solchen Gedenkortes – ist der Garant für den inneren und auf Dauer angelegten Frieden mit allen Teilen der Gesellschaft, nicht nur innerhalb der Mehrheitsgesellschaft. Wir dürfen der Ausländerfeindlichkeit, dem religiösen Hass und dem Rassismus, sei es im Gewand des Antisemitismus, sei es im Gewand des heute populäreren Antiislamismus, keinen Spalt die Türe öffnen; nicht in den Medien, nicht in politischen Reden, nicht in Gesetz (Kopftuch nein, Kreuz ja) und Verordnung, nicht durch einen ausufernden Überwachungsstaat, nicht durch einen 3. oder 4. "Otto"-Katalog, nicht durch rechtsbedenkliche Rasterfahndungsmethoden, nicht durch Polizisten in Stiefeln und mit Polizeihunden am christlichen Altar, in der Moschee oder Synagoge oder ihren Zugangskontrollen. Denn diese Dinge sind geeignet, nur den Keim oder Anfang einer Entwicklung darzustellen, deren Fortgang sich heute nicht absehen lässt. Wir müssen wachsam bleiben!

"Wer vor der Vergangenheit die Augen verschließt, wird blind für die Gegenwart. Wer sich der Unmenschlichkeit nicht erinnern will, der wird wieder anfällig für neue Ansteckungsgefahren." (Richard von Weizsäcker in seiner Ansprache zum 40. Jahrestag des Kriegsendes)



E. Isermann und Zuhörer
E. Isermann, Präsident des OLG Braunschweig, während seiner Rede; in der ersten Reihe von rechts: Grafiker Chall (Graphische Werkstatt "Hinz & Kunst"), Historiker H. Hesse, F. Vladi (KVHS OHA und ArGe Spurensuche), W. Büermann, Direktor des Amtsgerichtes Osterode

Rede des Präsidenten des Oberlandesgerichtes Braunschweig, Edgar Isermann

In diesen Tagen versorgt das ZDF sein Fernsehpublikum mit der Sendung: "Unsere Besten - Wer ist der größte Deutsche?" Die Sendung wird offiziell als "Aktuelle Bestandsaufnahme der Kulturnation Deutschland" angekündigt und von den Fernsehmachern als "reizvolle Frage nach der deutschen Identität" eingestuft.
Wer die Sendung gesehen hat, wird sich bei manchen Namen der sog. "TOP 100" - die in den vergangenen Monaten von einem breiten Publikum ausgewählt worden sind - die Augen gerieben haben. Jedenfalls ging es mir so. Soll dieses Ergebnis wirklich Spiegelbild der "Identität" unserer Kultur und unserer Geschichte sein? Das aber zu problematisieren ist hier nicht der Ort.
Was aber können wir gleichwohl an diesem, zum "Event" hochstilisierten Medienprojekt erkennen?
Neben der Widerspiegelung des allgemeinen Bildungsstands vieler, die sich daran beteiligt haben, ist es vor allem die Bestätigung, wie kurzfristig das öffentliche Gedächtnis häufig ist. Anders ist die Berücksichtigung aktueller sog. "Größen" aus dem Showgeschäft nicht zu verstehen.
Aber immerhin - die Sendung hat auch Positives für die, die sich für Vergangenes interessieren. In dem Zusammenhang erscheint mir gerade in diesem Jahr eine andere Besonderheit bemerkenswert. Es ist der Blick in die Regale unserer Buchläden.

Obwohl in diesem Jahr kein rundes Datum zum Ende des letzten Krieges hätte Anlass geben können, gab es selten eine solche Häufung literarischer Neuerscheinungen mit Publikationen, die sich mit dem Kriegsende und der Nachkriegszeit befasst haben, mit Bombenkrieg, Elend und Vertreibung.
Das Feuilleton einer großen deutschen Zeitung spricht von einer "massiven, ungerufenen Wiederkehr der Erinnerung". Andere werfen die Frage auf, ob es neben einer "Kultur der Erinnerung" vielleicht inzwischen eine "Kultur der Niederlage" gibt, in der die Besiegten sich wieder aufrichten.

Wie dem auch sei - das Gedenken und Erinnern ist verstärkt in das öffentliche Bewusstsein getreten. Das Gedenken und Erinnern trägt wesentlich dazu bei, eine gesellschaftliche Identität zu schaffen bzw. zu stärken.
Die Gesellschaft benötigt eine stärkere Identität, um so mehr in einer Zeit, in der vieles in Bewegung geraten ist. "Globalisierung" ist das Stichwort unseres Lebensgefühls, die digitale Technik lässt Grenzen verschwinden, berufliche und private Flexibilität treten an die Stelle fester Strukturen.

Da tut ein Innehalten Not und gut.
Gedenktage und Gedenkorte geben uns Anstoß. Sie mahnen uns, aus der Geschichte zu lernen, um unsere Gegenwart und Zukunft besser, verantwortlicher zu gestalten. Jemand hat einmal treffend formuliert: "Die Fragen von morgen wachsen auf den Antworten von heute, die wir auf die Fragen von gestern gegeben haben." (Ernst Ferstl, österr. Pädagoge)
In wenigen Tagen begehen wir den Volkstrauertag, der uns an den Irrsinn von Krieg und Terrorismus erinnert, der uns zum Frieden mahnt.

Neben Gedenktagen brauchen wir auch Gedenkorte, wenn wir sicherstellen wollen, dass persönliche Erfahrung und Betroffenheit nicht mit den Generationen entschwindet, dass die Verantwortung gegenüber dem Geschehenen in der Vergangenheit nicht verblasst.
Große Projekte zu Gedenkorten sind dazu entstanden oder im Entstehen begriffen. Neben den vielen Mahnmalen und Denkmalen, denen wir überall begegnen, gibt es besonders herausragende wie etwa das Mahnmal für die ermordeten Juden Europas in Berlin oder das ebenfalls vom Architekten Daniel Libeskind entworfene Kriegsmuseum im englischen Manchester.

Es müssen aber nicht immer die großen Projekte sein.
Regionale Vorhaben sind nicht weniger wichtig, um symbolhaft öffentliche Zeichen für die Verantwortung gegenüber der Geschichte zu repräsentieren. Sie verbinden für viele unmittelbar selbst Erlebtes mit der großen Politik.

Deshalb freue ich mich sehr, dass wir heute im ehemaligen Osteroder Gefängnis und heutigen Amtsgericht der Stadt einen Gedenkort zu Ehren von Dr. Hannah Vogt einweihen, die vor genau 70 Jahren hier aus politischen Gründen inhaftiert war. Sie zeichnete sich aus durch ihr couragiertes politisches Engagement in den 30er Jahren, wofür sie ins Gefängnis kam, durch ihre politische Arbeit in der Nachkriegszeit, u. a. in den knapp zwanzig Jahren ihrer Ratstätigkeit in Göttingen, vor allem aber auch durch ihr Wirken in der Gesellschaft für christlich-jüdische Zusammenarbeit.

Ebenso begrüße ich es, dass die heutige Veranstaltung, die einen langen Vorlauf hatte, gerade zu diesem Datum stattfindet, dem 65. Jahrestag der Verbrechensnacht vom 9. auf den 10. November 1938.
Gerade das Zusammenfallen beider Daten würdigt das Wirken von Frau Dr. Hannah Vogt auf eigene Weise. Auf die Person und Geschichte dieser großen Frau wird nach den Worten, die wir von Herrn Vladi zur historischen Spurensuche in der Region gehört haben, noch Herr Hesse weiter eingehen.

Mir als dem für den OLG-Bezirk zuständigen Gerichtspräsidenten ist es ein Anliegen, einen Bogen zu schlagen zu dem Gebäude, in dem wir heute die Gedenkstätte einweihen. Es ist der Bezug zur Justiz.
Auch wenn dieses Haus früher ein Gefängnis war, noch früher ein Stallgebäude der Osteroder Schlossresidenz und späteren Domäne, ist es keine Selbstverständlichkeit, in einem Justizgebäude, das heute ein Teilgebäude des Gerichts ist, eine solche historische Gerichtsstäätte einzurichten.

Zur gesellschaftlichen Identität einer Nation gehört auch die Vergangenheit ihrer Justiz. Ohne jedes "Wenn und Aber" bekenne auch ich, dass die deutsche Justiz viele dunkle Flecken hat, dass für sie kein Anlass besteht, unbefangen gerade in die letzten Jahrzehnte zu blicken. Vielleicht ist diese Vergangenheit der Justiz für viele zum Beispiel meiner Generation eines der Motive gewesen, sich für eine andere, eine rechtsstaatliche Justiz einzusetzen.

Die NS-Justiz selbst war mehr vom Unrecht als vom Recht geprägt. Gleiches gilt für die juristische Aufarbeitung der NS-Verbrechen in den 50er und 60er Jahren und die Urteile des Bundesgerichtshofes zum strafrechtlichen Begriff der "Rechtsbeugung".
Erst 1995 hatte der Bundesgerichtshof, als er sich mit der Thematik der "Rechtsbeugung" in der justiziellen Aufarbeitung der DDR-Justiz erneut befassen musste, Gelegenheit, seine frühere Rechtsprechung klarzustellen und einen Schlussstrich unter das früher herrschende Verständnis von Recht zu ziehen, ein Rechtsverständnis, das eine partielle oder vollständige Exkulpation von NS-Verbrechen für rechtens erklärt hat. Zu dieser früheren Rechtsprechung hat der heutige Präsident des BGH, Prof. Hirsch, in erfreulich klarer Weise Position bezogen und im letzten Jahr erklärt, dass "man sich (dafür) schämen (müsse)".
Auch die Wanderausstellung zur NS-Justiz, die an vielen Gerichten Niedersachsens vor kurzem zu sehen war und auch in Götingen tausende von Besuchern hatte, war ein wichtiger Beitrag des öffentlichen Bekenntnisses der Justiz zum Justiz-Unrecht der Vergangenheit.

Es ist deshalb eine Frage der Ehre auch der Justiz, und ich bin stolz darauf, dass wir hier im Amtsgericht eine solche Gedenkstätte eröffnen und dass damit die Justiz hier im Ort einen Beitrag leistet, um mahnend an die dunklen Seiten unserer Geschichte zu erinnern.

Die Worte Richard von Weizsäckers zum 40. Jahrestag des Kriegsendes, die immer wieder zitierenswürdig sind, sollen uns auch heute wachrütteln und mahnen: "Wer vor der Vergangenheit die Augen schließt, wird blind für die Zukunft."

Das gilt für uns alle - auch für die Justiz.



OLG-Präsident E. Isermann im Gespräch mit F. Vladi, ArGe Spurensuche

Nach Herrn Isermanns eindrucksvollen Worten verband der Historiker Hans Hesse den Bericht zur Biographie Hannah Vogts mit der Erläuterung der Zeitumstände. Das Thema seines Vortrages lautete: Die Erosion des Rechtsstaats und die Exilierung der Psyche - das Ende der Demokratie und Hannah Vogt.

Hans Hesse

H. Hesse: Vortrag anlässlich der Einweihung des Gedenkraumes für Hannah Vogt am 10. November 2003

Sehr geehrte Damen und Herren,

"Es war die Zeit der Verleumdungen und Entbehrungen, die Zeit, da die Väter der heutigen Staatsleiter von Ort zu Ort gejagt wurden oder auswandern mussten."

Um welche Zeit es sich handelte, die hier angesprochen wird, dürfte im Grunde klar sein.

Nun weiß ich zwar nicht, was der Vater des heutigen Staatsleiters Schröder war, aber nehmen wir einmal an, er – Schröder – sei der Enkel Willy Brandts, dann träfe diese Aussage – zugestandenermaßen mit Abstrichen – auf die Generation Willy Brandts zu. Und in der Tat wanderte Brandt aus.

Dieses Zitat – es stammt von Hannah Vogt – wurde indes einer Hausarbeit aus dem Jahr 1931 entnommen und bezog sich auf die Zeit der Sozialistengesetze im Kaiserreich. Hannah Vogt schrieb ihn im Schlusskapitel ihrer Seminararbeit über "Das Sozialistengesetz und seine Nachwirkungen"

Damals – im Wintersemester 1931/32 – war die junge Göttinger Studentin noch weit davon entfernt ahnen zu können, dass sich dieser Satz einmal auch sie beziehen lassen würde.

Natürlich handelt es sich hierbei auch nicht um eine unbewusste Prophezeiung oder dunkle Vorahnung oder ähnliches. Gleichwohl ist zumindest zu fragen, ob es sich bei den 1933 einsetzenden Verfolgungen der Arbeiterparteien durch die Nationalsozialisten nicht auch um – diesmal in Anführungsstrichen – Nachwirkungen des Sozialistengesetzes aus der Kaiserzeit handelte.

Kontinuitäten aus dem Kaiserreich gab es zu hauf: Preußischer Militarismus oder Autoritätshörigkeit oder der Begriff "Schutzhaft", der auf Hannah Vogts Inhaftierung angewendet werden wird, wenngleich die Inhaftnahme einer Person zu ihrem eigenen Schutz als repressive sicherheitspolizeiliche Maßnahme bis in die Jahre 1848/50 zurückreicht.

Wann setzte also, um mit dem Titel meines Kurzvortrages zu fragen, "die Erosion des Rechtsstaats" genau genommen bereits ein?

Ich möchte hiermit lediglich andeuten, dass mein gewählter Anfangspunkt ein künstlicher ist, gleichwohl ein notwendiger, um den Bogen des Vortrags nicht zu überspannen.

Der Titel lautet: "Die Erosion des Rechtsstaats und die Exilierung der Psyche – das Ende der Demokratie und Hannah Vogt". Ich möchte versuchen,– salopp gesprochen – allgemeine Geschichte und individuelle Geschichte miteinander zu verknüpfen.

Es ist dies im übrigen auch ein Beitrag zur einer Diskussion, die mit dem hässlichen Wort "Opferdiskurs" bezeichnet wird. Gemeint ist die Wiederentdeckung der "Deutschen als Opfer", wie in vielen Feuilletons dieser Tage nachzulesen ist. So war in einer Kolumne von Konrad Adam in der Tageszeitung "DieWelt" vom 3.November 2003 z.B. der Satz zu lesen, der sich auf das neueste Buch von Jörg Friedrich über den Bombenkrieg bezieht: "Friedrich stellt die Deutschen in einer Rolle dar, die nach dem Willen der akademischen Zensoren für alle Zeiten ausgeschlossen war, als Opfer."

Manche meinen damit lediglich die Bombenkriegsopfer und die Flüchlinge oder Vertriebenen. Und nun kommen auch noch die Kriegsgefangenen – die späteren Heimkehrer – hinzu. Nur sie seien deutsche Opfer. Mit diesem Verständnis wird die Ausgrenzungs- und Ausmerzungspolitik der Nationalsozialisten fortgeschrieben, denn es waren auch deutsche Juden, die in Auschwitz umgebracht wurden, es waren auch deutsche Sinti, die deportiert und vernichtet wurden, es waren deutsche Homosexuelle, deutsche Zeugen Jehovas, deutsche Kommunisten, um nur einige deutsche Verfolgtengruppen zu nennen. Man könnte meinen, die gegenwärtige Diskussion in den Zeitungen und der Öffentlichkeit betrachte diese Gruppen als "Gemeinschaftsfremde", während es sich lediglich bei dem Rest um "Deutsche" handelt. Wie es scheint, erleben wir derzeit eine Wiedergeburt einer Mentalität aus den fünfziger Jahren, die ich mit dem Begriff "Unschuldsgesellschaft" umschreiben möchte. Ich meine damit folgendes: Aus dem ersten Versuch einer Vergangenheitsbewältigung, der Entnazfizierung, ging die überwiegende Mehrheit der Deutschen als "Unschuldige" hervor. Es dauerte mehrere Jahrzehnte, um die sich in der Entnazifizierung manifestierten Konstruktionen der Unschuld, die z.B. aus dem Moringer KZ-Direktor Hugo Krack einen "Entlasteten" machten, der Mitte der fünfziger Jahre dann auch noch das Bundesverdienstkreuz verliehen bekam, um diese Unschuldskonstruktionen zu dekonstruieren: vor den Gerichten, aber auch in Form von Gedenkstätten oder, wie wir es hier in Osterode vorliegen haben, als Gedenkraum und Gedenktagen.

In die gleiche, entschuldende Richtung geht im übrigen auch das Gerede des CDU-Politikers Martin Hohmann von "den Juden" als "Tätervolk". Das Erschreckende ist, dass Hohmann Menschen eines bestimmten religiösen Hintergrundes aus unterschiedlichen Ländern und sozialer Herkunft zu einem "Volk" zusammenfasst und damit das "deutsche Volk" einem "jüdischen Volk" gegenüberstellt und somit den Eindruck erweckt, als gehörten z.B. die hier in Deutschland lebenden Juden nicht zum deutschen "Volk“" sondern bildeten ein eigenes, eben ein "jüdisches Volk". Sie brauchen den Begriff "Volk" nur durch "Rasse" zu ersetzen und schon offenbart sich das Vokabular des Unmenschen: Dann steht eine "deutsche Rasse" einer "jüdischen Rasse" gegenüber.

Hannah Vogt war ein Opfer, auch ein deutsches, weil sie in diesem Land geboren wurde, allen rechtskonservativen feuilletonistischen Meinungsmachern zum Trotz.

1929, umittelbar nach ihrem Abitur, ging die damals 19jährige Hannah Vogt nach Berlin als so genannte Werkstudentin. Sie arbeitete für ein Semester in den Osram-Werken. Sie wollte, wie sie es ausdrückte, die Situation der Arbeiterinnen kennenlernen und wollte sich überhaupt mal in sozialen Bereichen umtun.

Mir ist es bei meinen Recherchen nicht gelungen herauszufinden, welche Gründe es darüber hinaus gab, ob sie sich beispielsweise bereits in Göttingen entsprechend interessierte, was sicherlich anzunehmen ist. Anzunehmen ist weiter, dass die Erfahrungen in Berlin einen wichtigen Schritt ihrer Politisierung darstellten.

Als sie aus Berlin zurückkommt, nimmt sie im Wintersemester 1929/30 das Studium der Ökonomie auf. Das war eher eine Notlösung, denn eigentlich wollte sie Geschichte studieren. Wegen der fehlenden Sprachkenntnisse schied diese Wahl jedoch aus.

In diese Zeit fällt das Ende der Weimarer Republik – wie wir heute wissen. Wirtschaftlich wird es Ende Oktober 1929 durch den Börsenkrach in New York eingeleitet, in dessen Folge die Weltwitschaftskrise beginnt. Die Arbeitslosenzahlen steigen von 2,8 Millionen Ende März 1929 auf 4 Millionen Ende 1930 und Ende 1931 auf 5,5 Millionen. Lediglich Zweidrittel erhalten geringe Bezüge aus der Arbeitslosenversicherung, der Rest erhält eine Fürsorgeunterstützung oder gar nichts. Besonders unter den bis 30jährigen ist die Arbeitslosigkeit am schlimmsten. Hart betroffen sind ebenfalls schulentlassene Jugendliche und Akademiker.

Politisch wird das Ende eingeleitet durch den Bruch der Großen Koalition unter dem SPD-Reichskanzler Hermann Müller Ende März 1930 im Streit über die Haushaltssanierung und die Finanzierung der Sozialleistungen des Staates. Reichspräsident Hindenburg beauftragt den Zentrumspolitiker Heinrich Brüning mit der Regierungsbildung. Es beginnen die Präsidialregierungen. Die Republik rutscht nach rechts. Mit Notverordnungen wird versucht, die kritische Finanzlage in den Griff zu bekommen. Diese Notverordnungen der Regierung müssen indessen vom Reichstag toleriert werden. Brüning löst daher den Reichstag im Juli 1930 auf, um für eine kurze Dauer bis zur fälligen Wahl ohne dieses parlamentarische Hemmnis regieren zu können.

Im August 1930 – einen Monat nach der Auflösung des Reichstages – tritt Hannah Vogt – zum Entsetzen ihrer Eltern – der KPD bei. Sie sehen ihre Tochter auf dem Marktplatz in Göttingen Flugblätter verteilen. Der Mutter stehen die Haare zu Berge. Sie selber entstammte einer wohlhabenden Fabrikantenfamilie. Der Vater Hannah Vogts ist Bibliothekar an der Universität Göttingen. Sie bewohnen ein Haus im gutbürgerlichen Ostviertel der Stadt. Der Parteieintritt ihrer Tochter erscheint ihnen als Irrtum. Die Stimmung an der Uni ist jedoch eine andere. Die Nationalsozialisten verfügen dort bereits seit 1926 über eine Studentengruppe. Gründer ist der spätere Leiter des Rassenpolitischen Amtes der NSDAP, Walter Groß. Hannah Vogt schreibt in einem Brief aus dieser Zeit: "Rannte eben durch die Stadt. Es ist einiges zu bemerken. Am Sonntag kommt Student Konsky in eine nationalsozialistische Versammlung. Vermutlich werde ich hingehen, aber gewiss die Krätze kriegen. Es juckt einen nämlich richtig, in den Fäusten und in der Kehle, wenn man sich diese Leute anhören muss, ohne sich ihnen im Augenblick erwehren zu können. Schon die Tatsache, dass Juden, die von allen Nazis zum geduldigen Prügelknaben benutzt werden, die sowohl den Kapitalismus wie den Kommunismus, das Bankwesen und den Wucher, die schlechte Literatur und überhaupt alles Missratene verschuldet haben, dass eben diesen Juden jede Erwiderungsmöglichkeit genommen wird. Das allein würde mich immer verhindern, Nationalsozialist zu werden. Solch eine billige Agitation zu machen, würde ich mich schämen."

Ihr politisches Engagement kann durchaus als Reflex auf diese Stimmung verstanden werden. Bei den Reichtagswahlen im September 1930 wird deutlich, wie sehr die Republik mittlerweile nach rechts abgerutscht ist: der NSDAP gelingt ein spektakulärer Wahlsieg, im Reich erhält sie 18,3% – in Göttingen 37,8%. Göttingen muss somit fortan als nationalsozialistische Hochburg gelten.

Hannah Vogt wechselt an die Uni Hamburg und schließt sich dort der "Kommunistischen Studentenfraktion" an. Sie wird zur "Politischen Leiterin" gewählt und schreibt als verantwortliche Redakteurin Artikel für die Studentenzeitung "Student im Klassenkampf". Ihr Kampf gilt dem Faschismus – und der SPD.

Der Schock über das Wahlergebnis mit dem Rechtsrutsch bewirkt, dass Brüning nunmehr mit einer Tolerierung seiner Notverordnungen durch die SPD rechnen und regieren kann. Er hofft, auf diese Art und Weise – im Verein natürlich mit entsprechenden Erfolgen seiner Politik – der NSDAP das Wasser abgraben zu können. Nach der Ablehnung eines nationalsozialistischen Misstrauensvotums gegen die Regierung Brüning, das auch von der KPD unterstützt wird, vertagt sich der Reichstag auf den Herbst des Jahres 1931, in der Hoffnung bis dahin in ein ruhigeres wirtschaftliches und politisches Fahrwasser zu gelangen.

Die Hoffnung trügt. Die wirtschaftliche Lage verschlechtert sich, die Arbeitslosenzahlen steigen, die Notverordnungen erreichen nicht ihr Ziel und die NSDAP erzielt bei der Landtagswahlen in Oldenburg spektakuläre 37,2% und in Hessen 37% der Stimmen. Die nationale Rechte beginnt sich stärker zu formieren, schließt sich im Oktober in der Harzburger Front zusammen. Aber sie üben noch. Wieder scheitert ein Misstrauensantrag im Reichstag.

Im April 1932 wird der altersschwache Hindenburg erneut zum Reichspräsidenten gewählt. Man hält ihn für das kleinere Übel. Das Pendel schwingt noch weiter nach rechts. Als erstes stürzt Brüning im Mai 1932, da Hindenburg ihm eine weitere Notverordnung verweigert. Es folgt von Papen als Kanzler einer Präsidialregierung und der Reichstag wird erneut aufgehoben. Damit war die Republik "geschleift" worden – wie es der Historiker Martin Broszat treffend ausdrückte. Am 17. Juli 1932 kommt es zu einer blutigen Straßenschlacht zwischen Kommunisten und Nationalsozialisten in Altona – dem Wohnort Hannah Vogts während ihrer Hamburger Zeit. 18 Tote sind an diesem Tag zu zählen. Unmittelbar danach und im direkten Zusammenhang folgt der so genannte Preußenschlag. Staatsstreichartig wird die preußische Regierung durch die Reichsregierung von Papen, unterstützt durch Reichspräsident von Hindenburg, mit der Begründung und Verweis auf Artikel 48 der Verfassung abgesetzt, sie habe die Situation nicht mehr im Griff. Von Papen wird zum Reichskommissar für Preußen ernannt. Der Artikel 48 besagte u.a.: "Der Reichspräsident kann, wenn im Deutschen Reiche die öffentliche Sicherheit und Ordnung erheblich gestört oder gefährdet wird, die zur Wiederherstellung der öffentlichen Sicherheit nötigen Anordnungen treffen, erforderlichenfalls mit Hilfe der bewaffneten Macht einschreiten." Damit wurde ein Muster für die spätere Regierungsübernahme durch die Nationalsozialisten geschaffen.

Bei der Reichstagswahl im Juli erhält die NSDAP 36,9%. Erschreckend und doch auch ernüchternd. Man hatte sich mehr erhofft.

Als nächstes wird die Regierung von Papen gestürzt und Neuwahlen für November 1932 angesetzt. Die NSDAP erhält 33,5%.

Ebenfalls im November beschließt Hannah Vogt – mittlerweile wieder in Göttingen – statt ihres Examens sich ganz der politischen Arbeit zu widmen. Die Parteiführung schickt sie in das "rote" Bad Lauterberg. Hier soll sie den Vorsitzenden der KPD Karl Peix unterstützen. Die Eltern missbilligen diese Entscheidung, wobei nicht deutlich ist, was schwerer wiegt: die Tätigkeit für die KPD oder der Abbruch des Studiums so kurz vor dem Ende.

Hannah Vogt ist zu diesem Zeitpunkt 22 Jahre alt. Ihr Freund, Siegfried Baruch, ist bereits verhaftet worden. Die jüdische Familie wird später von den Nationalsozialisten deportiert und im KZ vergast.

In Bad Lauterberg – die Mutter vergewissert sich im übrigen durch einen Besuch in Bad Lauterberg davon, wo sich und bei wem sich ihre Tochter eigentlich aufhält – arbeitet Hannah Vogt an der örtlichen Parteizeitung mit, schreibt Flugblätter, organisiert Demonstrationen.

Im Reich kann Hitler die Macht noch nicht erringen. Von Hindenburg favorisiert Reichswehrminister von Schleicher und ernennt ihn zum Reichskanzler. An eine demokratisch gewählte Regierung mit einem demokratisch gewählten Kanzler denkt zu diesem Zeitpunkt niemand mehr. Die Entscheidungen darüber, wer das Reich regiert, wird in geheimen Zirkeln ausgehandelt. Die Initiative liegt hierbei bei den Rechtsextremen, die noch am ehesten auf eine breite Zustimmung bei den Wahlen verweisen können.

Von Schleicher ist nur ein Intermezzo. Am 30. Januar 1933 wird Hitler zum Reichskanzler ernannt. Und mit dieser Ernennung wird das letzte Kapitel der Republik aufgeschlagen. Das Drehbuch der scheinlegalen Zerschlagung ist in Grundzügen vorgeben: Auflösung des Reichstags, Verkündigung von Neuwahlen. Nur – diesmal soll der politische Gegner gezielt ausgeschaltet werden. Am gleichen Tag erlässt Hermann Göring ein Verbot aller kommunistischer Demonstrationen.

In Bad Lauterberg findet dennoch eine Demonstration statt. In der Presse wird dies als Linksterrorismus diskreditiert und die schrittweise Verschärfung der Bekämpfung dieses Phantoms bejubelt. Am 4. Februar erfolgt der nächste Schritt. Hindenburg unterzeichnet die Verordnung zum Schutze des deutschen Volkes. Nunmehr drohen Versammlungsverbote, Beschlagnahme und Schließungen von Verlagen, Druckereien und Lokalen. Zudem sieht sie die so genannte Schutzhaft ohne Gerichtsbeschluss bis zu drei Monate vor. Der Haftbefehl gegen Hannah Vogt, die seit Anfang Februar bereits abgetaucht ist, beruft sich ebenfalls auf diese Verordnung.

Am 11. und 22. Februar verpflichtet Göring SA- und SS-Männer als Hilfspolizisten. Der Grund: angebliche Umsturzpläne der KPD erforderten diese Aufrüstung.

Die politische Arbeit der KPD wird durch diese Maßnahmen nahezu unmöglich gemacht. Stattdessen erfolgt ihre staatlich-sanktionierte Kriminalisierung.

Am 27. Februar tritt dann das ein, was die Zeitungen schon Wochen vorher streuen: der Staatsnotstand ist da, der Reichstag brennt. Und das Göttinger Tageblatt titelt: "Reichstag von Kommunisten niedergebrannt."

Weil dieser Brand so gut in das Szenario der NSDAP passt, mag es nicht unwahrscheinlich scheinen, dass die NSDAP ihn selber legte. Gleichwohl: Beweise gibt es dafür nicht. Eine Alleintäterschaft erscheint indes auch recht fantastisch.

Jedoch ist das Notstandsszenario mit dem Reichstagsbrand erfüllt, die Verfassung wird mit der Verordnung zum Schutz von Volk und Staat aus den Angeln gehoben, elementare Grundrechte außer Kraft gesetzt. Es beginnen massenhafte Verhaftungen im ganzen Reich.

Am 5. März 1933 erhält die NSDAP unter diesen irregulären Wahlbedingungen eines Staatsterrors 43,9% der Stimmen. Zusammen mit den Deutschnationalen haben sie die Mehrheit im Reichstag, zumal die gewählten KPD-Politiker ihre Mandate nicht wahrnehmen können. Nicht einmal drei Wochen später ermächtigt der Reichstag die Regierung "zur Behebung der Not von Volk und Reich" – wie es hieß – Gesetze – auch verfassungsändernden Inhalts – auch ohne den Reichstag beschließen zu können. Da die kommunistischen Abgeordneten nicht anwesend sind, stimmen lediglich die Sozialdemokraten gegen diese selbstmörderische Ermächtigung.

Zu den Verhafteten dieser Tage gehört auch die junge Kommunistin Hannah Vogt. Am 10. März läuft sie einer Polizeistreife in die Arme. Sie wird in das Osteroder Amtsgerichtsgefängnis gebracht. Hier, in einer der Zellen, beginnt sie einen Briefwechsel mit ihren Eltern. Am Ende, mit ihrer Entlassung, werden es 92 Briefe sein, die ausgetauscht wurden. Über das Briefeschreiben in der Haft, schrieb eine jüdische KZ-Inhaftierte des Frauen-KZ Moringen: "Man kann sich in der Freiheit kaum eine Vorstellung davon machen welche Bedeutung die Post für die Gefangenen hat. Die Briefe sind für uns die Verbindung mit dem Leben überhaupt."

Von März bis Weihnachten 1933 hielt Hannah Vogt über diese Briefe ihre Verbindung zum Leben. Dies ist durchaus wörtlich zu nehmen. Während ihrer Haft verändert Deutschland sein Gesicht. Mit Gewalt und Terror, aber auch mit Zustimmung von Millionen wird die nationalsozialistische Macht durchgesetzt. Die Stichworte hierzu sind: Gleichschaltung, erster "Judenboykott", Abschaffung der Parteien und Gewerkschaften, Schaffung der Konzentrationslager, der Gestapo. Hannah Vogt erfährt davon über die Briefe ihrer Eltern.

Aber auch Hannah Vogt wandelt sich in der Haft, ablesbar an den Briefen. Hierauf möchte ich nun detaillierter eingehen. Ich meine drei Abschnitte in diesem Briefwechsel ausmachen zu können. Das ist zunächst die kämpferische junge Frau, die sich optimistisch über ihre baldige Freilassung äußert. Es folgt eine zweifelnde Hannah Vogt, die verunsichert ist über das, was ihr geschieht und die nun zu realisieren beginnt, dass sie einer Situation ausgesetzt ist, in der sie ohnmächtig dem Gedeih und Verderb Anderer ausgeliefert ist. Die letzte Phase trägt deutliche Zeichen einer Resignation, einer Hoffnungslosgkeit, eines Sich-Fügen-Müssens.

Ich möchte Ihnen nun zu all diesen Phasen Briefbeispiele geben.

Das erste Beispiel ist dem ersten Brief entnommen, den Hannah Vogt aus dem Osteroder Gefängnis an ihre Eltern richtete. Er lautet:
"Liebe Eltern und Geschwister! Ich wollte Euch von meiner Verhaftung eigentlich erst dann Mitteilung machen, wenn ich wieder draußen bin. Denn auch der Untersuchungsrichter, bei dem ich Sonnabend war, meinte, daß längstens Dienstag der Schutzhaftbefehl wieder aufgehoben würde. Inzwischen ist es aber Mittwoch geworden, ohne daß meine Beschwerde zurück wäre und so will ich Euch dann berichten:
Am Freitag abend gegen 11 Uhr wurde ich auf der Straße angehalten, meine Mappe durchsucht, ich auf die Polizeiwache gebracht und dort unterbreitete man mir den Schutzhaftbefehl des Landrats.
Am nächsten Morgen wurde ich vor den Richter geführt. Ich werde beschuldigt, an der Herstellung illegaler Schriften beteiligt gewesen zu sein! So wanderte ich denn ins Gerichtsgefängnis, wo ich heute noch sitze.
Ihr müßt nun ja nicht denken, daß ich den Kopf hängen ließe. Im Gegenteil, ich habe mich bisher durchaus wohl befunden.
Um Euch ein Bild zu geben, mit was für Methoden man vorgeht, folgendes: Ich hatte an Marie Peix geschrieben, sie möchte mir aus meinen Bücherkoffer Marx’ Kapital etc. schicken. Dieser Koffer wurde von den Leuten, wo die Bücher standen, in übertriebener Ängstlichkeit, es würde sich was "Verbotenes" darunter befinden, irgendwohin geschafft, ich weiß nicht wo. Diese Karte bekam nun offenbar die Polizei in die Hände und gleich ging es los: was mag in diesem Koffer sein? Maschinengewehre, Dynamit, Bomben, illegale Druckereien, hochverräterisches Schriftenmaterial??? Man holte Mariechen und fragte: wo ist dieser Koffer? Das gute Mädchen wußte es nun aber auch nicht! Da wollte man sie doch sage und schreibe verhaften! Von der Wache aus wurde ich hier im Bau antelephoniert, ich gab die Person an, die Bescheid weiß und nun werden sie wohl Wäsche und Bücher Kopf über Kopf unter geschmissen haben und sich den geahndeten "Hochverrat" unter der Nase wischen! Aber – paßt auf! – Mariechen schrieb mir, das "Kapital" von Marx, Lenin usw. könnte sie mir nicht schicken, da die Sachen beschlagnahmt seien! Da habe ich die Wut gekriegt. Ein Buch, das seit gut 60, 70 Jahren im Buchhandel erscheint und in jeder Bibliothek steht, das empört mich aufs tiefste!
Ich werde mich natürlich sofort hiergegen beschweren. Das ist eine unerhörte Willkürmaßnahme, ohne Sinn und Verstand!
Hoffentlich haltet Ihr es nicht für unehrenhaft, für eine Überzeugung ins Gefängnis zu kommen. Zu allen Zeiten hat man die Vorkämpfer neuer Gedanken und Ordnungen Hetzer genannt und in die Gefängnisse geworfen. Aber deshalb mußte die alte Ordnung doch untergehen.
Liebe Eltern und Geschwister, macht Euch um mich keine Sorgen! Ich habe noch Geld genug und kann mir Nahrungsmittel kaufen. Sollte die Sache noch länger dauern, dann schicke ich einen Eilbrief und werde darin um einige Bücher bitten, die Wilhelm vielleicht per Rad herbringen kann. Bis auf weiteres grüße ich Euch herzlich und macht Euch nun ja nicht mehr Sorgen, als ich selber mache! Geht viel spazieren, es ist ja so herrliches Wetter und denkt zuweilen an
Eure Hannah."

Aus diesem Brief sprüht die junge Kämpferin, die ihre Inhaftierung für einen schlechten Treppenwitz hält, der in Kürze korrigiert werden wird. Man hört heraus, sie macht sich über ihre Verfolger und deren Methoden lächerlich. Genau das ist es, was ihr vermeintlich signalisiert, dass sie sehr bald freikommen wird. Zudem idealisiert sie ihre Inhaftnahme als ehrenhaft.

Lediglich zwei Monate später ist dieser optimistische, kämpferische Ton einem zweiflerischem gewichen. Aus ihrer Zelle heraus, muss sie erfahren, nichts ausrichten zu können, nichst tun zu können, sich fügen zu müssen. Das Briefbeispiel stammt nach Osterode, vom 4. Mai 1933:

"Lieber Vater!
Für Deinen sehr lieben Brief vielen Dank!
Vorerst als Antwort nur diese Karte.
Ich bin nicht in der Lage, mehr zu schreiben.
Es würde eine einzige Jammerei werden.
Ich habe seit einigen Tagen die entschiedene Hoffnung, frei zu kommen und die bekommt mir schlecht, weil ich sie jeden Tag erneut begrabe.
Es ist sozusagen ein ewiges Begräbnis.
Die Vorstellung, daß jetzt in Göttingen das Semester beginnt, quält mich sehr. Wie soll ich denn den Termin zum Examen einhalten können, wenn man mich nicht bald entläßt!
Seit zwei Monaten bin ich jetzt hier. Im ganzen sind wir hier jetzt nur noch 5 Schutzhäftlinge. Ich habe nochmal an den Landrat geschrieben, mit der dringenden Bitte der Entlassung. Ich bin vor Unruhe nicht in der Lage richtig zu lesen. Tut doch alles, damit ich frei komme. Laßt nichts unversucht. Mir ist scheußlich zumute. In diesem Sinne: SOS!
Herzlichst Hannah!"

Das dritte Briefbeispiel unterstreicht diese sich ausbreitende Verzweiflung und Bewusstwerdung der Ohnmacht. Sie schreibt aus Osterode:

„Liebe Mutter, lieber Vater!
Vor kurzem erhielt ich ein Schreiben des Landrats folgenden Inhalts: »...erwidere ich, daß ich aus grundsätzlichen Erwägungen nicht in der Lage bin, Sie zur Zeit aus der Haft zu entlassen.« Und das in einem Augenblick, wo ich gespannt erwartete, ob ich nicht Pfingsten bei Euch verleben dürfte!!
Schweig stille, mein Herz, es war schrecklich.
Ach, ich weiß nicht, warum ich so sehr, so rasend fest hoffte, gerade diese Tage bei Euch zu sein! Es drückt mir jetzt noch die Kehle ab. Ich muß bloß an den Garten denken, an Eure lieben Gesichter, und wenn ich dann auch noch Musik dazu denke, dann ist es ganz vorbei.
Ist denn nur so etwas möglich? So auf Gnade und Ungnade dem Urteil eines Menschen ausgeliefert zu sein?
In jedem Prozeß kann man sich rechtfertigen, verteidigen. Aber hier gibt man mir noch nicht einmal Gelegenheit, auch nur ein Wort vorzubringen. Alles läuft wie Wasser ab an dem einmal festgesetzten Vorurteil.
Es ist mir völlig schleierhaft, was für »grundsätzliche Erwägungen« das sein mögen. Jedenfalls werde ich mich nicht damit abspeisen lassen. Wie lange soll es noch dauern, wenn die Regierung heute noch so schwach ist, daß eine kleine büffelnde Studentin ihr gefährlich werden kann? Dieser Zustand der Ungewißheit, der absoluten Wehrlosigkeit gegenüber den tollsten Verdächtigungen ist das furchtbarste von allem."

Aus der ehrenhaften politischen Kämpferin ist eine kleine büffelnde Studentin geworden, die niemandem gefährlich werden kann. Selbst wenn man berücksichtigt, dass das Kalkül hinter solchen Formulierungen steckt, dass der Zensor mitliest, ist die ausgedrückte Zermürbung, die kafkaeske Züge trägt, sicherlich nicht übertrieben.

Als Beispiel für die resignierende Hannah Vogt habe ich ihren letzten Brief aus dem KZ Moringen gewählt. Sollte sie im Mai/Juni noch gehofft haben, durch entsprechend lautende Briefe ihre Verfolger umstimmen zu können, dürfte diese Hoffnung über ein halbes Jahr später der Erkenntnis gewichen sein, dass es der puren Willkür anderer überlassen ist, wann sie dieses Lager jemals verlassen sollte. Der Brief lautet:

„Konzentrationslager Moringen, den 16. Dezember 1933.
Meine liebe Mutter, lieber Vater und liebe Geschwister!
Hier kommen nun meine Weihnachtsgrüße!
Die Decke, von der ich Mutter schon vorprahlte, sie würde ein »Gedicht«, ist leider nicht fertig.
Und bei den Hausschuhen für Vater muß ich meinen lieben Paps bitten, sie mit der Augen der Liebe zu betrachten. Ich füge den Wunsch bei, daß sie recht warm und gut sitzen möchten.
Entlassungen haben überhaupt noch nicht stattgefunden, die Anweisungen der Regierung bleiben aus.
Ich habe Fassung und Geduld genug.
Einmal kommt der Tag der Freiheit.
Eure Hannah."

Ich bin nicht der Auffassung, dass dieser Satz "Einmal kommt der Tag der Freiheit" als Hoffnung machende Aufmunterung an sich und ihre Verwandten gedacht war, sondern dass er die Resignation symbolisiert. Dazu passt auch und gerade, dass Hannah Vogt kurze Zeit später tatsächlich entlassen wurde. Nicht die Hoffnung hatte sich erfüllt, sondern die Willkür war total oder der dahinter steckende Gnadenakt Görings, zu Weihnachten 1933 eine Amnestie vieler KZ -Häftlinge zu verkünden.

Nur kurz erwägte Hannah Vogt nach ihrer Entlassung, Deutschland zu verlassen. Aber auch in Deutschland hatte sie jetzt so gut wie keine Perspektive: ihr Studium durfte sie nicht zu Ende führen, eine Ausbildung hatte sie nicht, ihre politische Arbeit gab sie vollständig auf, sie verließ Göttingen, ging zurück nach Berlin und arbeitete als Laborantin dort, wo ihre Politisierung begann: bei den Osram-Werken. Sie wählte das innere Exil.

Wie unzufrieden sie mit ihrer Situation war, lässt sich daran ermessen, dass sie ihr Tagebuch aus dieser Zeit verbrannte. Erhalten geblieben sind eine Vielzahl Briefe, die noch der Aufarbeitung harren.

Schließen möchte ich mit einem Zitat von Hannah Vogt. Es stammt aus dem Jahr 1961, hat aber dennoch nichts an seiner Aktualität verloren. Es lautet: "Wir sind es uns selbst und dem Ernst unserer Gewissenserforschung schuldig, dass wir uns der durch nichts zu beschönigenden Wahrheit stellen und nichts zu verkleinern und zu vertuschen versuchen."

Angesichts der aktuellen Ereignisse in der BRD hat dieser Satz nach wie vor seine Berechtigung. Und ich denke, die heutige Veranstaltung ist ein Schritt in die Richtung unserer ernsthaften Gewissenserforschung.

Hans Hesse, Vortrag weicht vom Ms ab.


Fotos von der Einweihung der Ausstellung (von W. Böttner)

 E. Isermann am Gedenkort Zelle
Grafiker Chall, Frau Stolz (Amtsgericht), Klinger
Zellenflur
Tafel zur Geschichte des Amtsgerichtes Tafeln zur NS-Rechtsgeschichte
Zelle mit Stele Hannah Vogt


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