Weg des Lebens - ein länderübergreifender Gedenktag

Jean-Pierre Thiercelin, Sohn eines verstorbenen Dora-Häftlings entwickelte die Idee der Begegnung von Jugendlichen mit überlebenden Deportierten; dieses Projekt wurde anfangs "Marsch des Lebens" genannt. Er setzte sich zusammen mit der Göttinger Gymnasiallehrerin Renée Grihon für die Verwirklichung im Jahr 2000 ein. Seitdem wurde in jährlich aufeinander folgenden Etappen an die Opfer der Todesmärsche über den Harz erinnert.

Jugendliche, Schüler/-innen, Lehrer/-innen, Mitarbeiter/-innen regionaler Geschichtswerkstätten, Gedenkinitiativen und der KZ-Gedenkstätten, insbesondere von Mittelbau-Dora, Zeitzeugen aus der Region sowie Überlebende der KZ-Lager und deren Angehörige gingen symbolisch in Etappen über vier Jahre die historischen Route des Todesmarsches der 1.150 Häftlinge der III. SS-Baubrigade (6. - 13. April 1945) ab zwischen den KZ-Außenlagern Osterhagen, Nüxei und Mackenrode im Südharz bis Gardelegen in der Altmark, dem Ort des Massakers in der Feldscheune des Gutes Isenschnibbe.

Gemeinsame Organisatoren des Projektes waren die AG Spurensuche in der Südharzregion, die Deutsch-Französische Gesellschaft (Göttingen), die KZ-Gedenkstätte Mittelbau-Dora (Nordhausen) und der Verein "Jugend für Dora" (alphabetische Reihenfolge) in enger Zusammenarbeit mit diversen Schulen, Gemeinden und Städten im Länderdreieck zwischen Thüringen, Niedersachsen und Sachsen-Anhalt.
Wesentlicher Inhalt des Projektes war die Begegnung von Jugendlichen mit ehemaligen Häftlingen des Konzentrationslagers Mittelbau-Dora.

ehem. Deportierte gehen zum Gedenkstein des Lagers Nüxei Osterhagen

Die erste Etappe verlief am 11. April 2000 von den KZ-Außenkommandos Osterhagen, Nüxei und Mackenrode bis zum ehemaligen Hauptlager der SS-Baubrigade III in Wieda, wo eine Erinnerungstafel enthüllt wurde, und endete mit einer Veranstaltung im Kurhaus der Gemeinde Wieda.
Gedenktafel am Friedhof von Wieda

Die zweite Etappe führte am 23. April 2001 von Wieda bis Braunlage. Im Anschluss an den Marsch die Jugendlichen aus Bad Lauterberg, Göttingen, Osterode, Sonderhausen und Sundhausen ihr mitgebrachtes Essen mit den zahlreichen Gästen aus Belgien und Frankreich und erfuhren in ausführlichen Gesprächen von den individuellen Schicksalen der Deportierten . Die Zeitzeugen waren am meisten gerührt von den mitgebrachten symbolischen Gegenständen und den Begründungen der Jugendlichen für ihre Auswahl, Jan-Oliver F. überreicht eine Wasserflasche, R. Grihon übersetzt z. B. einer Wasserflasche als Symbol für den Durst der Häftlinge oder einer verdorrten Blume. Das Ende der Gespräche war dadurch vorgegeben, dass die ehemaligen Zwangsarbeiter bzw. ihre Nachkommen am späten Nachmittag an der Einweihung einer Stele und erklärenden Tafel am ehemaligen Bahnhof in Oker zum Gedenken an die Opfer des Todesmarsches von Osterode nach Oker (8. April 1945) teilnahmen.

R. Grihon an der Stele bei Elend

Die dritte Etappe begann am 9. September 2002 mit der Einweihung einer Stele zwischen Braunlage und Elend, die außer an die Häftlinge der III. SS-Baubrigade auch an Häftlinge des KZ Gandersheim, eines Außenlagers des KZ Buchenwald, erinnert, die am 7. April 1945 von Braunlage nach Wernigerode getrieben wurden (Todesmarsch vom 5.bis Ende April 1945 von Gandersheim zum KZ Dachau).

Nachdem die ca. 200 Jugendlichen der August-Bebel-Schule Blankenburg, Gymnasium "Am Thie" Blankenburg, Hochharz-Gymnasium Elbingerode, Hainberg-Gymnasium Göttingen, KGS Bad Lauterberg, Sekundarschule Burgbreite Wernigerode Blumen an der Stele niedergelegt hatten, gingen sie mit 14 ehemaligen Häftlingen bzw. ihren Familienangehörigen, z. B. Herr und Frau Claessens (Belgien), Frau Galtier, Herr Garnier, Herr und Frau Grandcoin, Herr Mischa Gourevitch, Herr und Frau Walter mit Sohn und Enkel aus Frankreich, Herr Schlomo und Herr Slawski, sowie den anderen Teilnehmern nach Elend. Danach wurde der weitere Weg über Drei-Annen-Hohne nach Wernigerode zum Lager "Steinerne Renne" mit der Harzquerbahn zurückgelegt, die 1945 den marschunfähigen Teil der Häftlinge transportierte.

Gedenkstein Steinerne Renne Auch am Gedenkstein für das Lager "Steinerne Renne" wurden Blumen niedergelegt, nachdem Landrat Dr. Ermrich und Oberbürgermeister Hoffmann in kurzen Ansprachen die Teilnehmer begrüßt hatten und Texte mit Bezug auf das dortige Lager verlesen worden waren.
Danach wurde die Fahrt nach Wernigerode fortgesetzt, von dessen Hauptbahnhof die Häftlinge am 9. April 1945 zum Weitertransport, der für die meisten in Gardelegen endete, auf Güterwaggons verladen worden waren. Vom HSB-Bahnhof Wernigerode-Westerntor ging man zur Turnhalle "Unter den Zindeln", wo nach einem gemeinsamen Mittagsimbiss die Gesprächsrunden zwischen Schüler/-innen und ehemaligen Häftlingen stattfanden.

Danach ging es zur Mahn- und Gedenkstätte am Veckenstedter Weg, wo symbolische Gegenstände, von Schülerinnen an die Leiterin Frau R. Urbanek übergeben, bis zur nächsten Etappe auslagen. Mit dem Besuch der dortigen Ausstellung und einem gemeinsamen Gedenken endete die Veranstaltung.
Diese Etappe wurde von Schülern und Schülerinnen der Sekundarschule Burgbreite in Wernigerode in einer Video-Dokumentation festgehalten.

Die Veranstaltungsreihe "Weg des Lebens" wurde mit der 4. Etappe von Wernigerode nach Gardelegen am 15. September 2003 abgeschlossen.
Dazu trafen sich alle Teilnehmenden ab 11 Uhr am ehemaligen Bahnhof von Letzlingen, wo auch der Bahntransport der Häftlinge der III. SS-Baubrigade endete. Nach der Begrüßung durch die Bürgermeisterin Lessing erinnerte der ehemalige französische Deportierte Grandcoin an das Geschehen der Todesmärsche. Tanja W. von der BBS I Osterode am Harz las aus dem Bericht von Aimé Bonifas, eines Häftlings der III. SS-Baubrigade aus Wieda, über die Ankunft am Bahnhof Letzlingen und die Flucht zahlreicher Häftlinge, die aber zu einem großen Teil wieder eingefangen wurden (damals "Hasenjagd" genannt).
Danach legten die Jugendlichen die mitgebrachten Blumen zur Erinnerung an die ermordeten Häftlinge nieder. Anschließend fuhr man gemeinsam nach Gardelegen zum gemeinsamen Essen und interessanten Gesprächen mit überlebenden ehemaligen KZ-Häftlingen.
Ehemalige Deportierte des Konzentrationslagers Mittelbau-Dora bzw. seiner Außenlager waren neben den französischen Gästen Boisson und Grandcoin die Belgier Claessens, Huybreghts und Dewit, dessen lebhafte und unterhaltsame Art zu erzählen die Schüler und Schülerinnen faszinierte. Auch Herr Kania, ein ehemaliger Auschwitz-Häftling, war nach der Evakuierung zeitweise in Dora und kam von dort nach Osterode, wo er nach dem Krieg blieb; er hatte die Osteroder Gruppe schon auf der Hinfahrt begleitet und sich als Zeitzeuge zur Verfügung gestellt.
Zu der französischen Reisegruppe gehörten aber auch Frauen wie z. B. Suzanne Gatelier, die ihren Mann im KZ Mittelbau-Dora verloren hat und wegen ihrer Tätigkeit in der Résistance selber Häftling des Konzentrationslagers Ravensbrück war. Auch sie berichteten und antworteten auf Fragen der Jugendlichen. Außerdem wurden die ausländischen Reisegruppen durch Söhne von Häftlingen begleitet, die über das Schicksal ihrer Väter Auskunft gaben bzw. beim Übersetzen halfen.
Nach der Begrüßung durch den Bürgermeister von Gardelegen wurden ihm symbolische, an die KZ-Haft erinnernde Gegenstände durch die Schüler und Schülerinnen übergeben, z.B. ein übergroßer silberfarbener Schlüssel, der einerseits an das Eingeschlossensein, die Gefangenschaft erinnert. Andererseits wird mit einem Schlüssel auch das Tor zur Freiheit geöffnet, so dass er den Weg in die Freiheit symbolisiert.

Die Gedenkstätte bei der Isenschnibber Scheune war die letzte Station dieses Tages. Dort versammelten sich die Jugendlichen auf einem Rasenstück zwischen dem Gräberfeld und der Gedenkwand. Für die älteren (die älteste Teilnehmerin war 91) Gäste waren Bänke aufgestellt, von denen aus sie die Rede des Präsidenten des Landtages von Sachsen-Anhalt Prof. Spotka verfolgen bzw. in französischer Übersetzung lesen konnten.
Am Gedenkstein oder auf den Gräbern wurden Blumen niedergelegt, und die Jugendlichen sahen sich bis zur Abfahrt der Busse einzeln oder in Gruppen die Gedenkstätte an. Besonderes Interesse fand der Überrest der Feldscheune, wo am 13. April 1945 durch das Feuer oder Schüsse 1016 Häftlinge den Tod fanden.


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