Der 27. Januar - kommunaler Gedenktag auch im Südharz

(Wolfgang Böttner)

Am 27. Januar 1945 wurden die Überlebenden des Konzentrations- und Vernichtungslagers Auschwitz von russischen Soldaten befreit. Auschwitz steht wie kein anderes Konzentrationslager als Symbol für den millionenfachen Mord vor allem an Juden, aber auch an anderen Volksgruppen. Deshalb wurde der Tag seiner Befreiung im Jahr 1996 zum ersten Mal als Gedenktag für die Opfer des Nationalsozialismus begangen. Der 27. Januar soll, wie es der ehemalige Bundespräsident Roman Herzog in seiner damaligen Rede vor dem Deutschen Bundestag ausdrückte, als zentraler Gedenktag "aus der Erinnerung immer wieder lebendige Zukunft werden lassen."
Seitdem gibt es jedes Jahr an diesem Tag die zentrale Gedenkstunde im Deutschen Bundestag und auch an vielen Orten der Bundesrepublik zahlreiche Gedenkveranstaltungen.

Osterode

Als im Herbst 1997 im Rahmen eines Kreisvolkshochschulkurses mit Dr. Joachim Neander über das Thema "Konzentrations- und Zwangsarbeiterlager bei Osterode" sich die Frage stellte, was man am besten mit den erarbeiteten Materialien machen solllte, kam aus dem Teilnehmerkreis der Vorschlag, das Material am kommenden 27. Januar in einer Ausstellung zu zeigen.
Am 27. Januar 1998 eröffnete Bürgermeister Wolfgang Dernedde im Foyer des Rathauses die Ausstellung, die dort bis Ende Februar zu sehen war, anschließend für zwei Wochen im Osteroder Museum. In dieser Zeit begann die Zusammenarbeit der Kursteilnehmer mit der Arbeitsgemeinschaft Spurensuche.

Alles in allem gesehen hatte diese erste Veranstaltung zum 27. Januar im Kreis Osterode eine positive Resonanz in der Öffentlichkeit. Als weitere Ergebnisse konnten wir festhalten:

  1. die Kreisvolkshochschule erklärte sich bereit, zum nächsten Herbst einen weiteren Kurs mit diesem Themenkreis einzurichten, und zwar ohne Teilnehmergebühr,


  2. die Zusammenarbeit mit der Arbeitsgemeinschaft Spurensuche ermöglichte eine Ausdehnung der Gedenkveranstaltungen im Kreisgebiet.

Herzberg

Als zentrales Thema des neuen Kurses in der Kreisvolkshochschule im darauf folgenden Herbst wählten wir die Geschehnisse der Kriegsjahre in Herzberg. Eine Nachforschung im Stadtarchiv von Herzberg brachte trotz aller Mühe, die der Stadtarchivar für uns aufwand, nicht viel. Nach Aussage des Herzberger Archivars waren die entsprechenden Akten in den ersten Monaten nach Kriegsende ziemlich offen zugänglich. So haben wohl einige diese Akten für sich gebrauchen können.
Wir waren so auf andere Quellen angewiesen. Wir erhielten Fotos und Dokumente von Zeitzeugen, suchten selber Spuren im Ort, z.B. auf dem Friedhof, wo wir Fotos von den Gräbern der hier begrabenen Zwangsarbeiter/-innen und Kinder machten. Gutes Anschauungsmaterial boten auf allen Veranstaltungen zum 27. Januar, die wir durchführten, die alliierten Luftbilder vom Südharz, die der Arbeitsgemeinschaft zur Verfügung stehen.
Wir bekamen wie auch im Jahr zuvor in Osterode wieder acht Tafeln mit Materialien zusammen, die im Foyer des Herzberger Gymnasiums während mehrerer Wochen gezeigt wurden. Die Ausstellung wurde im Rahmen einer Gedenkveranstaltung in der Aula des Gymnasiums am 27. Januar 1999 eröffnet.
Die Gedenkveranstaltung hatte zum ersten Mal ein Programm mit Vertretern der Stadt Herzberg und Referenten (z. B. Vortrag von Jens-Christian Wagner: "Zwangsarbeit im Nationalsozialismus") und Diskussion mit Zeitzeugen und Einwohnern. Trotz der Konkurrenz eines Vortrags im Herzberger Schloss über die Straße der Romanik kamen etwa hundert Zuhörerinnen und Zuhörer zu der Gedenkveranstaltung in die Aula des Gymnasiums. Die Presse schrieb: Es war ein Abend, der innerlich berührte und betroffen machte.

Bad Sachsa

Der Ort unserer Veranstaltung am 27. Januar 2000 wurde Bad Sachsa. Zur Vorbereitung arbeiteten wir eng mit der Stadtverwaltung von Bad Sachsa zusammen. Obwohl wir ausgezeichnet von der Verwaltung unterstützt wurden, brachte der Aufruf an Zeitzeugen, sich mit uns im Vorfeld zu unterhalten, nur zwei Gesprächspartner. Bei der eigentlichen Veranstaltung waren wesentlich mehr Zeitzeugen zugegen. Das zeigt, dass immer noch viel Schweigen zu diesen Ereignissen, gerade in kleineren Gemeinden, wo jeder den anderen kennt, anzutreffen ist.

Für die Veranstaltung am Gedenktag stellte uns die Stadtsparkasse ihr Foyer, wo auch die Schautafeln gezeigt wurden, zu Verfügung. Es gab wieder ein Programm mit Grußworten der Bürgermeisterin und Redebeiträgen (z. B. von Markus Jaeger: "Die Stadt Bad Sachsa im Nationalsozialismus (1924 - 1935)") von verschiedenen Referenten, u a. Herrn Berthold Schenk Graf von Stauffenberg aus Oppenweiler, den Sohn des 20. Juli Widerständlers.
Sein Beitrag "Eine Kindheit im 3. Reich - Vom Systemkonformen zum Volksfeind" hatte einen besonderen Bezug zu Bad Sachsa. Hier war er im Haus im Borntal nach dem Attentat auf Hitler mit seinen Geschwistern und anderen Kindern aus Familien des Widerstands von August 1944 bis Kriegsende in Sippenhaft. Wir hatten Graf Stauffenberg eingeladen, weil auch er quasi ein Opfer des Nationalsozialismus war. Zugegeben war sein Schicksal relativ leicht, gegenüber anderen Opfern gesehen, was er auch in seiner Rede ausdrückte. Er sagte aber auch, dass diese Zeit ihn besonders geprägt habe.
Die Tafeln waren wieder mit den bewährten Themen bestückt: Dokumente, Fotos und Namen von lokalen Opfern und natürlich die Luftaufnahmen.

Nachdem die Referenten/-in ihre Beiträge beendet hatten, kam eine zum Teil lebhafte Diskussion mit den Anwesenden in Gang. Es gab betroffene Äußerungen und wiederum die bekannten Einwendungen aus dem Lager der Verdränger, wie: Sollen wir das alles immer wieder aufwärmen oder muss man denn wirklich so viel Geld für die ehemaligen Zwangsarbeiter zahlen?
Unsere Schautafeln blieben mit dem Martin-Luther-Haus als 2. Station noch für ein paar Wochen in Bad Sachsa.

Veranstalter und Unterstützung

Während die ersten drei Gedenktage jeweils von der ArGe Spurensuche, den Gemeinden der Veranstaltungsorte und der Kreisvolkshochschule durchgeführt wurden, kamen beim folgenden Tag des Gedenkens im Jahr 2001 in Walkenried noch die Gedenkstätte Mittelbau- Dora und der Verein Jugend für Dora e. V. dazu, im Jahr 2002 der Verein Spurensuche Goslar e. V.
Finanzielle Unterstützung fanden wir freundlicherweise bei der Niedersächsischen Landeszentrale für politische Bildung. (Solche Unterstützung, woher auch immer, können wir gut gebrauchen, denn unsere Arbeit ist ehrenamtlich und die Kosten für Materialien werden vielmals von den Mitgliedern der Arbeitsgemeinschaft getragen.)

Walkenried

Vielleicht war es die vermehrte Anzahl der Veranstalter, die dazu beitrug, dass Walkenried bisher, was die Zuschauerzahl betrifft, unser größter Erfolg wurde. So konnten wir im Freizeitzentrum von Walkenried am 27. Januar 2001 über 200 Zuhörerinnen und Zuhörer begrüßen. Diese hohe Anzahl ging aber auch auf die gute Zusammenarbeit mit der Samtgemeinde zurück. Sie übernahm das Versenden der Einladungen und informierte die örtlichen Vereine und Verbände.
Der Männergesangverein nahm an der Veranstaltung teil und unterhielt die Anwesenden zwischen den Vorträgen mit Liedern. Neben dem Samtgemeindebürgermeister sprachen der Landrat des Kreises Osterode am Harz und ein französischer Vertreter der überlebenden Häftlinge des KZ Mittlbau-Dora ("Amicale"), ihre Grußworte. Mehrere ehemalige Häftlinge aus Belgien, Frankreich, den Niederlanden und Deutschland waren als Ehrengäste zugegen.
Eine Rede, die sich nicht mit den örtlichen Geschehnissen befasste, war der Beitrag von Dr. Peter Eckardt, MdB aus Goslar, mit dem Thema: "Zivilcourage - Lehren der Vergangenheit, Lernziel Zukunft." Oder anders gesagt: Wie geht man mit dem neuen Rechtradikalismus um?
Diese Thematik war in der anschließenden Diskussion ein Hauptpunkt. Besonders in Erinnerung ist mir ein kurioser Vorschlag eines Zuhörers: Man solle diese Rassisten in ein KZ sperren. Diese Aussage führte sofort zu breitem Widerspruch.
Der Gedenktag in Walkenried war, wie wir Mitglieder der Arbeitsgemeinschaft feststellten, sehr positiv verlaufen. Besonderes Lob bekamen wir von der "Amicale".

Bad Grund

Für unsere diesjährige Veranstaltung hatten wir Bad Grund ausgewählt. Wir stellen uns vor, dass es viele Orte im Kreisgebiet von Osterode gibt, für die dieser Gedenktag am 27. Januar einen historischen Bezug hat. Durch die Verlagerung der Rüstungsindustrie während des 2. Weltkrieges in den Harzraum entstanden die entsprechenden Lager für Zwangsarbeiter/-innen und KZ-Häftlinge. Und wenn wir einmal mit den Orten durch sind, fangen wir wieder vorn an.

Das Thema für Bad Grund lautete: Bad Grund und Umgegend 1933 - 1945. Etwa 60 Personen fanden sich am Nachmittag des 27. Januars im Haus des Gastes in Bad Grund ein, um die Referenten zu hören und die begleitende Ausstellung anzuschauen.
Die Themen hatten wieder den örtlichen Bezug, z.B. "Zwangsarbeit in der Harzer Rohstoffwirtschaft". Bad Grund hatte bis vor ein paar Jahren eine Erzgrube, in der während des Krieges Hunderte als Zwangsarbeiter beschäftigt waren.

Als das KZ Gandersheim in den ersten Apriltagen des Jahres 1945 evakuiert wurde, führte der Todesmarsch der Häftlinge am 4. und 5. April durch Bad Grund. Darüber und von den Opfern dieses Marsches wurde in Vorträgen berichtet. Für einen erschossenen Häftling, den damals 55jährigen Bernhard Döllinger, einen Angehörigen der Glaubensgemeinschaft der Zeugen Jehovas, wurde am 5. April 2000 im Teufelstal, in der Nähe des Iberges, eine Gedenktafel eingeweiht.
An dieser Stelle soll noch im Rahmen des Wegzeichenprojektes Westharz (Entlang den Strecken der Todesmärsche werden Stelen an Orten aufgestellt, an denen Erschiessungen stattgefunden haben.) eine Stele errichtet werden.

Die die Veranstaltung begleitende Wandtafel-Ausstellung blieb noch einige Wochen im Haus des Gastes in Bad Grund, kam danach in die Badenhäuser Haupt- und Realschule und diente jeder Klasse für drei Unterichtsstunden als Anschauungsmaterial, um sich mit dieser Zeit in der Region auseinanderzusetzen.

Hattorf

Als nächster Ort für den Tag des Gedenkens an die Opfer des Nationalsozialismus war Hattorf vorgesehen. In Hattorf, ländlich strukturiert, gab es u.a. Zwangsarbeit in einem Textilbetrieb und in der Landwirtschaft.

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