ARBEITSGEMEINSCHAFT SPURENSUCHE IN DER SÜDHARZREGION

EINLADUNG

Tag des Gedenkens an die Opfer des Nationalsozialismus

Samstag, 27. Januar 2001, 14.15 Uhr in Walkenried, Freizeitzentrum

14:15 Uhr      PROGRAMM      17:00 Uhr

Wandtafel-Ausstellung Historische Fotos und Dokumente

Die Veranstaltung wird musikalisch vom Männergesangsverein Freundschaft aus Walkenried umrahmt.

In Kooperation mit der SAMTGEMEINDE WALKENRIED und der KREISVOLKSHOCHSCHULE OSTERODE AM HARZ
und mit Beteiligung der KZ-GEDENKSTÄTTE MITTELBAU-DORA und des VEREINS JUGEND FÜR DORA e.V.
Mit freundlicher Unterstützung durch die NIEDERSÄCHSISCHE LANDESZENTRALE FÜR POLITISCHE BILDUNG




Ehemalige Häftlinge in der 1. Reihe
An der Gedenkveranstaltung nahmen als Ehrengäste ehemalige Deportierte teil (von links: Ehepaar Claessens, die Herren Elzenga, Hanstein und Wolff).


Die Texte der Vorträge wurden für die Veröffentlichung zum Teil nachträglich bearbeitet. Für jeden Beitrag trägt der/die AutorIn inhaltlich selbstverständlich selbst die Verantwortung; keiner der Beiträge stellt eine gemeinsame Meinungsäußerung der Arbeitsgemeinschaft Spurensuche dar.



Jens-Christian Wagner

Gedenken braucht Wissen.

Vorwort zu den Walkenrieder Vorträgen

   Der Tag der Befreiung des KZ Auschwitz wurde 1995 von Bundespräsident Roman Herzog als Gedenktag ausgerufen. Gedenken braucht jedoch Wissen. Auf Initiative der Arbeitsgemeinschaft Spurensuche in der Südharzregion wird deshalb der Gedenktag seit 1998 an wechselnden Standorten im Südharz mit Vorträgen und einer Begleitausstellung zur Geschichte des jeweiligen Ortes im Nationalsozialismus begangen.

   Nach Veranstaltungen in Osterode, Herzberg und Bad Sachsa fand die Gedenkveranstaltung des Jahres 2001 in Walkenried statt. Sie wurde möglich durch die Kooperation der AG Spurensuche mit der Gemeinde Walkenried, der KZ-Gedenkstätte Mittelbau-Dora und dem Verein "Jugend für Dora". Dem Männergesangsverein "Freundschaft" sei an dieser Stelle für die musikalische Umrahmung der Veranstaltung gedankt.

   Den inhaltlichen Schwerpunkt der Veranstaltung bildeten Vorträge über nationalsozialistische Vergangenheit der Gemeinde Walkenried und der angrenzenden Ortschaften. In der näheren Umgebung Walkenrieds befanden sich in den Jahren 1944/45 mehrere Außenlager des KZ Mittelbau-Dora, darunter das berüchtigte Lager Ellrich-Juliushütte und die Lager der SS-Baubrigaden III und IV in Wieda, Nüxei, Osterhagen, Mackenrode, Günzerode und Ellrich-Bürgergarten.

   Diese Lager gehörten im letzten Kriegsjahr zum Alltag der Südharzer Bevölkerung. Das Ausmaß der NS-Verfolgungs- und Vernichtungspolitik konnte ihr damit nicht mehr verborgen bleiben: Jeder wusste, was in den Lagern geschah, und mancher beteiligte sich an den Verbrechen. Trotzdem - oder wohl eher deswegen - wollte nach dem Krieg bald keiner mehr etwas vom Terror gegenüber den KZ-Häftlingen gewusst haben. Die deutsche Gesellschaft wurde von einer breiten Welle der Schuldabwehr erfasst, und schnell machten sich Opfermythen breit, in denen eigenes Leiden und die Schuldzuweisung nach außen im Mittelpunkt standen - man denke nur an den Topos des plündernden befreiten KZ-Häftlings, der sich durch fast jeden deutschen Zeitzeugenbericht zieht.

   Eine besondere Rolle spielte für den Opfermythos die deutsche Teilung. Insbesondere im Grenzbereich zwischen der Bundesrepublik und der DDR wirkte die Schuldzuweisung gegenüber dem jeweils anderen deutschen Staat entlastend.
In der DDR geronn ein ritualisierter Antifaschismus nicht nur zum Gründungsmythos des Staates, sondern zugleich zum Entlastungsnarrativ für die eigene Bevölkerung, die sich als Opfer des Bündnisses von "Monopolherren" und NS-Bonzen fühlen durfte, die sich nach dem Kriegsende in den Westen verflüchtigt hatten: "Die Blutspur führt nach Bonn" hieß denn auch programmatisch die 1964 eröffnete erste Dauerausstellung in der KZ-Gedenkstätte Mittelbau-Dora. Vor diesem Hintergrund ließ sich die enge gesellschaftliche Einbindung der Region in die NS-Verfolgungs- und Vernichtungspolitik trefflich leugnen.

   In Westdeutschland war es nicht viel anders: Zwar lastete dort kaum jemand ernsthaft die NS-Verbrechen den in der DDR Regierenden an; der Verweis auf die politische Repression in der SED-Diktatur und die an der deutsch-deutschen Grenze begangenen Menschenrechtsverletzungen war aber vor dem Hintergrund des als Integrationsideologie der jungen Bundesrepublik grassierenden Antikommunismus bestens geeignet, um entlastend von den eigenen bis 1945 begangenen Taten ablenken zu können.

   In welchem Umfang die Klage über die deutsche Teilung im Westharz die Erinnerung an die Lager verdrängte, wird vielleicht an keinem anderen Ort deutlicher als in Ellrich-Juliushütte. Dort, unmittelbar an die Bahnlinie Nordhausen-Herzberg angrenzend, hatte die SS zwischen Mai 1944 und April 1945 ein Außenlager des KZ Mittelbau betrieben, das mit durchschnittlich 8000 Insassen belegt gewesen und zum Todesort Tausender geworden war. Da das Lagergelände jeweils zur Hälfte auf preußischem und braunschweigischem Gebiet lag, wurde es nach Kriegsende durch die Demarkationslinie und spätere deutsch-deutsche Grenze geteilt.

   Auf DDR-Seite wurden die baulichen Überreste des Lagers zwischen 1952 und 1961 im Zuge der Grenzsicherung planiert und zum sogenannten Todesstreifen umgestaltet. Möglicherweise wurden auch Teile des ehemaligen Lagerzaunes als Grenzzaun genutzt. Eine zunächst auf Betreiben überlebender französischer Häftlinge an der Außenwand eines der ehemaligen Unterkunftsblocks angebrachte Gedenktafel wurde vor dem Abriss demontiert und später im örtlichen Heimatmuseum ausgestellt.

   Auf westlicher Seite wurde der zum ehemaligen Lager gehörende Walkenrieder Ortsteil Juliushütte zunächst unter anderem mit Beschäftigten eines angrenzenden Sägewerkes wiederbesiedelt. Durch Abwanderung und einen Brand im Sägewerk verödete der Ort aber zusehends. Offenbar betrachtete man den unmittelbar vor dem Grenzzaun gelegenen verwahrlosenden Ortsteil auch überregional als Ärgernis.
Im Frühjahr 1963 besichtigte eine Delegation aus Bonn unter Leitung des Ministers für Gesamtdeutsche Fragen, Rainer Barzel, das Gelände. Dabei fiel aller Wahrscheinlichkeit nach der Entschluss zum Abriss des "Schandflecks", wie eine Lokalzeitung den Ort bezeichnete, der "den Betrachtern von jenseits der Zonengrenze nicht gerade eine Visitenkarte" biete.
Im Jahr darauf rückten Pioniereinheiten des Bundesgrenzschutzes an und sprengten die erhalten gebliebenen Gebäude, um "nunmehr hier eine parkähnliche Landschaft zu schaffen", wie die Lokalpresse berichtete. Dem Abriss fielen u.a. mehrere ehemalige Häftlingsunterkünfte und das 1963 noch weitgehend erhaltene Lagerkrematorium zum Opfer, dessen Überreste nach der Sprengung mit Planierraupen in einen Erdfall geschoben wurden (wo sie heute noch liegen). Später erklärte die Bezirksregierung Braunschweig das Gelände zum Naturschutzgebiet und erschwerte damit den Zugang zu den wenigen Relikten des Lagers.

   Gleichwohl waren Teile des Geländes seit den sechziger Jahren stark frequentiert, und zwar durch einen vom BGS angelegten Grenzübersichtspunkt, der sich etwa 100 Meter oberhalb des ehemaligen Krematoriums auf einer Bergkuppe befand. Von diesem Aussichtspunkt aus bot sich ein guter Einblick in den Bahnhof der DDR-Grenzstadt Ellrich (und in das ehemalige Lagergelände), auf dem täglich zwei Güterzüge für den Warenverkehr nach Westdeutschland abgefertigt wurden. Das unmittelbar am ehemaligen KZ-Lagerzaun gelegene Grenztor am Ellricher Bahnhof war in den sechziger bis achtziger Jahren ein bedeutendes regionales Kennzeichen für die deutsche Teilung, das in seinem Symbolgehalt vielleicht nur noch durch den nicht weit entfernten Brocken übertroffen wurde.

   Der entlastend wirkende Verweis auf die deutsche Teilung und das in der SBZ/DDR begangene Unrecht bildete für die westdeutsche Nachkriegsgesellschaft eine willkommene Projektionsfläche, die es erlaubte, der Auseinandersetzung mit den vor Ort begangenen NS-Verbrechen auszuweichen. Auch heute noch sind manche Reflexe aus den Zeiten des Kalten Krieges noch lebendig. Deutlich wurde das zum Teil auch in den Vorträgen, die am 27. Januar 2001 in Walkenried gehalten wurden und nachfolgend im Originalwortlaut wiedergegeben werden.


   Ruth Monicke referierte in eindrucksvoller Weise über die Geschichte des Walkenrieder Ortsteiles Juliushütte. Als Bürgerin Walkenrieds knüpfte Frau Monicke bereits in den achtziger Jahren Kontakte zu ehemaligen Häftlingen dieses Lagers, und sie war 1990 maßgeblich an der Aufstellung eines ersten Gedenksteines in Höhe des ehemaligen Krematoriums beteiligt. In ihrem Vortrag beschränkte sich Ruth Monicke nicht nur auf die Geschichte des Ortes bis 1945, sondern sie thematisierte auch die widersprüchliche Nachkriegsgeschichte, die durch die Grenzziehung und das Verschwindenlassen fast aller Lagerrelikte geprägt war. Manche Formulierungen Ruth Monickes sollten jedoch nicht unkommentiert bleiben. Passagen wie diejenige, nach der Alptraum des NS angesichts des DDR-Grenzregimes nach 1945 "nur die Uniform gewechselt" habe und sich "wieder unbeschreibliche Szenen des Leides" abgespielt hätten, stellen m.E. eine unzulässige Gleichsetzung der NS-Verbrechen mit denen unter der SED-Diktatur dar. Sie zeigen aber, dass der antikommunistische Duktus und mit ihm das skizzierte Entlastungsnarrativ des Kalten Krieges noch immer eine gewisse Deutungsmacht haben.

   Jean-Pierre Thiercelin las - unterstützt durch die übersetzende Renée Grihon - einen Text des Ellrich-Überlebenden Jaques Brun vor, der - bei aller schonungslosen Offenheit gegenüber dem zwischen den KZ-Insassen tobenden Kampf auf Leben und Tod - deutlich machte, wer für das Leiden der Häftlinge verantwortlich war: die SS- und Wehrmachtsangehörigen, die das Lager bewachten und sich auf die aktive Mittäterschaft der Bevölkerung in der Umgebung der Lager stützen konnten. Mit einem Gedicht seines mittlerweile verstorbenen Vaters, der die Deportation in das Lager Ellrich-Juliushütte überlebt hatte, schloss Thiercelin seinen Vortrag.

   Dorothea August, Vorsitzende des Vereins "Jugend für Dora", sprach anschließend über die Arbeit ihres Jugendvereins, der 1998 ein Workcamp auf dem Gelände des ehemaligen Lagers Ellrich-Juliushütte organisierte, bei dem Spuren gesichert und Lagerrelikte wieder sichtbar gemacht wurden. Mit der Kennzeichnung des Geländes durch Hinweistafeln setzt der Verein seit dem vergangenen Jahr seine Arbeit in Ellrich fort.

   Anschließend berichtete Firouz Vladi über die Geschichte der SS-Baubrigade III, deren Lager in Wieda, Osterhagen, Nüxei und Mackenrode in nur geringer Entfernung von Walkenried lagen. Auch sein Vortrag machte die breite Präsenz der Lager im Südharz deutlich.

   Schließlich öffnete Dr. Peter Eckardt, SPD-Bundestagsabgeordneter, mit einem Vortrag unter dem Titel "Lehren der Vergangenheit" den Blick in die Zukunft. Einen Schwerpunkt seiner Ausführungen bildete die Frage, welche Möglichkeiten und Grenzen die Auseinandersetzung mit der NS-Vergangenheit vor dem Hintergrund des verbreiteteten Rechtsextremismus in der Bildungsarbeit mit Jugendlichen und Erwachsenen hat.

   Den Abschluss der Vortrags- und Gedenkveranstaltung bildete eine zum Teil kontrovers geführte Diskussion zwischen Vortragenden und Publikum, in der der Umgang mit rechtsextremistischen Straftätern auf der Straße und Brandstiftern in der Politik im Mittelpunkt stand. Dass man sich - ganz im Gegensatz zu vergangenen Jahrzehnten - heute in der Region der geschichtlichen und politischen Auseinandersetzung mit der NS-Vergangenheit stellt und gewillt ist, sich neuerlichem Unrecht entgegenzustellen, macht die erfreulich starke Resonanz auf die Veranstaltung deutlich: Etwa 200 Personen aus Walkenried und den umliegenden Ortschaften hatten sich im Freizeitzentrum eingefunden - eine erfreulich hohe Zahl, die deutlich macht, dass der Gedenktag für die Opfer des Nationalsozialismus in der Region mittlerweile fest verankert ist.

zum Programm


JULIUSHÜTTE: EIN SCHICKSALVOLLER ORT - ZWISCHEN 1944 UND 1964

Vortrag von Ruth MONICKE am 27. Januar 2001 in Walkenried

   Wir sind hier zusammengekommen, um derer zu gedenken, die in der Zeit des Nationalsozialismus ihr Leben verloren, die gelitten haben, die keine Chance hatten, dem Terrorregime zu entkommen.
   Wir wollen derer gedenken, an die kein Grabstein mehr erinnert.
   Wir wollen derer gedenken, die irgendwo namenlos verscharrt wurden.
   Wir wollen derer gedenken, die in den letzten Kriegswochen in langen Kolonnen durch unsere Heimat getrieben wurden und irgendwo am Straßenrand den Tod fanden.
   Wir wollen aber auch an diejenigen denken, die das Grauen überlebten, die verwundet an Leib und Seele zu ihren Familien zurückkehren konnten, jedoch das ihnen zugefügte Leid nie vergessen können.

   Es waren so unendlich viele Menschen aller Nationen, denen unvergleichliches Leid zugefügt wurde. Auch Deutsche, die durchaus nicht verschont blieben. Wie zum Beispiel Kommunisten, Sozialdemokraten und führende Persönlichkeiten des öffentlichen Lebens. Durch eine Einrichtung der konzentrierten Gewalt  -  dem Konzentrationslager. Hitler und seine Helfershelfer waren überall unterwegs, um diese Lager zu füllen. Über deren Toren stand: "Arbeit macht frei".

   Überall in Deutschland und anderswo wurden schmerzliche Spuren hinterlassen. Blutspuren, die nicht trocknen wollen. Kein Baum, kein Gras wird diese Spuren jemals ganz verdecken können. Sie werden eines Tages zum Vorschein kommen. Wir werden diesen Spuren nachgehen und uns stellen müssen. Nur so werden wir aus unserer Vergangenheit für unsere Zukunft lernen und handeln. Wir alle hier wissen, dass die Zeit zum Wachsamsein längst verstrichen ist. Eine dieser Spuren finden wir direkt vor unserer Haustür  -  in Juliushütte.

   Ein kleiner, friedlicher Ort wurde im Frühjahr 1944 heimgesucht, dort entstand eines der schlimmsten KZ-Außenlager von Mittelbau Dora. Zugehörig nach Buchenwald. Ostern war es, als begonnen wurde das Lager herzurichten.
Ellrich hatte schon am Schwanenteich ein Lager. Das zweite Lager sollte in der Nähe des Bahnhofes entstehen und den Decknamen "Erich" erhalten. Und die Einwohner von Juliushütte wurden nicht gefragt, ob es ihnen passe. Wer es dennoch wagen sollte zu fragen, riskierte in arge Bedrängnis zu geraten.
Die ersten Unterkünfte, leere Fabrikräume, wurden am 1. Mai 44 belegt. Am 21. Mai waren schon 1272 Häftlinge im Lager untergebracht. So schnell wuchs das Lager und die Unterkünfte waren alles andere als menschenwürdig. Geschlafen wurde anfangs auf nacktem Beton. Sanitäre Einrichtungen fehlten ganz. Warum also diese Eile?
Ganz einfach, man brauchte Arbeitsmaterial für den Ausbau des Himmelsberges. Das Tunnelsystem musste vorangetrieben werden, um dort eine weitere Produktion Kriegswaffen zu fertigen. Der gegenüber liegende Kohnstein produzierte mit Hochdruck an der Vergeltungswaffe V1 und V2. Die Maschinen waren teuer, unwertes Leben gab es reichlich, Häftlinge im Überfluss. Für jeden toten Häftling gab es Nachschub für Hitlers Waffenschmiede.
"Arbeit macht frei".

   So war der Platz am Ellricher Bahnhof ideal gelegen. Von da aus wurden die Häftlinge zu Tag- und Nachtschichten mit der Eisenbahn zum Himmelsberg und Kohnstein gebracht. Und stimmten beim Zählappell die Listen nicht überein, so musste die Häftlingskolonne den Fußmarsch antreten. So mancher Ellricher hat das Schlurfen noch im Ohr, wenn die Häftlinge aus Woffleben kamen, die kranken und die tagsüber verstorbenen Kameraden mitschleppend.

   Das Lager "Erich" war ein Todeslager. Die Krankheiten stiegen, begünstigt durch Ungeziefer, explosionsartig an. Die Häftlinge starben an Erschöpfung, sie wurden erschossen, wurden beim kleinsten Vergehen gehängt oder einfach nur totgeprügelt.
Die Zahl der Toten war dramatisch. Sie hatten im Lager und bei der Arbeit die Hölle zu durchleben. Es ist nachweisbar, dass das Lager "Erich" die höchste Sterbeziffer zu verzeichnen hatte. In den 11 Monaten des Bestehens haben etwa 8000 Menschen in Juliushütte ihr Leben verloren. Am meisten waren die Franzosen betroffen.
Anfangs wurden die Leichen mit Lastwagen zum Krematorium in das KZ-Lager Dora gebracht. Doch die Verbrennungskapazität reichte bald nicht mehr aus. So wurde in Juliushütte ein eigenes gebaut. Doch ehe dieses Krematorium in Betrieb gehen konnte, wurden die Leichen auf Scheiterhaufen verbrannt. Über Ellrich schwelten wochenlang die Rauchschwaden. Wer nicht wusste, was dort geschah, der konnte es riechen. Auf diesem Platz steht heute der kleine Gedenkstein.

   Die Zustände verschärften sich mit Einbruch der kalten Jahreszeit. Am 2. Oktober 1944 war die Belegzahl auf 8.207 Häftlinge angestiegen und die kargen Mahlzeiten gekürzt. Eisiger Regen und ein früher Wintereinbruch machten das Leben qualvoll. An den Sonntagen mussten aus den Gipsbrüchen große Steine auf den Schultern zum Lagerplatz geschleppt werden. Knöcheltiefer Schlamm und Kot bedeckten den Platz.

   Die Krankheiten wie Ruhr, Flecktyphus, Lungenentzündung und Wassersucht füllten das Krankenrevier. Jeder Häftling versuchte, sich einigermaßen auf den Füßen zu halten  -  nur nicht ins Revier. Denn von dort ist keiner mehr zurückgekommen. An Verpflegung war da drinnen nicht gedacht, Muselmänner sind nicht mehr arbeitsfähig. Tagsüber nahm man ihnen die Decken weg, sie lagen nackt auf feuchtem Stroh. So wurde das Ende beschleunigt und Platz geschaffen. Die Toten warf man einfach aus dem Fenster.

   Erbarmungslos war das Leben ( wenn man es so nennen darf ) für jeden Einzelnen. Der Tag begann um 3.30 Uhr, aber er endete nicht selten um Mitternacht. Die stundenlangen Zählappelle trieben alle zur Verzweiflung. Es musste absolutes Stillstehen sein, und wenn dabei der Nebenmann vor Erschöpfung aus der Reihe fiel, so durfte ihn keiner aufheben. Steifgefroren wurden die Leichen dann eingesammelt.

   Für manchen gehörte die Prügelstrafe mit 25 Stockschlägen zur täglichen Ration. Der Lagerkommandant Fritsch, der aus Auschwitz kam, kannte kein Erbarmen. Seine Brutalität war gefürchtet.
Fanden die Häftlinge untereinander Trost und Erbarmen? Nein, nicht unbedingt. Die Perversion bestand darin, dass die Lagerleitung die aus über 20 Nationen stammenden Häftlinge nicht nach ihrer Nationalität zusammenlegte. Es sollte keine Solidarität aufkommen. So war Kameradendiebstahl an der Tagesordnung. Das Stück Brot oder die Schuhe des Nebenmannes waren heiß begehrt. Diese Dinge halfen beim Überleben  -  für den anderen bedeutete das den nahen Tod. Der Stärkere nutzte seine Chance. Er hatte nur eines im Sinn: Wie komme ich hier lebend aus der Hölle raus.

   Es war die Hölle. Um die Weihnachtszeit fiel das Quecksilber unter minus 20 Grad. Am Heiligabend war ein Rekordappell, von morgens 7 Uhr bis 13 Uhr, bei minus 23 Grad. Die Wasserleitungen waren wochenlang eingefroren und es gab kein Trinkwasser. An Waschen war eh nicht zu denken. In dieser Zeit wurden die elenden Sachen eingesammelt, zum Desinfizieren  -  nackt mussten die Häftlinge die Tage verbringen.

   Im März wird das Krematorium in Gang gebracht Die durchschnittliche Sterblichkeit pro Tag wird mit 30 angegeben. Am 15. März waren 62 Todesfälle zu verzeichnen. Am 18. und 19. März werden 317 Tote eingeäschert. Die Kapazität des kleinen Krematoriums ist überfordert. Die meisten Toten werden auf dem Scheiterhaufen verbrannt.

   Das waren nur einige Zahlen, die ich hier nenne, um das Ausmaß deutlich zu machen. Die akribische Buchführung wurde jeden Tag genauestens eingehalten. Das sind wichtige Dokumente, für diejenigen, die meinen: "Da war doch nichts!".
Neuankömmlinge, die aus Buchenwald kamen  -  als Auffüllmaterial  -  glaubten vorher im Sanatorium gewesen zu sein.

   Sogar eine Ärztekommission wurde vorstellig, die ungewöhnlich hohe Sterblichkeit war nicht verborgen geblieben. Beim Sezieren der Muselmänner entdeckte man, dass wichtige Organe nicht mehr vorhanden waren. Einfach zum Nichts verkümmert. Es fanden sich auch Leichen, denen Fleischstücke herausgeschnitten wurden. Nur unerträglicher Hunger kann Menschen dazu fähig machen.
Juliushütte, das Todeslager!

Der kursierende Spruch unter den Häftlingen hatte Gültigkeit: "Kamerad, überall hast du die Chance zu überleben, aber kommst du nach Ellrich, so gibt es kein Entrinnen".

Nun, meine Damen und Herren, ich will hier die grausamsten Misshandlungen und Lebensbedingungen nicht schildern. Es würde den Rahmen sprengen.

   Die Front, die Bombenangriffe und der Amerikaner kamen näher und am 4. April 45 war es so weit. Das Lager wurde geräumt und die Hoffnung aufs Überleben ging als Wegzehrung mit auf den Todesmarsch. Einige hatten das Glück, mit Güterzügen Richtung Bergen-Belsen zu fahren. Für einen Zug waren allein fünf Waggons für die unterwegs Verstorbenen vorgesehen, auf dieser Strecke hat es noch unzähligen Menschen das Lebenslicht ausgelöscht. Ihnen war es nicht vergönnt ihre Familien wiederzusehen.


Was wurde aus Juliushütte?

   Opfer gab es in vielfältiger Form. So wurden auch dieser kleine Ort und seine Menschen zum Opfer dieser unseligen Zeit. Juliushütte, ein nur wenige Hektar großes Gelände  -  was war also das Besondere daran? Es hatte in seiner Blütezeit nur wenige Einwohner und schrieb dennoch eine unglaubliche Geschichte. Voller betriebsamer Arbeitskraft mit 150 Arbeitsplätzen, bis hin zu Not und Pein und wurde letztendlich von den Mächtigen ausgelöscht.

   Etwa 1650, nach dem Westfälischen Frieden, der den 30-jährigen Krieg beendete, wurden die ersten Grenzsteine gesetzt. Nun gehörte das Areal zum Walkenrieder Klosterstift. So verlief dann auch die Grenze zwischen dem Herzogtum Braunschweig und dem Königreich Preußen.

   1884 errichtete Julius Bergmann die erste Gipsfabrik am Pontelberg und somit bekam dieses Fleckchen seinen Namen Juliushütte. Die Gipsfabrik war in jener Zeit die größte in Deutschland und produzierte mit 16 Harzer Kochern. Bald kamen noch einige Gipsfabriken dazu, z.B. Kohlmann & Co, Zitzling, Euling & Mack. Es herrschte also eine rege Betriebsamkeit  -  bis 1927. Die Gipsvorräte waren bald erschöpft und Julius Bergmann stellte seine Produktion ein. Das bestehende Fabrikgebäude wurde dann im Jahre 1936 von Armin Trinks aus Erfurt zur Holzmehlfabrik umgewandelt. Der Ellricher Bahnhof bot die besten Transportbedingungen und das Holzmehl fand bei Gerbereien, in der Metallindustrie und für Pressstoffe einen großen Kundenkreis. Arbeit und Einkommen waren also für die Ortsansässigen gesichert und so ahnte um diese Zeit wohl niemand, dass man in Juliushütte bald auf einem Pulverfass sitzen würde.

   Mit der Errichtung des Konzentrationslagers 1944 sollte sich das Leben der Juliushütter grundlegend ändern. Sie mussten mit ansehen, wie das Lager sich ständig ausbreitete. Wie Häftlinge in die Dunkelkammern eingesperrt wurden, damit sie die Schreie nicht hören sollten, und wie die Scheiterhaufen schwelten.

   Der Lagerzaun wurde mehrmals versetzt und einige Bewohner mussten deshalb ihre Häuser verlassen. Sie wurden nach Ellrich umquartiert. Aber keine Maßnahme konnte verhindern, dass die Bewohner in der Umgebung Zeugen der Unmenschlichkeit wurden.

   Es wird von Bombenabwürfen berichtet, die in Juliushütte einigen Schaden verursachten. Auch die Bewohner bekamen jetzt die nahende Front zu spüren, doch der Krieg sollte nicht mehr lange dauern. Welch ein Aufatmen dann für die Ellricher und die Familien in Juliushütte, als das KZ-Lager geräumt wurde, das Wachpersonal war eiligst verschwunden und der Amerikaner rückte am 12. April 1945 in Ellrich ein.

   Ein Alptraum war vorbei  -  dachte man! Die US-Armee hatte vorher schon den Kohnstein eingenommen und entdeckte die gigantische Rüstungsindustrie in dem unterirdischen Stollensystem. Somit blieben ihnen auch nicht die KZ-Außenlager verborgen, die sich um diese Todesfabrik niedergelassen hatten. So auch in Juliushütte.

   Der Sicherheitszaun wurde niedergerissen. Nachdem die Ortsansässigen das Lager besichtigen konnten (oder mussten), wurde diese grauenhafte Hinterlassenschaft zerstört. Die von den Häftlingen vorangetriebenen Stollen in den Pontelberg wurden als Kartoffellager genutzt und hier und da entstanden aus den Brettern der Baracken Kaninchenställe. Die ausgewiesenen Familien kehrten zurück und die SS-Baracken wurden als Unterkünfte umfunktioniert. Denn der Krieg war noch nicht vorbei und die Front trieb Flüchtlinge und Ausgebombte vor sich her, die alle einen Unterschlupf suchten.

   Der 9. Mai 1945  -  Deutschland ein Trümmerhaufen  -  doch die Waffen sind zum Schweigen gekommen. Der Krieg ist vorbei. Von allen herbeigesehnt, jeder wollte nur noch Ruhe haben. Endlich war es so weit. Doch diese Ruhe war den Juliushüttern nicht vergönnt. Die Menschen wurden erneut dem Terror ausgesetzt.
Ende Juni 45 ziehen sich die Amerikaner zurück, die sowjetischen Truppen besetzen Ellrich. Der Alptraum hat nur die Uniform gewechselt.
Als im Sommer 45 die Demarkationslinie gezogen wird, müssen die Sowjets die Juliushütte verlassen. Ellrich wird Grenzstadt, Juliushütte Niemandsland. Die Menschen sind wieder mit einem Zaun umgeben, dieser ist in den ersten Jahren relativ harmlos und leicht zu überwinden, aber scharf bewacht.
Menschenströme wechseln über die Grenze nach hüben und drüben auf Schleichwegen. Der Zugverkehr zwischen Walkenried und Ellrich ist eingestellt worden und so sollte es über Jahrzehnte bleiben.

   Juliushütte galt als Schlupfloch zwischen Ost und West, für Flüchtlinge, auf der Suche nach ihren Angehörigen, oder Versprengte des Krieges, die auf dem Heimweg waren, und denen, die sich nur im Westen einen Salzhering ergattern wollten. Dieses Schlupfloch wurde aber von der Volkspolizei scharf abgeriegelt. Und so spielten sich wieder unbeschreibliche Szenen des Leides ab. Es wurde geschossen, verhaftet und die armselige Habe der Grenzgänger beschlagnahmt oder von Menschen ohne Skrupel ausgeplündert. So mancher Tote der damaligen Zeit ist zu beklagen, denn nicht jeder schaffte den rettenden Schritt über die Grenze.

   Helfend, aber auch berüchtigt, waren die sogenannten Grenzführer, die den Menschen in der Dunkelheit der Wälder den Weg wiesen. Darunter mischte sich auch der berüchtigte Massenmörder Rudolf Pleil, der in dieser Gegend seine Opfer fand. Erst mit der rigorosen Verschärfung der Grenzanlagen, dem Ziehen des "Eisernen Vorhanges", kehrte die Ruhe in Juliushütte ein.
Doch die Bewohner waren vom täglichen Leben wie abgeschnitten. Arbeit gab es nur in Richtung Westen und die Kinder, die vorher in Ellrich zur Schule gingen, hatten nun einen weiten Weg. Einige Familien verließen ihre Wohnungen.

   Die Völkerwanderung Richtung Grenze hatte aufgehört, so wurde es auch in Walkenried ruhig. Der Feldweg nach Juliushütte wurde ausgebaut, mit Hilfe der Firma Trinks, die ihre Produktion wieder aufgenommen hatte. Zuvor musste aber von der Trafostation am Röseberg Starkstrom verlegt werden, der Osten hatte den Strom gekappt.

   Aber das Fleckchen Erde und die Menschen sollten nicht zur Ruhe kommen. Das Ende von Juliushütte wurde mit dem Brand der Holzmehlfabrik Trinks eingeläutet.
Als am 4. August 1955 die Fabrik in hellen Flammen stand, mussten hunderte von Ellrichern und deren Feuerwehr hilflos zusehen. Ehe die Walkenrieder Feuerwehren das unwegsame Gelände erreichten, war das Schicksal dieser Firma besiegelt. Nach mühseligen Verhandlungen durfte dann auch die Ellricher Feuerwehr durch den Zaun, doch es war zu spät. Übrig blieben verkohlte Fabrikmauern und einige Familien verloren ihr Heim.
Mehr und mehr Bewohner hatten nun ihre Wohnstatt verlassen und den Übriggebliebenen wurde die Entscheidung aus der Hand genommen.
Dieser, damals unbewaldete Flecken mit den verkohlten Überresten und den Lagertrümmern bot sich für die DDR als idealer Propagandaplatz an: "Hier, seht es euch an, das ist der goldene Westen".

   1963 besuchte der Bundesminister für Gesamtdeutsche Fragen, Dr. Rainer Barzel, auf Initiative eines Landtagsabgeordneten, die Zonengrenze. Über die Zukunft von Juliushütte musste entschieden werden. So konnte es nicht bleiben.
Auf Beschluss der zuständigen Gremien und der Bundesregierung wurde 1964 Juliushütte gesprengt, abgeräumt, planiert und ausgelöscht. Und somit wurde man auch gleich ein unrühmliches Erbe los, das KZ-Lager "Erich" !

   Unwegsam und von der Grenze abgeschüttet, wuchs mit den Jahren ein kleines Paradies heran. Nur noch wenige Mauerreste und der kleine Gedenkstein erinnern nach dem Wegfall der Grenze an die leidvolle Geschichte dieses kleinen Ortes.

Juliushütte hat seinen Frieden gefunden !      Zurück


Gedenken am kleinen Gedenkstein, u. a. van Hoey und Monicke Jugend für Dora: Vortrag von Häftlingserinnerungen
Gedenkfeier 2001 am kleinen Gedenkstein, 2. und 3. von rechts: Herr van Hoey und Frau Monicke Gedenkfeier 2001 im unteren Lagerbereich, Mitglieder des Vereins Jugend für Dora lesen aus den Erinnerungen von Häftlingen vor.



Dipl.-Geol. Firouz Vladi

STAMMLAGER WIEDA DER III. SS-BAUBRIGADE UND DER TODESMARSCH

Ein Bericht vom Bau der Helmetalbahn, den KZ-Häftlingslagern im Südharz, von der Zwangsarbeit in den Jahren 1944-45 und den Todesmärschen im April 1945

   Die ersten Planungen zum Bau einer Bahnlinie am Südharz durch die Königreiche Preußen und Hannover in der Mitte des 19. Jahrhunderts sahen bereits eine Trasse im Helmetal als direktester Verbindung vor. Die Einflussnahme Braunschweigs und der industriereicheren Südharzorte zwischen Wieda und Ellrich führte statt dessen zur heute noch betriebenen, näher am Harzrand über Walkenried verlaufenden Linie. Impulse zur Erschließung des Helmetals durch die Stadt Nordhausen blieben um 1898 - 1902 ohne Erfolg. Die noch heute bestehende Bahn über Walkenried wurde am 1. 8. 1869 in Betrieb genommen.

   So konnte die dringende Anpassung der Bahnkapazität an die wachsende Rüstungswirtschaft um das Mittelwerk im Raum Nordhausen 1944 mit der Umgehungsbahn Osterhagen - Nordhausen auf bestehende konkrete Planungen im Helmetal zurückgreifen. Die neue Bahn wurde nie fertig. Nach Krieg und deutscher Teilung sank die alte, einstige Gütermagistrale am Südharz fast zur Bedeutungslosigkeit herab. Nach der Grenzöffnung 1989 gewann sie als gut verknüpfte Regionalbahn im Personenverkehr wieder an Bedeutung.

   Am 18. August 1943 war Peenemünde auf der Ostseeinsel Usedom von der britischen Luftwaffe zerstört worden. Um die dort unterbrochene Serienproduktion der V2-Rakete fortführen zu können, wurde am 26. 8. 1943 durch das Ministerium für Rüstung beschlossen, die Produktion in den relativ sicheren Höhlen und Stollen der mächtigen Südharzer Gips- und Anhydritschichten, insbesondere im Kohnsteingebiet zwischen Ellrich und Nordhausen neu einzurichten. Dazu war eine Ausgliederung des zivilen Bahnverkehrs aus dem sich zum Rüstungszentrum entwickelnden Raum Ellrich - Woffleben - Niedersachswerfen erforderlich.

   Im Mai 1944 erteilte die Mittelwerk GmbH in Halle an die Reichsbahn den Auftrag zur Projektierung und übertrug ihr die Bauleitung; die Reichsbahn schuf hierfür ein Neubauamt in Nordhausen unter Leitung von RB-Direktor Joseph Merkel. Die Aufsicht über das Bau-Projekt hatte der SS-Führungsstab B 13 inne mit Sitz im Gut Bischofferode bei Woffleben als Teil des Sonderstabes Kammler. Die Bauausführung lag bei der Fa. Julius Berger, Berlin-Lichterfelde, die zumindest 2 Bagger in Einsatz brachte und bei der III. und IV. SS-Baubrigade. Das Bauprojekt bestand in der Herstellung einer zweispurigen Reichsbahn-Hauptstrecke von 22 km Länge. Gebaut wurde in drei Bauabschnitten: Hesserode, Günzerode und Mackenrode - Osterhagen.

   SS-Baubrigaden wurden ab 1942 gegründet und dienten vornehmlich der Bomben- und Trümmerräumung in den getroffenen westdeutschen Großstädten. 1942 entstand die III. SS-Baubrigade mit 311 Buchenwald-Häftlingen in Köln-Deutz (Messelager), sie wuchs auf 1.300 Mann an. Im Mai 44 wurde sie unter Austausch der Häftlinge in den Südharz verlegt.
Ab 1. 10. 44 war die Brigade unmittelbar zu Dora gehörig. Das Stammlager der III. SS-Baubrigade wurde in Wieda eingerichtet. Drei Außenlager wurden im Juni in der Nähe der Baustelle eingerichtet: Osterhagen, Nüxei und Mackenrode. Zur Baustelleneinrichtung bestand noch ein Werkstattkommando in Tettenborn-Bahnhof.

   Die IV. SS-Baubrigade entstand 1943 mit 500 Mann in Wuppertal und wurde ebenfalls im Mai 44 in den Südharz, hier nach Ellrich verlegt, wo das Stammlager Bürgergarten eingerichtet wurde. Dort wuchs sie auf 1500 Mann an. Diese Brigade hatte ein Außenlager in Günzerode und ein Kommando in Kleinwerther in der Gaststätte Linsel. Die Wachen der Lager bestanden mit je ca. 12 - 24 Mann aus SS, der Luftwaffe und zum Wachdienst eingeteilten Kapos, meist "Grüne", d. h. deutsche Kriminelle.

   Dieser Beitrag geht nur auf die III. SS-Baubrigade und ihr Schicksal ein. Er schöpft neben wieder aufgefundenen Bauakten des Bauabschnittes Mackenrode - Osterhagen, die jetzt in der KZ-Gedenkstätte Mittelbau-Dora archiviert sind, vorwiegend aus den schriftlichen und überwiegend publizierten Berichten mehrerer überlebender Häftlinge aus Frankreich und den Niederlanden, die hier auszugsweise im Wortlaut zitiert werden. Der Beitrag sieht zwar den Raum der Gemeinde Wieda aus Anlass der heutigen Tagung im Mittelpunkt. Die Ereignisse um das KZ-Außenlager Wieda zu verstehen, dazu bedarf es der Vorgeschichte, der Betrachtung des Häftlingseinsatzes in den Außenlagern vom Stammlager Wieda und der über den engeren Raum hinausgreifenden Ereignisse der Todesmärsche, in denen sich für so viele aus der III. SS-Baubrigade das Glück der zum Greifen nahen Befreiung nicht erfüllte.

Lager Mackenrode

Aimé Bonifas, evang. Pfarrer aus Frankreich kommt nach Mackenrode; er hat seine Erlebnisse gleich nach seiner glücklichen Befreiung publiziert, auch auf Deutsch (in der DDR):
"Das Lager befindet sich direkt bei dem Dorf Mackenrode. Wir können alle Häuser erkennen und den hohen Turm einer evangelisch-lutherischen Kirche. Der Anblick dieser Kirche wird mir in den folgenden Tagen oft ein Rätsel. Ich habe nicht zu richten, und ich weiß nicht, wer die sind, die sich dort versammeln, aber wie kann man so dicht bei solchen Ungerechtigkeiten vom Himmel reden?"
Bonifas schildert die Arbeitsbedingungen:
"Ein Kapo erklärt, daß er starke Männer braucht. ... Wir marschieren drei Kilometer und kommen in einen schönen Buchenwald, in dem riesige Bäume geschlagen sind. Nach einer sehr kurzen Erklärung müssen wir sofort unter Anleitung eines stark schielenden Meisters und angetrieben von einem Kapo, der ostentativ mit seinem Knüppel herumspielt, alle Zweige von den Bäumen abhacken... Am Boden liegt eine erhebliche Anzahl riesiger Stämme, und man macht uns klar, daß wir sie von hier fortschaffen müssen.
Während wir uns noch fragen, mit welchen Hebeln und Flaschenzügen wir sie vom Platz bewegen könnten, stürzt sich der Kapo auf uns, schäumend, sichtlich empört, weil wir nicht verstehen, daß wir sie mit unseren eigenen Armen wegbringen müssen. Als ein Kamerad ihm erwidern will, daß das über unsere Kräfte geht, kriegt er belehrende Fußtritte, damit er die Grundbegriffe kapiert. Das ist ihre Kultur, die auch in ihrer gemeinen Redeweise zum Ausdruck kommt. Wir haben vergessen, daß wir auch hier wie überall in Deutschland nur Sträflinge sind und daß wir nur eins zu tun haben: Schnauze halten und krepieren. Unter einem Hagel von Faustschlägen und Fußtritten müssen wir uns die Technik der großen Sklavenarbeiten aus der Antike aneignen. Mithilfe von Knüppeln.. und sechzig Mann pro Stamm gelingt es uns, den Stamm hochzuheben...
Unsere Bekleidung, die infolge der Waldarbeit in einem erbärmlichen Zustand ist, wird nicht ersetzt. Es gibt im Lager keinerlei Bekleidung zum Austauschen. Wir tragen seit drei Monaten dasselbe Hemd, haben keinen Pullover, keinerlei Regenschutz. Wir sind durchweicht von Schneegestöber. Das Wasser ist so kalt, daß selbst die mutigsten Leute sich nicht mehr waschen. Ungeziefer tritt auf, und wir kratzen uns bis aufs Blut. Ich geh mit Schuhen ohne Sohlen durch den Schnee und den Schlamm. Den ganzen Tag stecken meine Füße in diesem eisigen Bad...Die Lokomotiven, die unsere Loren ziehen, stehen aus Kohlemangel oft still. Man merkt sehr wohl, daß es um das Transportwesen im Kriegsdeutschland nicht zum besten bestellt ist."

Lager Wieda

   Hier wurde am 11. 5. 1944 die Hauptstelle der SS-Baubrigade III unter Führung von SS-Obersturmführer Karl Völkner aus Halberstadt mit 311 Häftlingen eingerichtet. Die Einrichtungsgegenstände wurden mit 12 Waggons, verladen auf Rollböcken der Südharzeisenbahn, aus dem Rheinland nachgeliefert. Das Lager entstand im alten, 1890 errichteten und 1944 leerstehenden Schützenhaus östlich der Hauptstraße in Wieda unterhalb des Friedhofes. Das Gelände samt Schützenplatz war rechtwinklig eingezäunt und mit Postentürmen in den vier Ecken ausgestattet. Das noch heute vorhandene Schießhaus wurde als Verpflegungsbaracke hergerichtet.

   Die Trinkwasserversorgung des Lagers erfolgte vom Brunnen im Eulental aus und über einen eigenen, etwa 200 m oberhalb gelegenen Sammelbehälter. Südlich an das Lager angrenzend lag die Försterei West in Wieda, die aus einem vom Hang offen zulaufenden Graben mit Trinkwasser versorgt wurde, der offen auch durch die Südostecke des Lagers führte. Auf dem Weg zum südöstlich der Umzäunung befindlichen Lagerschuppen mussten Insassen und Wachmannschaften den Graben queren. Hierdurch wurden Beschwerden der Försterei über eine Verunreinigung des Wassers laut.

   Weiter westlich gegenüberliegend (heute Freifläche mit Garage an der Wieda) wurden weitere, ebenfalls eingezäunte Baracken errichtet, eine davon enthielt die Sanitätsabteilung. Zu deren Wasserversorgung wurden zwei noch vorhandene Brunnen an der Herrenwiese genutzt. Neben dem Lager bestanden im Bereich des heutigen Trafohäuschens zwei Baracken für die bewachenden Luftwaffensoldaten mitsamt einem Friseur; bei letzterem haben sich auch Wiedaer Bürger die Haare schneiden lassen. Ergänzt wird das Ensemble durch den Kfz-Park mit Garagen.

   Orset schreibt 1948:
"Parallel zur Straße standen die beiden Hauptgebäude. Das erste Gebäude rechts vom Eingang, ein alter Bau mit Spitzdach, der bereits vor dem Entstehen der ersten Konzentrationslager gebaut sein mußte, war in Speisesaal, Schreibstube, Revier und Schlafraum unterteilt. Außerdem gab es dort ein kleines Gemüselager und die "Kammer" - eine Art Bekleidungskammer. Das zweite Gebäude war neu und nicht so massiv. Es enthielt Aufenthaltsräume, die Küche mit großen verschließbaren Kesseln, die sehr ordentlich waren. Außerdem gab es hier die "Schälküche" und einen Kohlenbunker. Rechts auf dem Hof, im rechten Winkel zu den beiden Hauptgebäuden, waren die Tischlerei, die Schmiede, die Duschen und der Abort. Ein wenig höher, in der Ecke, stand ein altes Steingebäude, dessen Keller als Lager für die Aufbewahrung von Karotten diente. Hinter der Küche war das Holzlager mit Fichtenstämmen zum Heizen. Dort standen auch die Aschkübel.
Ich möchte noch erwähnen, daß links am Lagereingang ein Postenhäuschen der SS war. Einige weitere Dinge waren noch mit Stacheldraht eingezäunt. In einem Schuppen standen einige Autos des Typs Citröen, die man in Frankreich gestohlen hatte. Alles sah recht ordentlich aus. Auf dem Hof zu spucken bedeutete Prügel. Auf den Hof zu pissen, hieß, wieder in die Hölle nach Osterhagen zurückgeschickt zu werden. Das Lager wurde von der SS geleitet. Es wurde von älteren Posten bewacht. Im Lager gab es einen Blockältesten, genannt der "Irre", ein politischer Deutscher, der seine Haftjahre nicht mehr zählen konnte. Er unterstand "Jacob", einem "Grünen" mit schriller näselnder Stimme, der Lagerältester war."

   Die Funktionen der Hauptstelle lagen in der Verwaltung, Verpflegung, Versorgung (Wäschelager) und Krankenpflege ("Revier") für die drei Außenlager an der Bahnbaustelle. Die im Lager untergebrachten Häftlinge wurden, soweit sie nicht im Lager selber arbeiten mussten, als Bauhandwerker morgens mit dem Zug nach Niedersachswerfen zum Barackenbau verbracht. Die Bewachung des Lagers erfolgte durch Luftwaffenangehörige, die gleichwohl zu den Häftlingen ein sehr gutes Verhältnis gehabt haben sollen.

   Nach dem 20. 7. 1944 wurde eine Sichtblende um das Lager gebaut, um den bis dahin recht freizügigen Kontakt mit der Bevölkerung zu unterbinden. Auf dem Schützenplatz soll es nach Feierabend zeitweilig wie auf dem Jahrmarkt mit musizierenden Gruppen von Häftlingen zugegangen sein. Gelegentlich wurden die Häftlinge zum Baden im Löschteich am Silberbach oder zum Fußballspiel gegen die Luftwaffenmannschaft durchs Dorf geführt, wobei der "Gefangenenchor" aus "Nabucco" gesungen wurde. Wiederholt wurden Häftlinge auch zu Zivilarbeiten in Wieda eingesetzt, wohin einige gefährdete großstädtische Betriebe ausgelagert wurden. Für gelernte Häftlinge mussten 6, für ungelernte 4 Reichsmark an Tagesmiete gezahlt werden.

   Zweiter Lagerführer war der in Dora wie zuvor in Mauthausen eingesetzte und berüchtigte SS-Oberscharführer Freys aus Köln. Anfang Juli hatte Freys in der Führung der III. SS-Baubrigade den wegen seiner nachsichtigen Haltung abberufenen SS-Obersturmführer Karl Völkner abgelöst. Lagerkommandant wurde nach dem 20. 7. 1944 dann SS-Obersturmführer Behrens, der später von SS-Untersturmführer Karl Merkle aus dem Banat abgelöst wurde. Erster hatte die Lagerordnung unverzüglich verschärft. Letzter war dann noch für die Evakuierung verantwortlich, hatte aber während dieser die Brigade im Stich gelassen, indem er sich am 9. April in Zivil absetzte.

   Als Lagerältester und Kapo diente in der Schreibstube der französische Häftling Georges Pieper, der zuvor die gleiche Funktion in der Schreibstube von Dora innehatte. Bei der späteren Evakuierung ist er nach eigenen Angaben bis Gardelegen gelangt, habe die dortigen Massaker überlebt und war bereits Anfang Mai 1945 wieder in Wieda, wo er alsbald zahlreiche Einzelheiten dieser Ereignisse wiedergeben konnte.

   Vom Stammlager wurde mittags warme Suppe als Verpflegung für die Arbeiter am Bahndamm mittels Kraftwagen versandt. Nur vereinzelt gelangten Kranke zur Pflege nach Wieda, so am 6. 12. 1945 Aimé Bonifas; die meisten Kranken blieben auf der Baustelle, bis sie bei der Arbeit tot zusammenbrachen.

   74 Todesfälle, davon 2 Erschlagene, sind für die III. Baubrigade in Wieda registriert worden. Die Zahl muss deutlich höher liegen, da viele Kranke auch nach Dora verlegt wurden und dort starben. Hierauf weist Albert van Dijk hin, der als Heizer auf der Feldbahnlok tagtäglich das Gebiet zwischen Tettenborn und Mackenrode abfuhr und so über die Geschicke der Häftlinge recht guten Überblick erlangen konnte. Allein im März 1945 wurden 27 Tote aus den Lagern Wieda und Günzerode im Krematorium in Ellrich (Lager Erich/Juliushütte) verbrannt.

Bonifas (S. 140-45):
"Am 6. Dezember, einem eisigen Tag, verlasse ich Mackenrode Richtung Wieda. Weil ich im Lazarett keine Kleidung brauche, zwingt man mich, meine Jacke und meine Hose für einen anderen Gefangenen dazulassen, und steckt mich halbnackt auf das Verpflegungsfahrzeug. Das ist offen und fährt schnell. So gut ich kann, presse ich mich an die Kabine. Bei der Ankunft bin ich buchstäblich erstarrt von der Kälte, man muß mich herunterheben.... Nach dem anstrengenden Transport - wenn ich Fieber gehabt hätte, wäre ich unterwegs gestorben - erlebe ich die köstlichsten Stunden, die man sich vorstellen kann. Man zieht mir meine Wäsche aus, sie wird zur Desinfektion gegeben, und steckt mich in ein Vollbad mit warmen Wasser... es ist eine Rückkehr ins Leben. Ich wasche mich von Kopf bis Fuß mit Seife und warmen Wasser, ein Luxus, der mir seit 6 Monaten nicht widerfahren ist. Man muß unter dem Schmutz gelitten haben wie wir, um die Wollust zu verstehen, die ich empfinde... Ein Arzt untersucht mich... zum Glück ist es wieder ein französischer Arzt, Dr. René A[utard] aus Gap...
Vierzehn Tage darf ich im Bett verbringen. Der Doktor läßt mich solange darin, wie er Platz hat...Wir bekommen als Kranke oft Nachschlag, manchmal sogar Milch. Die Nähe der Küchen bringt es mit sich, daß wir besser versorgt werden als die entfernteren Lager, die es doch so dringend nötig hätten... Am 23. Dezember muß ich das Revier verlassen... Während ich darauf warte, wieder in ein Arbeitslager verschickt zu werden, beschäftigt man mich damit, Gemüse für die Küche zu putzen... So verbringen wir unser zweites Weihnachten in Gefangenschaft, in Feindesland, in einer Welt im Krieg, hinter elektrisch geladenem Stacheldraht unter dem Terror der SS."

   Die schwierigeren medizinischen Fälle wurden unmittelbar im KZ Mittelbau-Dora behandelt. Wie eine solche "Therapie" aussah, beschreibt Orset recht unvergesslich:
"Halberfroren kamen wir in Dora an. Der Lkw hielt in der Nähe von "Mineralwasser". Man half mir abzusteigen. An diesem Morgen war der große Zeh meines rechten Fußes erfroren. Den ganzen Winter über litt ich daran. Selbst als es dann Sommer wurde, verspürte ich noch Schmerzen. Die Tagschicht rückte zur Arbeit in den Tunnel ein. Ich sah kein bekanntes Gesicht. Die anderen drehten sich nach uns um und machten ihre Bemerkungen über unseren körperlichen Zustand und den Zustand unserer Kleidung. Manchmal hoben sie ihre Schultern, wie um uns zu fragen. Wir sagten nur: "Osterhagen". Damit war unsere Situation schon erklärt.
Unser Posten aus Wieda begleitete uns und brachte uns zum Revier. Der französische Arzt, der mir vor acht Monaten Holzkohle gegen Durchfall gegeben hatte, untersuchte uns. Unser ganzes Elend war sehr offensichtlich. Der Arzt rief die anderen Mediziner hinzu und sagte: "Hier sehen sie die Ergebnisse aus Osterhagen. Sehen sie sich die Männer an, die man uns geschickt hat." Er stellte uns auch einem jungen und lebhaften SS-Offizier vor, der gerade vorüberging. Es war der Revierarzt. Aber dieser zeigte kein Interesse an uns drei Skeletten. Ein sympathischer Belgier horchte uns ab. Wir wurden geröntgt. Nur ein einziger von uns wurde als krank aufgenommen. Wir standen der Situation ohnmächtig gegenüber. Wir durften nicht in Dora bleiben. Per Lkw ging es zurück nach Wieda."

   Von sechs Häftlingen berichten Aimé Bonifas und Albert van Dijk, die am Vorabend der Evakuierung beim Einsturz von völlig überbelegten, mehrstöckigen Bettgestellen zu Tode kamen. Sie wurden morgens am 7. April notdürftig am Waldesrand verscharrt. Auf dem Friedhof der Gemeinde Wieda weist ein Grabkreuz auf diese, auf Veranlassung der Alliierten von dem ehemaligen Lager nach dort umgebetteten "sechs unbekannten KZ-Angehörigen" hin.

   Paul Rassinier, er war nicht in der Baubrigade, berichtet aus dem Krankenrevier in Dora über einen Lagergenossen aus dem Stammlager Wieda:
"Vorher hatte ein Häftling neben mir gelegen, der einen Monat in Wieda zugebracht hatte; er hatte mir erzählt, daß die 1500 Insassen dieses Lagers nicht allzu unglücklich waren. Natürlich mußte man arbeiten und bekam auch wenig zu essen, aber man lebte wie in einer Familie: am Sonntagnachmittag kamen die Dorfbewohner zum Tanz außerhalb des Lagers beim Klang der Akkordeons der Häftlinge, wechselten freundschaftliche Gespräche mit ihnen und brachten ihnen Lebensmittel. Anscheinend war dies aber nicht von Dauer, die SS bemerkte es, und in weniger als zwei Monaten ist Wieda ebenso hart und unmenschlich geworden wie Dora."

   Erst nach der Evakuierung am 7. 4. 1945, und zwar in der Nacht vom 14. auf den 15. April brannte das Schützenhaus nieder. Ein amerikanisches Aufklärungsflugzeug beobachtete am 16. April Personen mit offensichtlich verdächtigen Tätigkeiten in dem Lagergelände. Durch eine daraufhin von Bodentruppen aus östlicher Richtung abgefeuerte Granate ist ein Wiedaer Bürger ums Leben gekommen. Zu diesem Zeitpunkt war aber das Schützenhaus bereits, möglicherweise infolge Brandstiftung, abgebrannt.

   Wieda wurde dann am 18. April 1945 von amerikanischen Einheiten eingenommen. Zuvor bereits wurden die verlassenen Lagergebäude von den Dorfbewohnern geplündert. Die blauweiße Lagerbettwäsche fand sich später umgearbeitet zu Schürzen und Gardinen im Dorfe wieder. Auch Möbel und zurückgelassene Lebensmittel wurden mitgenommen.

   Drei in Ufernähe zur Wieda stehende Baracken sind erst durch ein Hochwasser 1947 unterspült und danach abgerissen worden. Nach dem Krieg war im Lagerbereich östlich der Straße eine Schmierseifenfabrik (Marke "Erama") eingerichtet. Die Fläche ist in jüngerer Zeit mit Wohnhäusern und einem Gewerbebetrieb bebaut worden. Seit dem 11. April 2000 weist eine Gedenktafel, die an der Friedhofsecke schräg gegenüber errichtet wurde, auf das Lager hin. Sie wurde von der Arbeitsgemeinschaft Spurensuche in der Südharzregion zusammen mit der KZ-Gedenkstätte Mittelbau-Dora gefertigt, zusammen mit der Gemeinde Wieda installiert und anlässlich des "Marsches des Lebens" in Erinnerung an den Todesmarsch der III. SS-Baubrigade eingeweiht.

Lager Nüxei

   Dieses Lager wurde ab dem 19. 6. 44 von einem Vorauskommando von 100 Mann errichtet, das selber für diese Aufgabe in der Scheune des Rittergutes Nüxei untergebracht war. Seine Aufgabe war die Herstellung des eigentlichen Lagers am Steina-Ufer, wo unweit bereits ukrainische Zwangsarbeiterinnen in einem Wohngebäude untergebracht waren. Die Belegung des KZ-Außenlagers Nüxei erfolgte dann am 3. 7. 44 mit 300 Mann.

   Albert van Dijk, ein junger Holländer beschreibt Nüxei als fast erträglich:
"Ein schwarzer Kapo, ein Luxemburger namens Hans Weber war eine Bestie sondergleichen, der keinen anderen Zweck hatte, als Häftlinge 'fertigmachen'. Er hatte es besonders abgesehen auf die Franzosen. Während er tobte auf der Baustelle war ihm der Belgier Joseph Fruyt, Häftlingsnummer 43717, aufgefallen, dem er seitdem keine Ruhe ließ, und ihn endgültig ins Verderben stieß. Allein oder zusammen mit dem polnischen 'Burschen' des grünen Block-Lagerältesten, dessen Namen ich nicht mehr erinnere, trieb er sowohl draußen auf der Baustelle wie im Lager sein Unwesen. Sogar die Bewachungsmannschaften hatten Angst vor ihm. Aber die Lagerführung ließ ihn gewähren, da er die ihr von der SS aufgezwungene Gewaltherrschaft aus den Händen nahm. Auf der Baustelle konnte ich ihm ausweichen, aber im Lager war ich, wie die Kameraden, seinen Erniedrigungen ausgesetzt.
Bei Anbruch der schlechten Jahreszeit wurde unsere Misere noch ärger. Morgens nach dem Wecken mußten wir zum Appell im Regen antreten, tagsüber zwölf Stunden auf der Baustelle im Regen arbeiten, zum Abend im Dunkeln zurück ins Lager, naß und verdreckt, übermüdet und ausgepowert, ohne Hoffnung, sich den Bauch füllen zu können. Die paar Fetzen von Kleidung auf dem Leib, naß bis auf die Knochen, steif vom Matsch, keine anderen, trockenen Sachen zum Wechseln, und kein Ofen um sich zu wärmen: die nassen Sachen mußten auf dem eigenen Körper während der Nachtruhe trocknen. Vor Kälte aber konnten wir nicht schlafen. Decken hatten wir schon längst nicht mehr, sie waren für russische Strümpfe - Fußlappen - aufgebraucht worden... Als Heizer auf der Lok hatte ich jedenfalls die Gelegenheit, meine nassen Klamotten am anderen Tage trocknen zu lassen und meinen unterkühlten Körper im Führerhaus aufzuwärmen... Auf der Lokomotive konnte ich mich täglich mit dem warmen Wasser des Dampfkessels waschen. Der Lokführer wollte sich ja mit meiner Person nicht zugleich ein Läusetheater auf der Lok halten... Ich verkehrte in einer beneidenswerten Position, ebenso wie die Jungs in der Schmiede der Werkstatt bei Tettenborn. Das Werkstattkommando war - verglichen mit dem Kommando auf der Baustelle - ein Sanatorium -, wo man gegen die Witterungsunbilden geschützt war."

   Albert van Dijk erlebte hier sein schlimmstes Weihnachtsfest:
"So wurde es wieder Weihnachten, das dritte bereits für mich hinter Gitter und Stacheldraht. Auf dem Appellplatz war ein großer, aus dem Walde des Landwirtes Wilhelm Walter herbei geschleppter Tannenbaum errichtet worden, darunter ein Korb mit Geschenkpäckchen der evangelischen Gemeinde Mackenrode. Am Heiligen Abend mußten wir uns rings um den ausgeschmückten Baum aufstellen. Da war ein Kirchenchor aus Mackenrode, der Weihnachtslieder für uns sang. Die deutschen Kapos und Vorarbeiter sangen gemeinsam mit den Soldaten der Bewachung Weihnachtslieder... Vor Strafe, da sie sich weigerten zu singen, standen die fast zu Eissäulen erfrorenen Häftlinge länger als zwei Stunden mit leerem Magen und in bedürftigster Kleidung bei klirrendem Frost um den Weihnachtsbaum. Auch das Stampfen mit den Füßen wegen der Kälte war verboten. Die Leute vom Kirchenchor waren weggegangen, nach Haus zum warmen Herd. Den Korb mit den Päckchen hatten sie - schimpfend über die "Unverbesserlichkeit" - wieder mitgenommen. Aus dem Fenster des Landwirtes strahlte Kerzenschein, es erklangen fröhliche Kinderstimmen aus dem Hause. Der Zeiger der Mackenröder Turmuhr war auf zwölf vorgerückt. Die Christnacht hatte begonnen."

   Marcel ORSET, ein junger französischer Tiefbauingenieur beschreibt in seinen 1948 publizierten Erinnerungen (Misere et Mort) Nüxei:
"Nüxei; das war ein langsamer Todeskampf, schlimme Erinnerungen an den Winter dort, erfrorene Füße, eine schlimme Verletzung am Bein; die Gefahr des Abtransports, der Vernichtung, tote Kameraden. Die Arbeit? Wie in Osterhagen, nicht ganz so brutal. Das Leben im Lager? Viel Elend. Im Vergleich zur Hölle von Osterhagen und wenn es Sommer gewesen wäre, hätte man es aushalten können. Weihnachten kam. Ich habe Hundefleisch gegessen. Es stammte von einem alten Wolfshund der SS, der wegen Rheuma erschossen worden war. Es kam der 1. Januar; das neue Jahr begann. Ich hatte weder eine Hose noch irgendeinen Fetzen, um meine Nieren zu schützen. ... Zwei Reihen Lattenroste bedeckten den Boden des Hofes (Appellplatzes). Vor der Küche stand ein schweres Wasserfaß, typisch deutsch. Es war meistens leer wie in Osterhagen. Aber hier wurde auch noch jeden Morgen das Pferd eines Bauern aus der Umgebung getränkt.
Der Lagerführer war angeblich ein Österreicher, der nicht so schlecht war. Der Lagerälteste war ein Häftling aus Luxemburg. Er schielte. Er hatte zahlreiche Juden in Dora getötet und zeigte auch hier ein schlimmes Verhalten. Der Blockälteste, ein deutscher Krimineller, war ganz annehmbar. Ich möchte auch "Thomas" nicht vergessen, ein schrecklicher und dünner "Küchenbulle" mit einer langen, ständig laufenden Nase. Er war Pole. Thomas bereitete morgens den Kaffee und teilte die Margarine aus. Dabei wütete er vor sich hin, schniefte und schlug um sich. Er trieb Handel mit "Priem", verteilte Schuhe, schlug mit seinem Knüppel, begleitet von seinem unverkennlichen Brummen. Ich kann mich gut an dieses Individuum erinnern. Er hat uns in einer Geste der Mildtätigkeit Hundekuchen gegeben, der aus Knochenmehl hergestellt war. Wir haben ihn uns etwas zurechtgemacht.
Die müde und erschöpfte Kolonne kam spät in der Nacht wieder zurück. Es war ein unbeschreiblicher Elendszug. Es war höchste Zeit, daß sich diese Unglücklichen ausruhen konnten. Sie führten einen Toten mit, der kurz vor dem Lager zusammengebrochen war. Es war Pierrot, der Student, 20 Jahre alt. Ich hatte ihn schon in Osterhagen kennengelernt. Unsere Bestürzung war groß. Das ganze Lager fühlte mit dem Franzosen und legte eine Schweigeminute ein.
Am Samstag befahl der SS-Lagerführer dem Tischler, einen Sarg aus rohem Holz zu machen. Das war ein roher und brutaler Pole. Am Nachmittag rief der Lagerführer unter den Fußkranken die Franzosen heraus. Wir hatten verstanden. Als wir alle zusammen waren, standen der SS-Mann und der polnische Tischler in der Tür des Waschraums und grinsten. Wir waren drei: Iwan, ein Belgier und ich. Wir sollten den Verstorbenen entkleiden. Wir wurden dazu gezwungen, es zu tun. Ich spüre noch, wie der leblose Kopf des Toten auf meinen Armen lag. Als der elende Körper, weiß und mit roten Haaren, in dem aus Holzresten zusammengezimmerten Sarg lag, sangen Iwan und ich die Marseillaise. Aber der Pole hinter der Tür hatte es gehört und öffnete die Tür. Wir hatten große Angst, daß er uns denunzieren würde. Am Abend, zwischen zwei Luftalarmen, schnitzte der junge Robert Mesplede ein kleines Holzkreuz, damit der Tote nicht nackt und ohne Segen unter die Erde kommen würde.
Am nächsten Tag, Sonntag, dem 28. Januar, kurz vor Einbruch der Nacht, zogen sechs Franzosen, die von zwei Posten bewacht wurden, einen Schlitten mit dem Sarg zum Friedhof. Einer der Posten, der eigentlich immer ziemlich brutal war, verhielt sich dieses mal ganz ordentlich. Der zweite Posten war ein dicker Bauer aus dem Rheinland. Er sagte in seinem Dialekt zu seinem Kameraden, als wir auf dem Friedhof waren: "Armer kleiner Franzose. Du bist für dein Land gestorben." Das schien er ehrlich zu meinen. So hat Pierrot, der Student, einen Sarg bekommen und wurde in dem Dorf Steina, auf der Westseite eines deutschen Friedhofs, ohne Grabstein und ohne Inschrift beerdigt."

Lager Osterhagen

   Die Einrichtung erfolgte am 5. 7. 44 mit 300 Mann in einer ehemaligen Ziegeleigrube, sogar ohne Zustimmung des Eigentümers. Kaum Trink- bzw. Waschwasser gab es, nur aufgeweichten Boden in dieser Tongrube.

   Bonifas kommt nach einem Revieraufenthalt in Wieda nach Osterhagen:
"Im schnellen Tempo trägt uns der Lastwagen davon, ich habe keine Ahnung, in welches der drei Zweiglager von Wieda. Im stillen hoffe ich, nach Mackenrode zurückzukehren... Plötzlich Wachttürme in einer weiträumigen Ödlandschaft, ein Name, den wir nicht für wahrzuhalten, nicht auszusprechen wagen, er schnürt uns die Kehle zusammen: Osterhagen, das berüchtigte Straflager mit seinem üblen Ruf. So werde ich, bloß weil die Lücken aufgefüllt werden müssen, weil das Untier weiterschlingen muß, in dieses höllischste Lager verschickt. In einer Senke des Geländes, versteckt für neugierige Blicke, stehen drei Baracken. Ein richtiges Todesloch, kein Baum in der Nähe, nur eisige Öde, eine trostlose Gegend. Es ist zum Heulen. Hier verzichtet man auf die nationalsozialistische Dekoration. Der Mensch zählt schon nicht mehr. Man macht nicht einmal mehr den Versuch, ihn 'umzuerziehen'. Er hat nur noch auf seinen Tod hin zu leben!
Bei unserer Ankunft kommen einige Häftlinge heraus. Was sofort ins Auge fällt, ist ihre unglaubliche Verschmutzung. Sie sind abgemagert, ihre Bekleidung ist zerrissen, ihre Blicke sind scheu... Unter den rund dreißig Franzosen im Lager kenne ich einige, die mit uns in Laura zusammen waren... Doch hier bin ich mehr als anderswo erschüttert von ihrem Ausdruck wie gehetzte Tiere. Sie tragen den Stempel eines maßlosen Leidens. Was für ein Weihnachtsgeschenk, in Osterhagen zu stranden."

   Orset berichtet aus Nüxei über das Lager Osterhagen:
"Am Mittag fragte mich Eugène, ein sympathischer junger französischer Tierarzt, der den russischen "Arzt" zeitweise vertrat: "Weißt du überhaupt, wo unsere Kameraden hingekommen sind? Nach Osterhagen. Du hast Glück gehabt, daß du nicht laufen konntest." Man hat sie zum Sterben in jene Hölle nach Osterhagen gebracht, wo es keine Kranken geben durfte. Von dort hat man sie in ungeheizten Waggons vor Anbruch des Tages nach Ellrich geschickt zur Arbeit. Erst am Abend wurde uns dieser ganze Zynismus klar. Osterhagen schickte alle Kranken, die nutzlos waren, nach Nüxei. Und von dort erhielt das Lager Osterhagen die gleiche Zahl an Häftlingen wieder zurück, die noch zur Arbeit taugten. So befreite sich Osterhagen von allem unnützen Ballast."

   Bonifas verlässt Osterhagen:
"Die Alarme folgen aufeinander. Häufig hören wir das Geräusch der Bombenangriffe. Auf dem Bahngleis fahren Militärtransporte durch. In einer Nacht erschüttert eine heftige Explosion unsere Baracke. Als wir morgens zur Baustelle gehen, sehen wir, daß eine Lokomotive auf den Gleisen ausglüht. 'Da haben sie nicht vorbeigeschossen!'
... Man sieht Planwagen von Bauern vorbeifahren, die aus dem Osten fliehen... Man spürt, daß sich etwas ganz Großes vorbereitet... [Ostern 1945] Am 2. und 3. April nehmen wir unsere Arbeit wieder auf... doch wir spüren an tausend Anzeichen eine wachsende Unruhe. Der Volkssturm im Dorf ist bewaffnet worden und zieht an der Durchfahrtstraße auf Posten. Die Wagen der Flüchtlinge folgen in immer dichteren Abständen. Anfänglich waren es altertümliche Planwagen; sie machen nun protzigen Autos Platz, die nicht so weit herkommen.
Auf den Schienen rollen ununterbrochen Züge und evakuieren Fabrikausrüstungen. In 50 Meter Entfernung vom Lager wird eine Lokomotive von einem vereinzelten Flugzeug beschossen. Mehrmals täglich tauchen alliierte Flugzeuge am Himmel auf. Nachts hört man deutlich Geschützdonner. Es besteht kein Zweifel mehr: Die Front rückt näher. Das Land befindet sich im Alarmzustand... Wir rücken am nächsten Morgen zu Fuß nach Wieda ab..., überglücklich, aus dem Ort fortzukommen, wo wir soviel gelitten haben. Wir marschieren ins Unbekannte."

Evakuierung (Todesmarsch)

   Vor den herannahenden Alliierten werden zwischen dem 4. und 7. April 1945 alle Südharzlager geräumt und die Häftlinge in mehreren Transporten überwiegend mit der Bahn, teilweise auch in langen Fußmärschen in frontfernere KZs verbracht. Die Märsche entwickelten sich zu Todesmärschen, an deren Wegstrecken zahllose Entkräftete erschossen zurückblieben. Ihrem menschlich etwas reiferen Kommandanten verdanken fast alle zum Evakuierungsmarsch aufgebrochenen Häftlinge der IV. SS-Baubrigade ihre unbeschadete Befreiung im Angesicht der amerikanischen Truppen noch im Harz.

   Am Nachmittag des 6. April werden die 3 Außenlager der III. SS-Baubrigade geräumt. 1.141 Häftlinge marschieren nach Wieda. Am Morgen des 7. April 1945 begann der Abmarsch aus Wieda. Von den 1135 Häftlingen, die beim Appell gezählt wurden, gingen 800, in zwei Marschblöcken von je etwa 400 Mann, zu Fuß nach Norden in Richtung Braunlage. Sechs in der Nacht verstorbene Kameraden mussten sie zurücklassen. Sie haben heute ihre Grabstätte auf dem Friedhof von Wieda. 335 gehunfähige Kranke blieben zurück und wurden am frühen Nachmittag am Bahnhof Wieda Süd in einen Zug der Schmalspurbahn verladen.

   Der erste Block der Fußmarschierer, in dem sich vermutlich kräftigere Häftlinge befanden, erreichte am frühen Nachmittag des 7. April Braunlage. Nach einem Bericht van Dijks gerieten sie in ein Feuergefecht zwischen alliierten Flugzeugen und deutscher Flak-Abwehr. Es habe eine unbekannte Zahl von Verletzten gegeben, die vor dem Weitermarsch von ihren Bewachern erschossen worden seien. Die Häftlinge zogen weiter durch Braunlage und bogen in die Elbingeröder Straße nach Osten ein. Unweit vor Elend, auf einer heute noch vorhandenen großen Wiese im Walde, trafen sich beide Marschgruppen wieder und übernachteten gemeinsam im Freien. Auch hier soll es am Morgen zu Erschießungen nicht mehr Gehfähiger gekommen sein. Am Morgen des 8. April ging es durch Elend über Drei-Annen-Hohne und Hasserode in Richtung Wernigerode.

   Albert van Dijk beschreibt den nächsten Abschnitt des Marsches:
"Der enge Bergweg führt an der linken Seite an hohen steilen Bergwänden vorbei [, den Hohneklippen,] und an der rechten an tiefen Schluchten [, dem Drängetal,] vorbei. Wir bewegen uns der Sonne entgegen. Langsam schleppte sich die Häftlingskolonne. Die erschöpften kranken Kameraden konnten nur unter größter Anstrengung mitmachen. Und schon fielen hinten in der Kolonne Schüsse. Auch an diesem Tag gab es nichts zu essen und wir fraßen Gräser wie Tiere. ... Während wir uns ausruhten an der Schattenseite einer überragenden Felsenklippe, blickten wir hinab auf eine Stadt mittlerer Größe tief im Grunde. ...
Plötzlich war der Himmel erfüllt von schwerem Gedröhn zahlreicher Flugzeuge, die über den Berg heranflogen. In unserer verdeckten Lage im Schutze des überragenden Felsen befanden wir uns auf fast gleicher Höhe wie die schweren amerikanischen Jagdbomber, deren Piloten wir im Führerraum unterscheiden konnten. Es schien mir, als ob die schweren Maschinen im Flug anhielten, als wären die Insassen fasziniert vom Anblick der Stadt tief im Grunde. Dann flogen sie in einer weiten Kurve südlich um die Stadt herum und setzten den Anflug gegen Westen an, ließen ihre Bombenlast auf die wehrlose Stadt fallen und schwenkten Richtung Nordwesten ab. Und immer flogen neue Geschwader heran, stürzten die Stadt und die Menschen ins Verderben."
So wurde diese erste Marschkolonne der III. SS-Baubrigade gegen 11.30 Uhr Zeuge vom Untergang Halberstadts.

   Dieser Marschblock scheint noch bis in die Stadt Wernigerode hinein gekommen zu sein, denn von einem seiner Teilnehmer hören wir, so schreibt Joachim Neander, man habe in einem "geräumten Konzentrationslager, das sich unmittelbar an einem Bahnhofsgelände befand", übernachtet, wo auch am nächsten Tag der Transportzug schon bereitgestanden habe. Es könnte es sich um das Lager am Veckenstedter Weg in Wernigerode gehandelt haben. Es befand sich ganz in der Nähe des Güterbahnhofs und beherbergte von März 1943 bis Dezember 1944 das Außenkommando "Richard" des KZ Buchenwald. Seine Häftlinge mussten ab Herbst 1944 ein neues Lager in Hasserode unterhalb des Bahnhofs "Steinerne Renne" bei einer Rüstungsfabrik aufbauen. Mit Fertigstellung dieses Lagers wurden die Häftlinge vom Veckenstedter Weg zur Steinernen Renne verlegt.
Hier scheint die langsamere zweite Marschkolonne Quartier genommen zu haben, denn ein Teilnehmer berichtet, man habe "in eine[r] kleine[n] Munitionsfabrik, wo ein Kommando von Dora arbeitet[e]", übernachtet, und von dort habe man noch "einen weiteren langen Fußmarsch" gehabt bis Wernigerode.

   Weiter als bis zur "Steinernen Renne" scheint auch der Eisenbahnzug mit den Kranken vorerst nicht gefahren zu sein. Ein Teilnehmer dieses Transports berichtete nach Kriegsende, der Zug habe am späten Abend des 7. April bei "einem kleinen KZ, einer Fabrik von untergeordneter Bedeutung, verloren in den Bergen" Halt gemacht. Dort sei am Abend des folgenden Tages eine größere Anzahl marschunfähiger Kameraden, die von Wieda zu Fuß aufgebrochen gewesen seien (?) also offensichtlich solche aus der zweiten Marschkolonne (?) zu ihnen in die Waggons gepfercht worden, so dass diese völlig überfüllt gewesen seien.
Am Morgen des 9. April 1945 sei der Zug dann weitergefahren. Im Laufe des 9. April 1945 trafen auf dem Güterbahnhof von Wernigerode alle Marschgruppen und der Bahntransport mit den Kranken ein. Sie wurden sämtlich auf einen Reichsbahnzug mit geschlossenen Güterwagen ("Viehwaggons") verladen.

   Von Wernigerode geht der Treck per Bahn über Magdeburg bis nach Letzlingen. Zu Fuß geht es weiter; in kleinen Gruppen und einzeln sind hier wiederholt Häftlinge geflüchtet. Manche wurden von deutscher Bevölkerung versteckt, die größere Zahl aber verraten, entdeckt und ermordet. Unter Kapo- bzw. SS-Begleitung ging eine Marschkolonne weiter bis Tremmen/Brandenburg, wo am 29. oder 30. April 1945 Albert van Dijk die Freiheit erlangte.

   Von wenigen Häftlingen der III. SS-Baubrigade wird der Weg bis in die Freiheit aufgezeichnet. Ein großer Anteil der Brigade geriet in der Altmark in mehrere Massaker, ca. 200 gerieten unter die über 1.000, die in der Isenschnibber Scheune bei Gardelegen lebendigen Leibes verbrannt wurden, einer der abscheulichsten und von vielen parteilichen, staatlichen und kommunalen Einrichtungen Gardelegens gemeinsam begangenen Untaten im deutschen Binnenland.

Joachim Neander schreibt hierzu nach umfangreicher Aktenauswertung:
"Speziell für die SS-Baubrigaden ergibt eine überschlägige Rechnung, dass von den insgesamt etwa 2500 Häftlingen, davon ca. 1150 in der 3., 1350 in der 4. SS-Baubrigade, 800 ihre Befreiung nicht erlebt haben. Dabei wird davon ausgegangen, dass von der SS-Baubrigade III etwa 700 Mann überlebt haben, während auf dem Transport bis Zienau 50 Mann, in den Wäldern der Altmark und bei den Evakuierungsmärschen 200 Mann und in der Isenschnibber Scheune weitere 200 Mann ums Leben kamen. ... Damit gilt auch hier, dass etwa jeder Dritte der Lagerinsassen im Zuge der Evakuierung, als die Befreiung schon greifbar nahe schien, ums Leben kam.

   Man mache sich nur einmal klar, wer alles und in welchem Umfang an diesen Massakern nachgewiesenermaßen als Täter beteiligt war: Parteifunktionäre, Angehörige von SA, Allgemeiner und Waffen-SS, Soldaten der Luftwaffe, Kavalleristen, Fallschirmjäger des Heeres, Polizeibeamte, Hitlerjungen, Volkssturmmänner, Reichsarbeitsdienstler, selbst KZ-Insassen (Kapos) und womöglich auch noch Mitglieder der Technischen Nothilfe und der Feuerwehr. Das war ein repräsentativer Querschnitt durch die deutsche männliche Bevölkerung im Kreisgebiet. So bleibt als das eigentlich Erschreckende an den Massenmordaktionen in und um Gardelegen, dass sie nicht etwa die Tat einer Handvoll am Rande der Gesellschaft angesiedelter "sadistischer SS-Bestien" waren, sondern das Werk der gesamten deutschen Bevölkerung im Landkreis.

   Im Kontext der aktuellen Diskussion (insbesondere Goldhagen) muss die gesellschaftliche, historische und psychologische Situation der kollektiven Erosion von Grundlagen einer humanen und sich bis dahin als Kulturnation verstehenden Gesellschaft neu beleuchtet werden. Auch muss man sich fragen, ob bei nur wenig anderem Frontverlauf die deutsche Bevölkerung und ihre Stellen Ähnliches nicht genauso in anderen Kreisstädten hätten vollbringen können."

   ORSETs Befreiung: "Als er hinausging, sagte er: "Versteckt euch hier. Eure gestreiften Kameraden liegen auf den Straßen, erschossen und verstümmelt. Sie haben ihnen die Augen herausgerissen. Ich glaube, ihr riskiert hier nichts, denn die deutsche Polizei ist weg. In einer Stunde werdet ihr frei sein."
Es war noch nicht einmal eine Stunde vergangen, als das Feuer verstummte. Zwei unbekannte Polen (Kriegsgefangene, in Khakiuniform gekleidet) kamen herein. Sie waren neben uns gewesen, aber das hatten wir nicht gewußt. Die beiden sprachen französisch: "Kommt, Franzosen und seht. Ihr seid frei." Wir küßten die beiden.
Ich stand vor der Tür. Meine Augen blinzelten in die Frühlingssonne. Das leere Feld glänzte wie Gold. Das Pferd lief fort und ließ eine Staubwolke hinter sich. Und auf der Straße, wo der Tod neben uns gewesen war, stand jetzt eine Siegerarmee.

   Ein unbeschreiblicher Moment. Sogar die deutsche Landschaft schien äußerst schön. Hier stand ich nun, ohne Unterhose, barfuß, gezeichnet von zwei Jahren des Leids. Jetzt war ich endlich frei. Ganz spontan begann ich die Marseillaise zu singen: Freiheit, Freiheit. Ein Pole tippte mich auf die Schulter: "Alter Franzose, werde nicht verrückt." Orange, der Pastor, sprach ein Dankgebet. Sechs Männer hatten in dieser Hütte überlebt. Einige dachten in diesem Augenblick an Gott, andere glaubten in diesem Augenblick an die Wiedergeburt. Alle dachten an die, die umgekommen waren."

Bau-Erfolg

   Fast die gesamte 22 km lange Bahnstrecke war Anfang April 1945 fertig, wenn auch nur einspurig. Mit dem Berggleis am Römerstein war - außer Rodungsarbeiten im Mackenröder Wald - noch nicht begonnen worden. Nur eine kleine Lücke (ca. 1 km) blieb westlich Nordhausen unvollendet, hier steht noch als geradezu weithin sichtbares Mahnzeichen die unfertige Brücke über die Lache. Beängstigend, erschütternd und doch auch - im Vergleich zum heutigen Verkehrswegebau - ein Stück beeindruckend ist die enorme logistische Leistung, die Planung und Bau in weniger als einem Jahr zustande brachte: Aber genau dies ist auch das Fanal in Unrechtsstaaten. Eigentums-, Umwelt- und insbesondere Menschenrechte zählen nicht!
1946 erfolgte dann der Rückbau des Oberbaumaterials durch die Reichsbahn (Ost und West); es war nämlich noch nicht bezahlt gewesen. Heute ist der Bahndamm Urwald bzw. Weideland, östlich Mackenrode ist die Trasse weitgehend wieder weggepflügt. Zusammenhängendes Eigentum an den überbauten Grundflächen wurde durch den Bauträger ohnehin nie erworben. Die Anschlüsse in den Bahnhöfen Osterhagen bzw. Nordhausen sind nicht mehr erkennbar.

Gedenken

   Nur in Mackenrode und Günzerode kam es 1995 zu Gedenkmaßnahmen. Im Landkreis Osterode waren die Lagerplätze geräumt und vergessen oder verdrängt worden; so enthält z.B. die Chronik Osterhagens von 1993 kein Wort zum Geschehen. Auf Initiative der Arbeitsgemeinschaft Spurensuche in der Südharzregion erfolgte dann am 10. 4. 1999 die Einweihung der Gedenksteine in Osterhagen und in Nüxei. Hier hat sich dann spontan eine Anliegerin und Zeitzeugin zur Pflege des Gedenkortes mit Blumen bereit erklärt.

   Im Rahmen des "Wegzeichenprojektes Westharz" wurden und werden 2000 und 2001 ca. 20 Stelen aus schlichtem Beton an drei Todesmarschstrecken, so auch zwischen Wieda, Braunlage und Elend errichtet. Das Projekt wird gemeinsam getragen von der Arbeitsgemeinschaft Spurensuche in der Südharzregion und den Berufsbildenden Schulen in Osterode.

   Offen bleibt noch das Vorhaben zur Wiederherstellung des Bahndammes als Gedenkort in Verbindung mit einem Wander- und Radweg. Hier sind zunächst Widerstände von Anliegern, insbesondere private jagdliche Interessen zu überwinden. Das Engagement der zuständigen Behörden, insbesondere des Landkreises Osterode ist herausgefordert!

Literatur

VLADI, Firouz et al. (2000): Der Bau der Helmetalbahn - Ein Bericht von der Eisenbahngeschichte, den KZ-Außenlagern der SS-Baubrigaden, Zwangsarbeit im Südharz in den Jahren 1944-45 und den Evakuierungsmärschen im April 1945.- Hrsgg. v. d. Arbeitsgemeinschaft Spurensuche in der Südharzregion, 14 S., II + 37 Abb.; Duderstadt (Mecke). [Dieser Veröffentlichung wurden die oben stehenden Zitate entnommen.]
KLINGER, Margret, NEANDER, Joachim, SCHIRMER, Dirk und VLADI, Firouz (2000): Wegzeichenprojekt Westharz. Zu den Todesmärschen der KZ-Häftlinge vom April 1945 im Westharz und über das Gedenken an ihre Opfer.- Heimatblätter für den südwestlichen Harzrand, S. 138 - 153, 1 Tab., 2 Abb., 1 Kt.; Osterode am Harz.

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DR. PETER ECKHARDT, Mitglied des Deutschen Bundestages

Zivilcourage - Lehren der Vergangenheit, Lernziel Zukunft

Ich habe während meines Studiums gelernt: Oberstes Ziel der Erziehung in Deutschland ist es, dass sich Auschwitz nie wiederholen darf.

   Wenn im Gästebuch einer KZ-Gedenkstätte im Jahre 2001 aber nicht mehr wie vor Jahren steht, wir leugnen, dass es KZs gegeben hat, ihre Kulisse sei von den Siegermächten nach 1945 zur dauerhaften Demütigung der Deutschen aufgebaut worden, sondern wir sind stolz, dass es in Deutschland diese Lager gegeben hat und sie wären heute nötiger denn je.

   Sie können an diesen Zitaten den Wechsel der "Argumentation" und den neuen sozialen Hintergrund des Rechtsextremismus in unserem Land im Jahre 2001 erkennen. Politik und Erziehung geraten bei dieser neuen Konstellation an die Grenze ihrer pädagogischen Möglichkeiten.

   Die rechtsextreme Szene hat in Deutschland im Jahre 2001 eine neue originäre Qualität der Aggression und Fremdenfeindlichkeit bekommen. Sie stellt für die Demokratie und die Friedfertigkeit unserer Gesellschaft eine große Gefahr dar und muss politisch, pädagogisch und strafrechtlich um unserer Gesellschaft selbst willen verfolgt werden. Ausländerfeindlichkeit und Antisemitismus wecken in den Ländern Europas, die unter den Deutschen im 2. Weltkrieg gelitten haben, neue Ängste und behindern die Einigung Europas. Die Opfer der Rechtsextremen sind besonders in Ostdeutschland Ausländer, Behinderte, Obdachlose und sozial Schwache, die gejagt, geschlagen und manchmal auch getötet werden. Ausländerfreie Zonen in Regionen, in denen so gut wie keine Ausländer leben, sind das äußere symbolische Kennzeichen einer gefährlichen politischen und sozialen Entwicklung.

   Die Aktivitäten der Skins und der sog. Kameradschaften im Jahre 2001 setzen sich von den rechtsextremen Konstellationen der frühen Nachkriegsjahre, die von 1952 bis 1969 die junge westdeutsche Demokratie bedrängten, erheblich ab. Sie sind ein neues soziales Phänomen des Neonazismus. Ihre Ideologie, ihre Altersstruktur, ihre soziale Herkunft und ihre regionalen Schwerpunkte unterscheiden sich erheblich von den Auseinandersetzungen am Ende der Weimarer Republik.

   Das Jahr 1999 war das Jahr mit den meisten rechtsextremen, fremdenfeindlichen und antisemitischen Delikten in Deutschland. 4. 000 Taten waren soviel Delikte wie seit 1990 nicht mehr. Von 10.000 Skinheads und Neonazis wurden 840 Gewalttaten begangen, es gibt viele Nachahmer und "heimliche" Sympathisanten. Erfreulich: Die Aufmerksamkeit der Bevölkerung und die Aktivitäten der Polizei und der Justiz verbessern sich.

   Die "dritte Welle" von Asylbewerbern und die sozialen Probleme der Wiedervereinigung haben in Deutschland einen ethnozentristischen und autoritären Nationalismus hervorgebracht, der sich völkisch fundiert und ein rassisch zugespitztes Wert- und Ordnungsprinzip besitzt, dem alle anderen Werte und Ziele von Freiheit und Menschenwürde untergeordnet werden. Die Normen des Grundgesetzes werden abgewertet, missbraucht und abgelehnt. Bei großen Teilen der Jugendlichen gibt es eine ausgeprägte Gewaltbereitschaft und eine völkische Alltagskultur, die leider von einer breiten Zustimmung in der Bevölkerung und in den Medien begleitet wird. Sozialwissenschaftliche Studien belegen, dass es in Deutschland eine neue Alltagskultur rechter Szenen gibt, dass neonazistische Musik die Konflikte mit den Nichtrechten anheizt und im wesentlichen 12[-] bis 14[-jährige] Jugendliche für diese Dominanz rechter Kultur anfällig sind. Diese Alltagskultur hat sich besonders in der ostdeutschen Gesellschaft tief "eingefressen" und betrifft alle sozialen Schichten.

   Sie liegt in der Tradition fremdenfeindlicher und autoritärer sozialer Strukturen aus DDR-Zeiten. Die Deutsche Einheit hat diese Alltagskultur mit den Erfahrungen sozialer Anomie, persönlicher Frustration und sozialer Entwertung in Verbindung gebracht. Familiäre Konflikte und ein autoritärer Erziehungsstil, Abweisungs- und Verwahrlosungserfahrungen bei Kindern schaffen ein soziales Klima, in dem diese Jugendlichen von rechten Gruppen erfolgreich angeworben werden können. Exemplarisch seien die Unruhen im August 1992 in Rostock genannt.

   Gewalt und Gewaltanwendung werden als attraktive Handlungsmöglichkeit angesehen, die keine Grenzen hat und damit die rechte Szene verfestigt und vertieft. Erschreckende sozialwissenschaftliche Feststellung: 30 Prozent aller Brandenburger haben eine feste antisemitische Einstellung und könnten das Sympathisantenumfeld von Straftaten gegen Fremde sein.

   Die Politik, die Erziehung, die Polizei und die Justiz, die Familien und die Sportvereine, die Kirchen und die Gewerkschaften, die Arbeitgeber und die Städte und Gemeinden haben im Kampf gegen Rechts ihre spezifische soziale Verantwortung. Sie müssen alle ihre Aufgaben kompetent und zuständig wahrnehmen. Die wesentliche Aufgabe von Politik gegen Fremdenfeindlichkeit ist ihr Vorbildcharakter für Gesellschaft und Staatsbürger. Wenn Gewalt und Korruption, Raffgier und eine fremdenfeindliche Sprache bei Politikern selbst zu finden sind, können die Folgen bei Jugendlichen nicht mehr "eingefangen" werden.

   Die Stigmatisierung und Ausgrenzung von Ausländern und Asylbewerbern ("Das Boot ist voll", "Wir sind ein Einwanderungsland wider Willen", "Scheinasylanten / Wirtschaftsflüchtlinge") verschärfen die sozialen Spannungen und bauen sie nicht ab. Politik und Schule können diese Aufgaben aber nicht allein bewältigen, ihr fehlen die Mittel und Möglichkeiten, die sozialen Fehler anderer auszugleichen.

   Wir alle in der Bundesrepublik Deutschland haben deshalb die Pflicht gegen rechte Gewalt und Antisemitismus anzukämpfen. Im wesentliche stehen uns dafür folgende Möglichkeiten zur Verfügung. Erfolgreich verwirklicht, werden sie die Gewalt aus unserer Gesellschaft verdrängen können:

  1. Stärkung der Zivilgesellschaft und Verbesserung des Opferschutzes
    Durch die Umkehr der Perspektive und die "Einbeziehung des anderen in diese Perspektive" sollte in ganz Deutschland ein Sicherheitskonzept für die Regionen und die Kooperation mit der Polizei entwickelt werden, das das soziale Klima für Ausländerinnen und Ausländer verbessert


  2. Jugendarbeit und soziale Prävention
    Die oftmals zerstörte Perspektive von Individuen und Familien und die "Flucht in die Unfreiheit" muss durch eine ortsnahe und integrale Jugendarbeit verhindert werden. Das sozialpädagogische Ziel muss die Entwicklung von sozialen Regeln auch außerhalb der Jugendclubs, Familien und Schulen sein. Die oftmals schlechte finanzielle Lage der Jugendlichen, eine fehlende Schulmotivation und die extrem schlechte Ausbildungsplatzsituation und nicht bewältigte Konflikte im Elternhaus sind der "soziale Nährboden" für den Eintritt in rechtsextreme Jugendgruppen. Mobile sozialpädagogische Beratungsteams, die intervenieren und Kooperationen für Zivilcourage initiieren, werden finanziell unterstützt.


  3. Einschränkung des Aktionsradius von rechtsextremen Gruppen
    Der Verfolgungsdruck durch die Einhaltung von Verboten und eine zeitnahe Verurteilung von Straftätern muss verstärkt werden. Politik und Staat dürfen nicht alle Aufgaben auf die Zivilgesellschaft delegieren, sondern sollten ihre Aufgaben stärker selbst wahrnehmen. Der Opferschutz wird endlich auch finanziell besser verwirklicht. Die Ausbildung der Polizei und die Sensibilisierung der Ordnungskräfte müssen verbessert werden. Auf die Verschärfung des Versammlungsgesetzes und eine lückenlose Videoüberwachung kann verzichtet werden, ein Antidiskriminierungsgesetz und eine strafbedrohte Abschaltung von Internetzugängen sind politisch überfällig.


  4. Ermutigung der Bürgerinnen und Bürger, die nicht zu den Rechten zählen.
    Der latenten politischen Stimmung, dass Antifaschismus politisch nicht gewollt sei und es deshalb besser sei sich bei Straftaten herauszuhalten, muss entgegengewirkt werden. Politische Gruppen, die gegen Rechts angehen, sollten nicht als Linksextreme denunziert werden, der tendenziellen Entmutigung, Isolierung und Resignation muss begegnet werden. Wichtig ist der Aufbau eines Sympathieumfeldes gegen Rechts, die Demokratisierung der Schule, eine bessere Erziehung im Vorschulalter, in dem die Konflikte zunächst ohne soziale Regeln ausgetragen werden. Entgegen der Meinung vieler anderer: Politische Bildung verfehlt ihr Ziel, wenn sie erst im Alter von 14 oder 15 Jahren einsetzt.

   Trotz dieser mehr oder minder erfolgversprechenden Maßnahmen muss festgehalten werden, dass Fremdenfeindlichkeit und Antisemitismus auch die soziale Folge von Politik und politischem Handeln ist, das in der "Härte des alltäglichen Konkurrenzkampfes" zur Zivilcourage ermuntern muss, Verbotsmaßnahmen strikt durchsetzen, aber keine sozial ausgrenzenden Aktionen unternehmen soll.



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